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13.04.02 / Serie: Preußen und Polen (II) / Vom Wiener Kongreß nach Napoleons Scheitern bis zu den polnischen Aufständen

© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 13. April 2002


Serie: Preußen und Polen (II)
Vom Wiener Kongreß nach Napoleons Scheitern bis zu den polnischen Aufständen
von Rüdiger Ruhnau

Bei der Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongreß nach dem Zusammenbruch der napoleonischen Herrschaft wurde neben der Stadtstaatscharakter tragenden "Republik Krakau" auch das "Königreich Polen" geschaffen, das per Personalunion mit dem russischen Zarenreich verbunden wurde.

Eine über 800 Kilometer lange Grenze trennte nun dieses "Kongreßpolen" genannte Königreich von den vier preußischen Provinzen Ostpreußen, Westpreußen, Posen und Schlesien. Oberpräsident von Westpreußen mit den beiden Regierungsbezirken Danzig und Marienwerder wurde Theodor v. Schön. Aber schon 1824 beschloß man, Ost- und Westpreußen zu vereinen, wie es bereits im Deutschordensstaat der Fall gewesen war, und v. Schön verlegte als Oberpräsident der vereinigten Provinzen seinen Amtssitz von Danzig nach Königsberg. 1877 kam man zu dem Schluß, daß eine Trennung der beiden nun vereinten Provinzen doch vorteilhafter wäre und man richtete wieder ein Oberpräsidium für Westpreußen ein.

Theodor v. Schöns geschichtliche Bedeutung beruhte auf seiner Mitarbeit am Reformwerk des Freiherrn vom Stein. Als Oberpräsident der vereinigten Provinzen hat er nicht weniger als 400 neue Schulen gegründet. Unvergessen bleibt auch sein Beitrag zum Wiederaufbau der Marienburg. Unermüdlich bohrte er finanzielle Hilfsquellen an und schuf so die Voraussetzung zur Rettung der zerfallenen Ordensburg. Der König verlieh diesem großen Sohn Altpreußens den Titel "Burggraf der Marienburg".

Gegenüber den mit seinem Reich verbundenen Polen hegte der russische Zar Alexander I. keine feindlichen Gefühle. Als "König von Polen" gestattete er ihnen sogar eine eigene Verfassung. Eine nationalpolnische Verwaltung und die Aufstellung einer einheimischen Armee von 30.000 Mann, wenn auch unter einem russischen Oberkommandierenden, waren weitere Beweise seiner Sympathie. Da die Universitäten Krakau und Wilna außerhalb des Königreiches lagen, stiftete Alexander I. die Universität Warschau. Dies alles vermehrte die Zahl seiner Anhänger. Sie rechneten auch damit, einmal an die Stelle der in Rußland dominierenden Deutschen treten zu können und ihr Schicksal mit dem des Slawentums zu vereinen. Das nächste Ziel wäre dann die Verbindung mit Litauen und als letzter Schritt ein gemeinsamer polnisch-russischer Vorstoß gegen Preußen und Österreich gewesen.

Nach dem Tode Alexanders gingen die Sonderrechte verloren, zwischen der Bevölkerung und der russischen Regierung baute sich ein immer größerer Gegensatz auf. Angespornt von intellektuellen Kreisen forderte das Volk die Wiederherstellung eines vereinten polnischen Reiches. 1830 kam es zu einem ersten Aufstand, der die Russen zum Rückzug zwang. Nach mancherlei wechselvollen Kämpfen hatte der russische Gegenschlag vollen Erfolg. Nun bauten die Russen ihre Herrschaft in Kongreßpolen rücksichtslos aus, kein Pole konnte mehr ein Amt erhalten, wenn er nicht der russischen Sprache mächtig war. Immer wieder brachen neue blutige Unruhen aus, die mit aller Gewalt unterdrückt wurden. Die Russifizierung der meisten Einrichtungen traf das Polentum schwer. In den Schulen, auch an der Warschauer Universität, wurde das Russische als alleinige Unterrichtssprache in allen Wissenschaften mit Ausnahme der Theologie eingeführt. Zar Nikolaus I., der im Gegensatz zu seinem Vorgänger ein starres Polizeiregime einsetzte, trat außenpolitisch für die Fortführung der Heiligen Allianz ein, für das enge Zusammengehen mit Preußen und Österreich. Von seinen 100 Generälen, die am Krieg gegen Polen teilnahmen, waren 56 Deutsche. Zum Oberkommandierenden hatte er den aus Schlesien stammenden, vorher in preußischen Diensten stehenden Fürsten Diebitsch-Zabalkanski ernannt.

Preußen, das für Rußland Partei ergriffen hatte, mobilisierte vorsichtshalber einen Teil seiner Truppen unter dem Oberbefehl von Generalfeldmarschall v. Gneisenau, dem als Stabs-chef v. Clausewitz zur Seite stand. Als die Reste der geschlagenen polnischen Armee über die Grenzen nach Norden flüchteten, wurden sie von preußischen Truppen entwaffnet.

Die emigrierten polnischen Patrioten und Anführer der Aufstände sammelten sich in Paris, wo sie eine Art Exilregierung bildeten. Unterstützt von der allgemeinen Polenbegeisterung setzten sie alles in Bewegung, um die polnische Frage im Bewußtsein Europas lebendig zu halten. In deutschen Landen duldete man zwar keine Emigrantenorganisationen, doch begeisterten sich die Liberalen am fremden Volkstum und warfen den Preußen die Parteinahme zugunsten Rußlands vor. Obwohl ihre Hoffnungen immer wieder enttäuscht wurden, gaben die Emigranten das Ziel nicht auf, Polen von der Fremdherrschaft zu befreien. In der Verherrlichung des Vaterlandes taten sich die Dichter besonders hervor. Der bekannteste von ihnen war zweifellos Adam Mickiewicz. Volksnah schrieb er das zum Nationalepos gewordene Gedicht "Pan Tadeusz". In seinen Schriften verkündete er glühenden Haß gegen Deutsche und Russen. Mickiewicz erhielt in Paris eine Professur für Slawistik. Überhaupt verbanden die meisten Emigranten einen gläubigen Katholizismus mit einem hingebungsvollen Nationalismus. Sie setzten das Schicksal Polens in Parallelität zur Leidensgeschichte Christi. Diese Neigung, sich selbst zu einem erwählten Volk zu bestimmen, wurzelt in der polnischen Geographie und natürlich im Teilungstrauma. Daß es der Emigration auf fremder Erde gelang, ohne eigentliche Machtmittel eine solche Aktivität zu entfalten, war schon eine beachtliche Leistung, die den Teilungsmächten noch zu schaffen machen sollte.

Die preußische Provinz Posen, eingeteilt in die Regierungsbezirke Posen und Bromberg, besaß, obwohl ältestes Kernland des polnischen Volkes, einen großen deutschen Bevölkerungsanteil. Von den Polenkönigen früh ins Land gerufen, hatte man den Deutschen besondere Rechtstitel zuerkannt, beispielsweise gehörte die deutsche Bürgerstadt Posen, neben dem polnischen Fürstensitz 1253 auf dem linken Ufer der Warthe gegründet, im Mittelalter der Hanse an. Aber die Nationen lebten nebeneinander her, nur in seltenen Fällen erlernten Deutsche die Sprache ihrer Nachbarn, noch weniger wußte man etwas von der polnischen Geschichte. Die deutschen Bürger hatten in der Regel zwar einen höheren Lebensstandard als die Polen, aber keine politischen Absichten, da ihr Interesse hauptsächlich dem wirtschaftlichen Gedeihen galt. Dagegen waren die Polen, nach einer ersten Phase des ruhigen Zusammenlebens, unter dem Einfluß der Pariser Emigration politisch sehr aktiv.

Nach der preußischen Besitznahme 1815 versprach ein königlicher Erlaß den Polen die Erhaltung ihrer Nationalität und den Gebrauch ihrer Sprache in allen öffentlichen Verhandlungen. Um 1840 lebten in der Provinz 775.000 Polen (einschließlich Juden) und rund 570.000 Deutsche. In der Stadt Posen selbst betrug das Verhältnis von Deutschen zu Polen im Jahre 1852 noch 55 zu 45, verminderte sich aber stets zugunsten der Polen. Die Juden schließlich, deren Anteil an der Stadtbevölkerung bei 19 Prozent lag, bekannten sich ab 1848 einhellig zum Deutschtum. Mit dem Rückfall an Preußen hielten auch Militär und Beamtenschaft des Königreichs ihren Einzug. Während das Offizierskorps rein deutsch blieb, gehörten in der Posener Garnison von 282 Unteroffizieren 161 dem polnischen Volkstum an.

In der Frage, wie die preußische Regierung mit der polnischen Bevölkerungsmehrheit umgehen sollte, gab es zwei Auffassungen. Gegenüber der mehr liberalen Haltung von Stein und Hardenberg setzte sich die Auffassung des Oberpräsidenten v. Flottwell (1830-1841) durch. Der begann den weitreichenden Einfluß des polnischen Adels und des katholischen Klerus einzudämmen. Da auch Gnesen preußisch geworden war, hatte man das Erzbistum Gnesen mit dem Bistum Posen zum Erzbistum Posen-Gnesen vereint und damit eine kirchliche Trennung vom übrigen Teil Polens vollzogen. Die Besetzung dieses Bischofssitzes spielte fortan eine wichtige Rolle, wobei daran erinnert werden muß, daß das Bistum Posen als erstes Bistum auf polnischem Boden im Jahre 968 von dem Deutschen Jordan eingenommen wurde, denn für die christliche Mission in Polen war vor rund eintausend Jahren das Erzbistum Magdeburg zuständig.

Die Einziehung geistlicher Güter, die Aufhebung vieler Klöster sowie die Verstaatlichung des Schulwesens verringerten die Wirkungsmöglichkeiten der römischen Kirche. Auch die von der Kirche bisher betreuten sozialen Einrichtungen genügten den Ansprüchen der neuen Zeit nicht mehr. Dafür richtete die preußische Verwaltung Krankenhäuser, Waisenhäuser, Irrenanstalten und andere karitative Institutionen ein. Die allen anderen Teilungsgebieten überlegene preußische Agrarpolitik kam insbesondere den polnischen Bauern zugute.

Mit der Thronbesteigung von Friedrich Wilhelm IV. 1840 ergaben sich für die polnischen Patrioten günstigere Voraussetzungen, ihre weitgesteckten Ziele zu verwirklichen. Der menschenfreundliche Preußenkönig wollte alle Untertanen gleich behandeln. Für ihn waren sie alle "preußische Landeskinder", und so wurde jedem Schulkind der Unterricht in seiner Muttersprache gewährleistet. Als viel gravierender erwies sich die Einrichtung einer "Katholischen Abteilung" im preußischen Kultusministerium, denn damit kam die Schulinspektion in Posen in katholische und das hieß polnische Hände, was eine Schwächung des Deutschtums bedeutete. Doch die Hoffnung, eine liberale Verwaltung könnte die polnische Bevölkerung für den preußischen Staat gewinnen, war trügerisch. Insgeheim bereitete die Opposition, von der Pariser Emigration angestiftet, eine neue Erhebung vor, die 1846 zu blutigen Auseinandersetzungen in Galizien führte, in der Provinz Posen dagegen durch Verrat entdeckt wurde. 112 Angeklagte erhielten Freiheitsstrafen, acht zum Tode Verurteilte, unter ihnen der Hauptverantwortliche, der in Frankreich als Sohn eines Emigranten geborene Mieroslawski, wurden vom König zu lebenslanger Haft begnadigt.

Indessen ging die geheime Wühlarbeit weiter. Das Großherzogtum Posen, das ungemein milde regiert wurde, verhieß den Aufständischen größere Erfolge als die von den Russen bedrängten Landesteile. Es folgten die Tage der März-Revolution von 1848. Eine begeisterte Volksmenge hatte die wegen Landesverrates inhaftierten Polen aus dem Gefängnis Berlin-Moabit befreit, darunter den als Märtyrer gefeierten Mieroslawski, der nach Posen eilte, um erneut loszuschlagen. Dort hatte sich inzwischen eine polnische Legion etabliert, die dem Revolutionshelden einen triumphalen Empfang bereitete. Ständig trafen deutsche Flüchtlinge in der Provinzhauptstadt ein, auf der Flucht vor den Gewalttaten der überall auftauchenden Aufständischen. Die geteilte polnische Nation sah ihre Schicksalsstunde gekommen. Ein sofort gebildetes Nationalkomitee rief zum offenen Kampf gegen die preußischen Truppen auf, und bald standen 10.000 mehr oder weniger gut Bewaffnete kampfbereit im Osten der Provinz.

Die Provinzregierung wollte den Ernst der Lage immer noch nicht erkennen. Endlich griff Berlin ein. Der neue Beauftragte, General v. Pfuel, verkündete für die Provinz Posen das Standrecht. Die Aufständischen unter Mieroslawski konnten zunächst einige Erfolge für sich verbuchen, erst als größere preußische Truppenverbände zur Stelle waren, brach die Erhebung zusammen. An die russische Grenze gedrängt, mußte sich Mieroslawski ergeben, er wurde später auf Intervention des französischen Gesandten freigelassen.

Mittlerweile hatten sich die deutschen Sympathien für die Polen merklich abgekühlt. König Friedrich Wilhelm IV. strebte daher eine Abtrennung der deutschen Teile der Provinz an. Bromberg, Schneidemühl, Meseritz und auch die Stadt Posen sollten Anschluß an den Deutschen Bund finden, der restliche Teil aber den Namen "Herzogtum Gnesen" erhalten. Diese Lösung konnte sich auf Dauer nicht durchsetzen.

Am Berliner Hof begegneten sich zwei Strömungen, die Konservativen traten für eine pro-russische (und damit anti-polnische) Haltung ein, ihnen gegenüber standen die liberalen Verfechter, die sogenannten Westlichen. Bismarck hatte sich schon als Abgeordneter 1848 dafür eingesetzt, den Polen nur geringfügig entgegenzukommen.

Polnische Aufständische: Rechts einer der berüchtigten sogenannten Sensenmänner Bild: Ruhnau