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22.06.02 / Bohnchens wie Ärpsen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juni 2002


Bohnchens wie Ärpsen
von Eva Pultke-Sradnick

In Anna Perscheleits kleinem Kolonialwarenladen klingelte die oberhalb der Tür angebrachte Glocke aufgeregt und schrill. Wer kommt denn heute schon so früh, dachte die kleine drugglige Frau. Sie nahm sich die dunkle Schürze ab, die sie zum Schutz über ihre blütenweiße gebunden hatte. Sie war gerade dabei, die Schubfächer aufzufüllen. Alles war hier blitzsauber und stand an seinem zugeordneten Platz. Annas größter Stolz war jedoch der neue Schubladenschrank mit den weißen Emailleschildern. Jetzt konnte jeder lesen, in welchem Fach sich Grütze und Graupen, Reis und Mehl, Zucker und Salz befanden. "Ist ja bald wie in der Apotheke'", hatte neulich ein Sommergast gesagt.

Es war schwül heute morgen und die keineswegs mehr junge Person, welche die Ladenglocke so aufgeregt zum Scheppern gebracht hatte, wischte sich mehrmals mit dem Schürzenzipfel über das hochrote Gesicht. Sie japste ein wenig nach Luft, der Doktor hatte gesagt, es sei ihr Herz. Aber wer konnte schon darauf Rücksicht nehmen. "Öck hew mien ganzet Läwe lang ömmer renne motte, ös ett da e Wunder, wenn öck nu öm Öller nich damet opheere kann?" So oder ähnlich antwortete sie meistens.

Heute hatte sie auch schon allerlei hinter sich. Das ganze Viehzeug hatte sie allein versorgen müssen, weil ihr Mann schon früh über Land gefahren war und zwei Ferkelchen einkaufen wollte. Und außerdem, wo doch bereits Kleinmittag dran war, hatte sie noch immer nicht gefrühstückt. Aber herrje, wie sie sich nun hinsetzen will, der Kaffee ist gekocht, das Brot duftet, da stellt sie fest, daß ihre fünf kleinen Enkelchen den ganzen Zucker ausgeschmengert haben. Das war nun heute mehr, als sie vertragen konnte, denn Morgenkaffee ohne Schmand und Zucker war doch wie "e Katt ohne Zoagel".

Ihre Gedanken waren darum nicht gerade freundlich, als sie an ihre kleinen Lieblinge dachte. Aber wenn man vom Teufel spricht! Da standen sie erwartungsvoll mit unschuldigen Engelsgesichtern und luchternen Augen. Den Zucker hatten sie schon längst vergessen, das war doch gestern gewesen. Oma würdigte sie keines Blickes, sagte nichts, ergriff nur ihren Einkaufskorb und schob die kleinen Gnabbelchen wortlos nach draußen. Dann schloß sie die Tür und drehte den Schlüssel zweimal rum. "Öck wöll ju hiede nich mehr seehne, on wenn ju noch moal ongefroagt an mienem Schaff rangoahne on ut mienem Zockertopp schmengre, denn göwt et orndlich wat mittem Penter. Ön minem Hus hew ju nuscht to done wat öck nich weet. Begriep ju dat?"

Die kleine Kinderschar stand ganz bedripst. Was war denn bloß mit ihrer Oma los? So schlimm war das doch gar nicht gewesen. Dreimal reihum hatte jeder ein kleines Löffelchen voll genommen, und den Rest bekam dann noch Paulchen, weil er wie am Spieß bälkte. "Oma merkt aber auch immer gleich alles", nuschelte Hildchen beleidigt durch ihre große Zahnlücke.

"Ei gode Moarje, Frau Nöttkus, hiede sönd Se oawer freh, womet kann öck denn deene?" fragte Anna mit höflich unterdrückter Neugier. Die alte Frau mußte nun aber zuerst ihren Ärger loswerden, und Anna schaufelt derweils ein Pfundchen Muschkebad in die weiße Zuckertüte. Das war nun wirklich ein Malheur und Anna fragte so nebenbei, ob sie denn nicht noch ein paar Bohnchens für den Sonntag mitnehmen wollte. So vleicht auf Vorrat? Aber Frau Nöttkus war noch nicht bei der Sache. "Bohnchens, wieso Bohnchens?" meinte sie etwas ratlos. "Ich hab doch man grade erst die grauen Ärpsen aufs Feuer gesetzt. Und Bohnchens hab ich doch in meinem Garten, die muß ich doch nich kaufen."

"Aber nei, aber nei, Frau Nöttkus, nich Bohnchens wie Ärpsen, Bohnchens fieren Kaffee." Ja, das war was anderes, und sie wurden sich einig.

Zwischendurch fragte Anna dann, was es Neues gäbe und ob sie wüßte, daß die Marie aus dem Schindelhaus schon wieder einen neuen Schmisser hat. Mit dem Bartscherer war es nun aus, der soll ihr zu damlich gewesen sein. "Und der Neue?" fragte Frau Nöttkus. "Ach, Sie meinen, ob der verheirat ist oder so? Das weiß man ja nie. Trau schau wem. Alle Männer sind Beester", meine Anna, weiter wollte sie sich aber nicht äußern. Sie hatte auch ihre Lebenserfahrungen gesammelt, war ein ganzes Pungelchen voll.

Frau Nöttkus wiegte den Kopf gedankenvoll und wußte nun zu erzählen, daß Rosa Behnkes Jüngster Zwillinge gekriegt hatte. Anna war sprachlos und fragte leicht rot werdend: "Ei nei, wie is das denn meglich, geht denn das heite auch schon?"

Da mußte Lina Nöttkus bei allem Ärger aber doch lachen. "Annache, besinn dich, doch nich er, sie, seine Frau, die Heta, hat die Puppchens gekriegt ..." Ach so, na Gott sei Dank, aber so ein klein wenig war Anna enttäuscht, heute, wo doch der Fortschritt nicht mehr aufzuhalten war.

Seit einem Weilchen verspürte Lina Nöttkus so eine gewisse Unruhe, vielleicht lag es aber auch nur an ihrem leeren Magen. Aber jetzt lehnte sich Frau Nöttkus noch mal ganz vertraulich über die Ladentheke, um noch ganz was Pikantes zu erzählen, was Anna aber auf gar keinen Fall weitersagen dürfe, als die Ladentür aufgerissen wurde und Omas fünf Enkelchen schreiend und gestikulierend im Laden standen. "Oma, Oma, komm schnell, bei dir raucht es und brennt und stinkt es, wir konnten doch nicht rein." Ihre Worte überschlugen sich.

Frau Nöttkus war leichenblaß geworden. "Erbarmung, Erbarmung, wat moak öck jetz bloß? Dat sönd miene gruue Arwte. Een Glöck, dat mien Ohler hiede nich to Meddach da ös."

Anna wunderte sich über gar nichts mehr. Sie packte alles fein säuberlich in den Korb, legte die Rechnung oben drauf und stellte ihn zur Seite. Interessant, was am frühen Morgen schon alles so im Dorf passierte.

Gerhard Hahn: Blick von Loye auf das Kurische Haff (Öl)