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13.04.02 / Was die Spiel-Theorie mit Außenpolitik und Zeitgeschichte zu tun hat

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 13. April 2002


Sind wir alle Versuchskaninchen?
Was die Spiel-Theorie mit Außenpolitik und Zeitgeschichte zu tun hat
von R. G. Kerschhofer

Unter dem Titel "Krieg oder Frieden? - Eine spieltheoretische Analyse der Appeasement-Politik" bringt die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Osterausgabe einen Beitrag von Jack Hirshleifer, der 1925 in Brooklyn geboren wurde, seit 1960 an der University of California lehrt und sich als Forscher und Publizist mit Ökonomie, Konflikt-Theorie und verwandten Gebieten befaßt. Der Autor geht von der durchaus einleuchtenden These aus, ökonomische Theorien seien immer dann anwendbar, wenn "Ressourcen knapp sind, Raum für rationale Entscheidungen besteht und die Entscheidungsträger in einer Weise interagieren, die zu einem sozialen Gleichgewicht führt." Ökonomische Ansätze seien daher auch auf Innenpolitik, Außenpolitik und eben die Frage "Krieg oder Frieden" anwendbar.

Der Leser mag sich fragen, was die "Spiel-Theorie" damit zu tun hat. Hier ist zu sagen, daß diese zwar aus der Analyse klassischer Spiele entstand, aber - längst darüber hinausgewachsen - sich heute allgemein mit Fragen der Entscheidungsfindung bei unvollständiger Information befaßt. Da notorische Spieler unwissenschaftlich vorgehen, liegt zwar der praktische Nutzen nicht auf der Hand, doch Grundlagenforschung hat eine Berechtigung als Voraussetzung für angewandte Forschungsgebiete, und speziell die Spiel-Theorie bewährt sich bereits als Einkommensquelle für Buchautoren und Management-Berater: Denn Konzerne und Strategen glauben, mit dieser Wunderwaffe bessere Entscheidungen treffen zu können.

Hirshleifer sucht am Beispiel der Münchner Konferenz von 1938 darzulegen, wie die Spiel-Theorie auf politische Entscheidungen anzuwenden ist - oder gewesen wäre: Man stelle die eigenen Optionen und die möglichen Reaktionen des Gegners in eine Entscheidungs-Matrix, und schon ist die Lösung da. Konkret gibt er den Westmächten die Optionen "Appeasement" (Abwiegelung, Beschwichtigung) oder Widerstand - doch ohne hier auf seine Argumente in all ihren Variationen einzugehen, sei gleich das Ergebnis verraten: Hirshleifer gelingt es zu beweisen, daß sich Chamberlain und Daladier 1938 falsch verhielten, weil sie Hitler falsch einschätzten. Klar?

Nun können ja auch Meteorologen beweisen, warum gestern das Wetter so war und nicht anders, denn sie müssen bloß ihre Modelle mit jenen Daten füttern, die vorgestern noch nicht verfügbar waren. Und auch wir selber ertappen uns allzuoft, wie wir mit heutigem Wissensstand alles besser gemacht hätten. An sich ist dies auch nicht weiter schlimm. Problematisch wird es erst, wenn man in sicherer Schreibstuben-Atmosphäre über das Verhalten in Extremsituationen moralisiert. Oder wenn man die aus der Vergangenheit zu ziehenden Schlüsse ignoriert. Oder wenn man glaubt, die Erfolgsrezepte der Vergangenheit seien immer auch auf die Zukunft anwendbar ...

Doch sehen wir uns an, zu welchen verallgemeinernden Schlußfolgerungen Hirshleifer kommt: "Die beste Methode, mit einem Feind umzugehen, der beschwichtigt werden kann, besteht darin, ihn so wohlhabend zu machen, daß er keinen Wunsch mehr zu einer Auseinandersetzung hat. Im Unterschied dazu sollte ein aggressiver Gegner, der sich nicht besänftigen läßt, so weit in Armut gehalten werden, daß er sich einen Krieg gar nicht leisten kann."

Selbst ohne theoretische Vorkenntnisse muß uns das bekannt vorkommen: Ist nicht Variante zwei exakt das, was man in Nahost praktiziert? Auch der Morgenthau-Plan wäre Variante zwei gewesen, doch schätzte man damals die Lage anders ein und entschied sich für Variante eins, nämlich Marshall-Plan plus Umerziehung. Und tatsächlich ist das viel profitabler, denn eine Kuh, die man dauerhaft melken und bei Bedarf vor den eigenen Karren spannen will, muß man gut füttern.

Allerdings haben die ausschließlich im Materiellen verhafteten Strategien eine Achillesferse: Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Systematische Entwürdigung führt unweigerlich zu Verhaltensweisen, die vor Selbstschädigung, ja Selbstzerstörung nicht haltmachen - was man dann zwar als Terror bekämpfen kann, aber gelöst ist damit gar nichts, im Gegenteil. Und auch Variante eins stellt keine Dauerlösung dar, denn in einer allein auf Wohlstand fixierten Gesellschaft kommt es zwangsläufig zu Orientierungslosigkeit, Entsolidarisierung, Zwietracht und Ausbrüchen irrationaler Gewalt, die ihrerseits den Wohlstand wie auch die Außenbeziehungen untergraben. Konflikt-Theoretiker und ihre politischen Adepten sollten sich daher voll und ganz der Frage widmen, warum ein Gegner aggressiv - beziehungsweise warum er überhaupt ein Gegner ist! Wer das ehrlich beantwortet und dementsprechend handelt, dem sei auch das Moralisieren zugebilligt.