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22.06.02 / Ermunternde Reiseskizzen aus der Region Hirschberg

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juni 2002


Im Tal der Schlösser
Ermunternde Reiseskizzen aus der Region Hirschberg
von Martin Schmidt

Wer heutzutage mit dem Auto über Görlitz in die Hirschberger Gegend oder weiter ins Riesengebirge fährt, hat meist freie Fahrt. Die Grenzkontrollen sind in der Regel im Handumdrehen erledigt, und seit kurzem ist auch die zuvor etwas problematische Straße über Lauban und Greiffenberg nach Hirschberg neu gemacht.

Keinerlei überflüssige Hindernisse belasten somit den Ausflug ins Schlesische. Allenfalls gibt es gedankliche Barrieren, wie die (leider begründete) Angst, sein Auto nicht längere Zeit unbewacht abstellen zu können.

Ein Angehöriger der Nachkriegsgeneration kann bei der Fahrt durch die wunderschöne dünn besiedelte niederschlesische Hügellandschaft durchaus vergessen, wieviel Leid dieses europäische Herzland im 20. Jahrhundert gesehen hat. Nur in den Ortschaften erinnern die vielen verfallenen Gebäude unübersehbar an die Vertreibung der angestammten deutschen Bevölkerung.

Doch zugleich gibt es Signale der Normalisierung: vereinzelte restaurierte Fachwerkhäuser werden zum Blickfang, schmucke Neubausiedlungen entstehen, und Hinweisschilder führen zu Niederlassungen bekannter deutscher Baumarktketten, die sich auch diesen Markt erschlossen haben.

Einem vertriebenen Schlesier aus der Erlebnisgeneration wird sich vieles anders darstellen als einem jüngeren Menschen. Für ihn, der ja den Vergleich zu "früher" hat, sind die gewaltigen Substanzverluste allgegenwärtig. Ihm wird drastisch klar, welchen Rückschritt das bis 1945 innerhalb des Deutschen Reiches respektabel dastehende Schlesien durch die Kriegsfolgen erlitt.

Hinzu kommen die Erinnerungen an menschliche Verluste - an Familienangehörige, die den Flüchtlingstreck nicht überlebten, an Opfer sowjetischer bzw. polnischer Rache oder an vertriebene Leidensgenossen, die im Westen an ihrem Schicksal zerbrachen.

Doch so verständlich diese Sicht auch sein mag, es ist die Perspektive der Vergangenheit. Die nachfolgenden Generationen schauen naturgemäß nach vorne. Im Falle Schlesiens heißt das, seinen Blick dorthin zu lenken, wo versucht wird, die tiefe Kluft zwischen der jahrhundertelangen Prägung des Landes durch deutsche Menschen und deutsche Kultur einerseits und der polnischen Gegenwart andererseits zu überbrücken.

Denn nur wenn dies einigermaßen gelingt, findet Schlesien wieder zu einer echten Identität und ist für die großen Zukunftsaufgaben gewappnet, die die zentrale Lage in Europa und die mögliche Scharnierfunktion zwischen Polen und Deutschland bieten.

Immer mehr gebildete Polen sehen es als unumgänglich an, sich mit der deutschen Vergangenheit des Landes zu "versöhnen" und sie als Baustein ihres im Umbruch befindlichen schlesischen Regional- und Geschichtsbewußtseins zu verstehen.

Karl Schlögel hat über das neue Selbstverständnis Breslaus in seinen ausgezeichneten Reiseskizzen "Promenade in Jalta und andere Städtebilder" geschrieben: "Diese Stadt lebt aus eigener Kraft und bedarf keiner Mythen mehr. (...) Sie hat nicht nur eine Vergangenheit, sondern mehrere. Sie denunziert nicht die Erinnerung, sondern erschließt sie für sich selbst." Grundsätzlich gilt diese Diagnose heute für ganz Schlesien.

Vertriebene Schlesier, die die Stätten ihrer Kindheit und Jugend besuchen, kann die bewußte Anknüpfung an die Geschichte eigentlich nur freuen: Denn jedes restaurierte Baudenkmal ist für sie ein Schritt weg vom Gefühl des Fremdgewordenseins in der eigenen Heimat.

Nicht zuletzt dank einsatzfreudiger bundesdeutscher Organisationen wie des "Vereins zur Pflege schlesischer Kunst und Kultur e. V." (VSK) konnten schon eine Reihe solcher Schritte gemacht werden.

Besonders augenfällig sind die Aktivitäten schlesischer Adelsgeschlechter bzw. der mit diesen teilweise deckungsgleichen schlesischen Genossenschaft der Johanniter. Geschlechter wie die derer von Zedlitz, von Richthofen, von Pfeil, von Wietersheim, von Küster oder von Pannwitz tauchen aus der Versenkung der Moderne auf und knüpfen an das Pflichtgefühl und die tiefe Heimatverbundenheit ihrer Vorfahren an.

So werden heute manche Pfade beschritten, die über die Vergangenheit in die Zukunft führen. Besonders deutlich sind sie im Hirschberger Tal erkennbar, wo die Schlösser, Burgen und Herrensitze so dicht gesät sind, wie an keinem anderen Ort des Kontinents. 26 Bauten sind es insgesamt; am bekanntesten ist wohl die Burgruine Kynast.

Viele befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Denn nach dem Krieg erschienen die Schlösser der deutschen Adelsfamilien den polnischen Behörden jahrzehntelang als unerwünschtes Kulturgut. Sie wurden als Sanatorien, Kinder- oder Arbeiterwohnheime genutzt und verfielen zusehends.

Erst seit dem Aufbruch der Solidarnosc-Ära gab es Versuche polnischer Privatleute, die Prachtbauten zu retten. Für den symbolischen Preis von einem Zloty überließ ihnen der Staat einzelne Schlösser, deren umfassende Restaurierung sich zu kommunistischer Zeit jedoch angesichts des chronischen Mangels an Geld und Baumaterial als Unmöglichkeit herausstellte.

So mußten diese Idealisten noch vor der Wende aufgeben. Seitdem bieten sich mit der Öffnung für ausländisches Kapital neue Möglichkeiten.

Es ist das Verdienst der zweisprachigen Ausstellung "Das Tal der Schlösser und Gärten. Das Hirschberger Tal in Schlesien - ein gemeinsames Kulturerbe", daß breiten Bevölkerungsschichten die außerordentliche Bedeutung dieses Ensembles in Erinnerung gerufen werden konnte. Seit ihrer Eröffnung im Breslauer Museum für Architektur im Juni 2001 leistete die Schau bereits an mehreren Orten beiderseits der Grenze Aufklärungsarbeit. Denn weder den polnischen Schlesiern, noch der Masse der Bundesdeutschen (einige vertriebene Schlesier ausgenommen) ist bewußt, zu welcher Blüte sich das Riesengebirsvorland ab dem 19. Jahrhundert entfaltete.

Nachdem die Hohenzollern die Landschaft für sich entdeckt hatten und zwischen 1822 und 1839 die Schlösser Fischbach, Erdmannsdorf und Schildau erwarben, war die Gegend unter wohlhabenden Adelsfamilien und bürgerlichen Geschäftsleuten "in". Die beiden berühmtesten preußischen Baumeister, Karl Friedrich Schinkel und Friedrich August Stüler, gestalteten etliche Schlösser im neugotischen Stil, und der nicht minder bekannte Peter Joseph Lenné nahm sich der Parkanlagen an. Bald meldeten sich erste Vorboten des Tourismus. Auf einen wachsenden Kulturtourismus hofft man im Hirschberger Tal auch heute. Wenigstens will man sich eine Scheibe abschneiden vom lukrativen Urlaubergeschäft in Krummhübel, dem "Titisee des Riesengebirges".

So könnten sich für die Schlösser tragfähige Nutzungsmöglichkeiten ergeben. Wie, das zeigt das Beispiel des 1720 erbauten Schlosses Lomnitz, das seit Ende der 1970er Jahre wegen Baufälligkeit leer stand. Ulrich von Küster, dem Enkel der letzten Eigentümerin, gelang es im Dezember 1991 dank eines polnischen Partners, das Schloß über eine GmbH zu kaufen. Nach dem Ausscheiden des Partners befindet sich die Eigentümer-GmbH seit 2001 mit Genehmigung des polnischen Innenministers im alleinigen Besitz Ulrich von Küsters, der heute mit Frau und Kind vor Ort lebt. Seit 1995 besitzt die Familie - nicht zuletzt aufgrund der Fürsprache des Denkmalschutzamtes der Wojewodschaft - auch den dazugehörigen Park sowie das benachbarte Kleine Schloß. Laut Gesetzeslage können Gesellschaften ohne polnische Beteiligung Eigentum erwerben, sofern Arbeitsplätze geschaffen werden.

Das Schlößchen wurde zuerst fertiggestellt, um dort ein Hotel und Restaurant einzurichten und die Räumlichkeiten für Veranstaltungen des VSK nutzen zu können. Seit Herbst 2001 leuchtet nun auch die Fassade des großen Schlosses in einem warmen Gelbton. Im Innern soll ab 2003 unter anderem die erwähnte Ausstellung über die Schlösser und Gärten im Hirschberger Tal dauerhaft Platz finden.

Ähnlich hoffnungsvoll stimmt die Entwicklung im 1864 erbauten Schloß Muhrau bei Striegau. Von Anfang des 20. Jahrhunderts bis 1945 war es das Zuhause der Familie v. Wietersheim. Diese beschloß kurz nach der Wende eingedenk der Familientradition, wieder vor Ort im sozialen Bereich tätig zu werden. Im Jahre 1991 gründete man den "Kindergartenverein Hedwig", der das leerstehende Haus samt herrlichem Park pachten und später erwerben konnte.

Melitta Sallai geb. v. Wietersheim kehrte auf das Rittergut ihres Vaters zurück, lernte polnisch und trieb das Projekt voran. Seit Mai 1993 werden in den gepflegten Schloßräumen 30 Kinder aus ärmlichen Verhältnissen unentgeltlich betreut. Darüber hinaus fungiert Muhrau als Sprachschule für junge Deutsche und Polen.

Häufiger geht in Niederschlesien die Initiative bei solchen Großprojekten von Deutschen aus. Aber es gibt auch so manche Polen, die sich hervortun. Jacek Jakubiec und das Renaissanceschloß Schwarzbach bei Hirschberg sind ein Beispiel. Mit Unterstützung der EU setzte Jakubiec Schritt für Schritt seinen Traum um: die Errichtung eines Internationalen Ökologischen Zentrums.

Als Vorbild nennt der ehemalige Breslauer Stadtplaner das "Fortbildungszentrum für Handwerk und Denkmalpflege" in Görlitz. Denn die polnischen Restauratoren sind zwar berühmt, aber eine gezielte Ausbildung des denkmalpflegerischen Nachwuchses gibt es in Polen bis heute nicht.

Daß sich dies bald ändert, wäre mehr als begrüßenswert, denn trotz mancher Lichtblicke gibt es im Hirschberger Tal und überall in Schlesien für Restauratoren noch alle Hände voll zu tun.

 

Schloß Lomnitz vor Fertigstellung der Fassade: Die Nachkommen der einstigen deutschen Bewohner kauften sich ihren Besitz zurück

Fotos (2): M. Schmidt