15.08.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
15.06.02 / Budapest: Konservative Kaderschmiede

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Juni 2002


Budapest: Konservative Kaderschmiede
Umstrittene Andrássy-Universität startet im Herbst
von Martin Schmidt

Die Bildungspolitik ist eines der am heftigsten umkämpften Politikfelder. Alle Beteiligten wissen, wieviel auf dem Spiel steht: An den Schulen und Universitäten werden Weichen gestellt, die das Denken kommender Machteliten in bestimmte Richtungen lenken.

Wenn beispielsweise die deutsche Linke in der Vergangenheit die Gründung von Gesamtschulen förderte, so war das ein logischer Schluß aus ihrem egalitären Menschenbild. Konservative Politiker hielten demgegenüber in ihrem Wissen um die Verschiedenheit der Menschen am dreigegliederten Schulsystem und dem Leistungsgedanken fest.

Ein bemerkenswerter bildungspolitischer Streit entzündete sich in Ungarn an der im Aufbau befindlichen "Deutschsprachigen Gyula Andrássy-Universität Budapest". Diese startet im September ihren Lehrbetrieb und bereitet sich auf die feierliche Eröffnung Mitte November vor. Die neue Einrichtung ist die einzige deutschsprachige Universität im östlichen Mitteleuropa.

Schon der Name der zentral gelegenen, im inzwischen weitgehend restaurierten Festetics-Palais untergebrachten Privathochschule ist Programm: Graf Gyula Andrássy (1823-90) war maßgeblich am österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867 beteiligt und schuf im Jahre 1879 gemeinsam mit Bismarck den Zweibund zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn. Sein gleichnamiger Sohn (1860-1929) amtierte vom 24.-31. Oktober 1918 als letzter Außenminister der Donaumonarchie.

Enge Beziehungen zum deutschen Kulturraum sowie der Mitteleuropagedanke sind das Fundament der von der alten rechtsbürgerlichen ungarischen Regierung Orbán auf den Weg gebrachten postgradualen Lehranstalt.

Auf deren Internetseite heißt es: "Die Universität bezieht sich auf das Erbe der 1945 geschlossenen Karls-Universität in Prag (diese war 1348 als erste Universität des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation gegründet worden; Anm. d. Verf.). Sie will Führungskräfte ausbilden, die mit der Vergangenheit und der Gegenwart Mitteleuropas vertraut sind und Verständnis für die Besonderheiten der Region haben." Auf dieser Grundlage sollen die an ihr studierenden Eliten "zur Integration des mitteleuropäischen Raumes in die Europäische Union (...) beitragen".

Das besondere Profil der Andrássy-Universität zeigt sich an der Fachrichtung "Mitteleuropa-Studien", die sich schwerpunktmäßig dem Donauraum widmen. Außerdem werden die Studiengänge "Vergleichende Rechts- und Staatswissenschaft" sowie "Internationale Beziehungen" angeboten.

Im Gründungskuratorium sind konservative Vertreter tonangebend, was die bisherigen Oppositions- und nunmehrigen Regierungsparteien der Sozialisten und der linksliberalen Freien Demokraten dazu bewogen hatte, das mit den Stimmen der Regierung Orbán verabschiedete Gesetz zur staatlichen Anerkennung der Andrássy-Universität abzulehnen. Tatsache ist jedenfalls, daß sich die neue Institution mit den christlichen Wurzeln Europas und den Vereinheitlichungsgefahren der Globalisierung beschäftigen will und sich ausdrücklich zum Humboldtschen Bildungsideal und dem "Europa der Vaterländer" bekennt.

Bezeichnend ist auch die finanzielle Förderung durch Bayern, Baden-Württemberg und Österreich, während sich die deutsche Bundesregierung bedeckt hält.

Wie Viktor Otto am 12. April in der Neuen Zürcher Zeitung feststellte, ist die Gyula Andrássy-Universität de facto eine "konservative Gegengründung zur ungleich größeren, US-amerikanischen Budapester Central European University" (CEU).

"Praxisnähe und Pragmatismus des amerikanischen Bildungssystems" sowie der politische Wille zur "Festigung der Demokratie in den ostmitteleuropäischen Transformationsgesellschaften" stehen nach Meinung Ottos einer "universitären Traditionspflege in Form der Bewahrung eigener, spezifisch geschichtlich vermittelter Werte" gegenüber. Der Kontrast der beiden Lehranstalten wird noch deutlicher, wenn man weiß, daß die von der Stiftung des in Ungarn geborenen US-Milliardärs George Soros (siehe OB 38/1999, S. 6) finanzierte CEU bei den ungarischen Wahlen am 7. bzw. 21. April mit Plakaten Stimmung gegen die rechtsbürgerliche Regierung gemacht hat.

Der Gründungsrektor der Andrássy-Universität, György Hazai, versucht, Anfeindungen die Spitze zu nehmen, indem er sich klar gegen eine "politische Mitteleuropaidee" ausspricht. Hazai gilt als Integrationsfigur, der das Kunststück gelungen war, ausgerechnet an der von ihm mitbegründeten griechisch-zypriotischen Universität von Nikosia sein Spezialgebiet Turkologie einzuführen.

Neben ihm verpflichtete das konservativ geprägte Kuratorium neun ungarische Dozenten sowie je zwei durch ihre Entsenderländer bezahlte Professoren aus Bayern, Baden-Württemberg und Österreich. Ihre Namen sollen in den nächsten Wochen veröffentlicht werden. Dann dürfte sich auch abzeichnen, wie die neue Linksregierung zu dem Projekt steht.

Wahrscheinlich wird man sich angesichts des auf jahrhundertealte Traditionen zurückgehenden hohen Stellenwerts der deutschen Sprache in Ungarn grundsätzlich für eine weitere Förderung entscheiden. Das Land der Madjaren ist heute immerhin der einzige Staat Ostmitteleuropas, in dem die Fremdsprache Deutsch beliebter als Englisch ist. Allerdings dürften die neuen Machthaber hinter den Kulissen alles versuchen, um auf Stellenbesetzungen und Lehrinhalte Einfluß zu nehmen.

Welche Erfolge dabei erzielt werden können, hängt von der Standfestigkeit des Kuratoriums und nicht zuletzt von der Haltung Berlins ab, die sich nach den Bundestagswahlen zugunsten der Andrássy-Universität verschieben könnte.

Besonders gespannt dürften dies alles die 70 Studenten verfolgen, die sich kurz vor Ende der Immatrikulationsfrist am 30. Juni für das zweijährige Aufbaustudium im 1862 erbauten Festetics-Palais eingeschrieben haben. Die meisten von ihnen sind Ungarn oder Auslandsungarn (aus Siebenbürgen usw.) und bekommen Stipendien. Doch auch einige bundesdeutsche und österreichische Akademiker befinden sich unter den ersten Studenten der neuen Eliteuni.

Andrássy-Universität, Magyar u. 36, H - 1053 Budapest (Internet: www.bne.hu )