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13.04.02 / Wie ein Schweizer Schwindler sich zum "NS-Opfer" machte

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 13. April 2002


Holocaust-Erinnerungsbuch: Das Faszinosum des Grauens
Wie ein Schweizer Schwindler sich zum "NS-Opfer" machte
von Jochen Arp

Wilkomirski ist gar nicht Binjamin Wilkomirski. Und er ist auch nicht das jüdische Kind, das in Riga geboren wurde, dann in den KZs Auschwitz und Majdanek Grauenhaftes erlebte, medizinischen Versuchen des KZ-Arztes Mengele ausgesetzt war, um nach Ende des Krieges in der Schweiz eine Zuflucht zu finden. Tatsächlich wurde er 1941 in Biel (Schweiz) als nicht eheliches Kind namens Bruno Grosjean geboren. Seine Mutter starb 1981, sein leiblicher Vater, inzwischen 81jährig, lebt heute in der Zentralschweiz. Keiner der Eltern ist bzw. war jüdisch. Nachdem das Kind zunächst in einem Heim untergebracht war, wurde es 1957 von dem Zürcher Ärzte-Ehepaar Doessekker adoptiert.

Das unter dem Autorennamen "Binjamin Wilkomirski" 1995 in dem "Jüdischen Verlag", einem Zweigverlag des ansonsten angesehenen Suhrkamp Verlages, erschienene Buch "Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939 - 1948" erregte weltweites Aufsehen. Der angebliche Jude Wilkomirski schilderte grauenhafte angebliche Erlebnisse. Auf einer internationalen Tagung "Für ein Kind war das anders", auf der es um künstlerische Repräsentation traumatischer Erfahrungen jüdischer Kinder und Jugendlicher mit dem NS-Terror ging, standen die angeb- lichen Erinnerungen des angeb-lichen Wilkomirski im Mittelpunkt. Sie seien "ein Beispiel für einen Erinnerungstext, in dessen Struktur sich besonders sinnfällig der Ich-Verlust eines im Lager traumatisierten Jungen abbildet", so Prof. Dr. Barbara Bauer, eine der Initiatoren des Kongresses. Es bestand auf der Tagung Einigkeit, "daß dieses Buch alle anderen hinsichtlich der Drastik und Häufigkeit der Gewaltdarstellungen" übertreffe. Daß es gerade in Deutschland ein großes Echo fand, wird von einem der Tagungsteilnehmer damit erklärt, daß es "nur in Deutschland Menschen gibt, die immer wieder von brutalen Schilderungen fasziniert" seien, was sie verdächtig mache, "sie gäben sich ungestörter Lust am Grauenhaften hin."

Diese angebliche Überlebensgeschichte eines jüdischen Kindes lieferte den Stoff für drei Filme und ein Theaterstück. Sein Autor wurde zu zahlreichen Lesungen und Vorträgen eingeladen, erhielt mehrere Literaturpreise und trat mit seinem Verleger und Therapeuten gemeinsam auf. Die israelische Zentralstelle für die Verfolgung der Juden "Yad Vashem", um die Überprüfung der Lebensgeschichte des "Wilkomirski" gebeten, bestätigte die Echtheit. Das Buch wurde in 13 Sprachen übersetzt und erregte überall ebenso Entsetzen wie Mitleid, so etwa durch die Schilderung von kleinen Kindern, die aus Hunger ihre erfrorenen Fingerchen aufaßen.

Daß das Buch von A bis Z ein Schwindel war, daß der Autor vor Kriegsende nie die Schweiz verlassen hatte und daß er weder Jude ist, noch Wilkomirski heißt, das haben offenbar andere schon vor der Veröffentlichung des Buches 1995 gewußt. So enthüllte jetzt die Neue Zürcher Zeitung, daß ihr damaliger Feuilletonchef schon am 9. Februar 1995 in einem persönlichen Brief an Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld warnend darauf hingewiesen habe, daß die geplante Veröffentlichung eine äußerst heikle Sache sei, zumal die angeblich "echten" Erinnerungen wohl früher oder später als fiktiv erkannt werden dürften. Trotzdem wurde das Buch sechs Monate später auf den Markt gebracht.

Daß der Schwindel aufflog, verdankt man dem jüdischen Autor Daniel Ganzfried. Ihm kam bei der Lektüre des Buches der Verdacht, daß das Mitgeteilte so nicht stimmen kann. Er recherchierte lange und sorgfältig und stieß auf die Tatsachen, die er im August 1998 in der Schweizer Zeitung "Weltwoche" publizierte.

Es gab zwar in der Öffentlichkeit einen Aufschrei, doch ließen sich gläubige Anhänger der Märchen von Wilkomirski-Doessekker nicht beirren, zumal der Autor alles abstritt. Der Suhrkamp Verlag verkaufte noch ein Jahr lang unbeirrt die gefälschten Memoiren. Psychiater, Psychotherapeuten, Literaturwissenschaftler - sie alle fanden die abstrusesten Erklärungen, etwa der Autor könne ein jüdisches Kind ohne Identität sein, er könnte in einem zweiten Leben die neue Identität erworben haben, er habe sich unbewußt in die Rolle eines Holocaust-Opfers hineingesteigert, er sei 1945 in der Schweiz versehentlich mit einem anderen jüdischen Kind vertauscht worden und was der krampfhaften Versuche mehr waren.

Was für absurde Folgen das Schwindelunternehmen hatte, macht ein Ereignis deutlich, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder entsetzt sein soll. 1997 schrieb eine Laura Grabowski an den Buchautor "Wilkomirski", auch sie sei eine Überlebende von Auschwitz und habe ein ähnliches Schicksal erlitten. Wilkomirski bestätigte, er erinnere sich noch gut an die kleine Laura in Auschwitz. Man traf sich bei einem amerikanischen Holocaust-Gedenktag in Los Angeles. Die beiden fielen einander unter Tränen in die Arme. Wilkomirski erzählte gerührt, wie er sich an die "kleine Laura mit den blonden Haaren und den blauen Augen" in Auschwitz erinnere. Später stellte sich heraus, daß "Laura Grabowski" in Wahrheit Lauren Stratford heißt, 1941 in Auburn/Washington (USA) geboren wurde, einen Bestseller über Satanismus geschrieben hat, in dem sie schildert, wie man an ihr satanistische Rituale exerziert habe und drei ihrer Kinder von Satanisten umgebracht worden seien. Sie tingelte durch die Fernseh-Shows der USA, bis ihre Geschichte als Schwindel entlarvt wurde. Nun versuchte sie es als Auschwitz-Überlebende. Und alle Welt glaubte ihr. Mittlerweile ist Frau Stratford alias Grabowski untergetaucht, nachdem sie nicht nur beim Schweizer Holocaust-Fonds, sondern auch bei anderen Institutionen Anträge auf Wiedergutmachung gestellt und erhebliche Summen eingestrichen hatte.

Seit zwei Jahren ermittelt die Bezirksanwaltschaft I des Kantons Zürich gegen Wilkomirski-Doessekker wegen Betrugs und unlauteren Wettbewerbs. Die Bezirksanwaltschaft ordnete eine DNA-Analyse zum Vergleich zwischen dem Erbgut des Wilkomirski-Doessekker und dessen leiblichen Vaters an, doch weigerte sich Wilkomirski jahrelang mit der Begründung, seitdem der KZ-Arzt Mengele an ihm Versuche vorgenommen habe, lasse er niemanden an seinen Körper heran. Nun gelang es der Bezirksanwaltschaft auf bisher noch unbekannte Weise, Vergleichsmaterial von Wilkomirski zu erlangen. Das Ergebnis war eindeutig: Wilkomirski ist unzweifelhaft der Sohn jenes heute 81jährigen Schweizers. In den nächsten Wochen will die Bezirksanwaltschaft entscheiden, ob sie gegen Wilkomirski-Doessekker Anklage erhebt oder das Strafverfahren einstellt.

Während ein Teil der interessierten Öffentlichkeit - und dazu gehören auch jüdische Kreise - den Fall zum Anlaß nimmt zu fordern, "Holocaust-Kitsch und Show-Business" müßten endlich ein Ende haben, warnt der andere Teil davor, die Fälschungen des "Wilkomirski", (von dem manche meinen, daß er nicht allein der Täter sei), zu nutzen, um die gesamte Holocaust-Literatur als unglaubwürdig abzuwerten.