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22.06.02 / Deutsche Vereine: Endlich wieder Ostpreuße sein dürfen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juni 2002


Deutsche Vereine: Endlich wieder Ostpreuße sein dürfen
Deutsche Minderheiten dürfen frei ihrer Wurzeln gedenken

Zwölf Jahre Selbstfindung und Selbstbehauptung, das heißt in diesem Fall 10 Jahre Volkstumsarbeit der Deutschen Vereine im südlichen, dem unter polnischer Souveränität stehenden Teil Ostpreußens. Die Ostpreußen in der Heimat haben sich aber nicht nur behauptet, sie haben mehr als das erreicht. Heute, nach über 10 Jahren, muß man den Deutschen Vereinen bescheinigen, daß sie allgemein anerkannt sind.

Als die Allensteiner Gesellschaft deutscher Minderheit (AGDM), das Zentrum der deutschen Vereine in Ostpreußen, im Sommer 2001 ihren 10. Jahrestag feierte, erhielt die deutsche Volksgruppe in Ostpreußen den endgültigen staatlichen Segen für eine selbständige und selbstbewußte Pflege des nationalen Kulturgutes aus Warschau. Den aus diesem Anlaß organisierten und würdig begangenen Festakt in der Aula der Universität Allenstein nahmen alle erdenklichen Honoratioren wahr, darunter der Marschall der Wojewodschaft Ermland und Masuren, ein Regierungsdirektor des polnischen Kultusministeriums, der deutsche Generalkonsul in Danzig und der polnische Weihbischof für das Ermland.

Die Prominenz, so schien es, war nicht ohne Grund angereist. Staatspräsident Kwasniewski hatte rechtzeitig zum Jahrestag die in der Heimat zurückgebliebenen Ostpreußen Hans Jürgen Biernatowski, Renate Barczewski und Christine Plocharski für ihre intensive Arbeit zur Pflege des deutschen Kulturgutes mit dem Silbernen Verdienstkreuz der Republik Polen ausgezeichnet. Die Geehrten erhielten zusätzlich den Verdienstorden für Kultur, verliehen vom Kultusminister der Republik Polen.

Wie zur Glaubhaftmachung der erfreulichen Ehrungen der von Warschau aus bisher eher stiefmütterlich Behandelten, offenbarten die polnischen Repräsentanten Kenntnisse ostpreußischer Gepflogenheiten, indem sie sich zum Abschluß der Veranstaltung beinahe allen voran von den Plätzen erhoben und die nachbarlichen Hände ergriffen, um sodann das Lied der Ostpreußen anzustimmen. Selbst Eingeweihte staunten nicht schlecht.

Diese positive Haltung in Warschau gegenüber der deutschen Volksgruppe ist das Ergebnis der kontinuierlich, konstruktiven Arbeit der Landsmannschaft Ostpreußen, ihrer Untergliederungen, der Deutschen Vereine und des Freistaates Bayern, in Ostpreußen. Diese Haltung ist aber auch erst die Basis für die weiteren Gespräche mit der polnischen Politik zur Durchsetzung echter Volksgruppenrechte und einem auf Wahrheit und Gerechtigkeit basierendem Ausgleich zwischen Deutschen und Polen. Doch bis zu der gegenwärtigen Situation legten die Ostpreußen einen weiten Weg zurück.

Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Systeme in Ostmittel- und Osteuropa 1989/90 ergab sich für die deutschen Landsleute in den alten Ostgebieten erstmals seit Jahrzehnten die Gelegenheit, sich zu organisieren und an die Öffentlichkeit zu treten. Nach Schätzungen des Bundesinnenministeriums lebten zu dieser Zeit mindestens 30.000 Deutsche oder Deutschstämmige im südlichen Ostpreußen. Unter Einbeziehung der Familienmitglieder war sogar mit 50.000 bis 60.000 Personen zu rechnen, für die eine Organisation in Vereinen in Frage kam. Bereits im Herbst 1989 wurde Paul Gollan aus Bischofsburg von in der Bundesrepublik lebenden Ostpreußen dazu ermuntert, die deutschen Landsleute in der Heimat in einem Deutschen Verein zusammenzuführen. Un-terstützt vom Ermländischen Landvolk beantragte Gollan am 10. September 1990 die Registrierung der "Sozialkulturellen Vereinigung der deutschen Minderheit im Ermland und in Masuren mit Sitz in Bischofsburg". Einen Monat später, deutlich vor dem Abschluß des Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrages vom 17. Juni 1991, der unter anderem den Minderheitenschutz zum Inhalt hat, war der Verein amtlich eingetragen.

Bereits im Sommer 1990 hatte sich in Allenstein eine Gruppe unter der Leitung von Walter Angrik gebildet, die am 4. Januar 1991 als die heutige AGDM registriert wurde. Die AGDM umfaßte zur Zeit ihrer Gründung außer dem Allensteiner Verein noch Gruppierungen in Deutsch Eylau, Lötzen, Treuburg, Wartenburg, Mohrungen und Guttstadt, die zum Teil in späterer Zeit eigene Deutsche Vereine bildeten. Zur gleichen Zeit wurde in Allenstein ein zweiter Deutscher Verein gegründet, der heute den Namen "Elch" trägt.

Das Bedürfnis in der deutschen Volksgruppe nach solchen kultur- und identitätsfördernden Gemeinschaften war so groß, daß noch im Jahre 1991 die Zahl der Deutschen Vereine im südlichen Ostpreußen auf über 20 anstieg. Vor diesem Hintergrund wurde die Gründung eines überregionalen Verbandes ins Auge gefaßt, der die Vereinsarbeit im südlichen Ostpreußen koordinieren sollte. Anfang Oktober 1992 ist der "Verband der Vereinigungen deutscher Bevölkerung im ehem. Ostpreußen" (Dachverband Ostpreußen) in Bansen aus der Taufe gehoben worden. Die Infrastruktur für die Arbeit der heimatverbliebenen Deutschen war damit weitgehend hergestellt.

Die Deutschen Vereine im südlichen Ostpreußen sollen die Landsleute in der Heimat zusammenführen, betreuen und ihre Mitglieder integrieren. Es gilt vor allem der Grundsatz der gegenseitigen Unterstützung, mit anderen Worten der "Hilfe zur Selbsthilfe". Die meisten Vereine unterhalten eigene Begegnungsstätten, Ge- schäftsstellen und Unterrichtsräume, für deren Erhaltung gesorgt werden muß. Die AGDM verfügt mit dem "Haus Kopernikus" über ein repräsentatives Objekt in zentraler Lage der ermländischen Metropole. Für die Mitglieder der Deutschen Vereine werden regelmäßige Versammlungen und Sprechstunden in der jeweiligen Geschäftsstelle angeboten, in denen alle auftretenden Probleme und Fragen gemeinsam beraten werden können. Zudem wird den Vereinsmitgliedern vielfach Rechts- und Rentenberatung gewährt. Es erfolgt auch eine Beratung bei Anträgen zur Erlangung eines deutschen Passes.

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt allerdings im kulturellen Bereich. Die Kontaktpflege und die Zusammenarbeit mit den Heimatkreisvertretern der Landsmannschaft Ostpreußen ist von grundsätzlicher Bedeutung. Als grundlegend für die Zukunft der deutschen Volksgruppe in Ostpreußen muß die Pflege und Weitervermittlung der deutschen Sprache und Kultur angesehen werden. In diesem Zusammenhang sollen ganz besonders Kinder und Jugendliche an das Deutschtum herangeführt werden. Die Jugend ist das personelle Rückgrat für das Fortbestehen der deutschen Kulturgemeinschaft. Ihrer Einbindung dient unter anderem der Aufbau von speziellen Gruppen innerhalb der Vereine, die Durchführung von Veranstaltungen und die Abhaltung von Deutschkursen. Für die älteren Vereinsmitglieder werden in der Regel Seniorentreffen mit Kaffee und Kuchen angeboten. Auch die Frauen treffen sich regelmäßig in eigenen Handarbeitsgruppen, in denen über das Weben, Stricken und Sticken nach alten ostpreußischen Mustern die Kultur mit Leben erfüllt wird.

Der zweite wichtige Arbeitsbereich der Deutschen Vereine im südlichen Ostpreußen ist die karitative Arbeit. Mit dem Ziel der Linderung sozialer Probleme werden alte und behinderte Menschen, Hilfsbedürftige und Alleinstehende in den oberländischen, masurischen und ermländischen Kreisen betreut. Vor allem auf dem Lande ist der persönliche Kontakt für die Hilfsbedürftigen von nicht zu unterschätzender Bedeutung. In Zusammenarbeit mit den Heimatkreisgemeinschaften werden dort Hilfsgüter und Bruderhilfemittel an Arme und Alte verteilt. In diesem Zusammenhang ist auch die Einrichtung der Sozialstationen im südlichen Ostpreußen zu nennen, die von der Johanniter-Unfall-Hilfe und dem Lazarus-Hilfswerk in Zusammenarbeit mit den Heimatkreisgemeinschaften der Landsmannschaft Ostpreußen, den Deutschen Vereinen und den jeweiligen Kommunen betrieben werden. Oft genug ist die Basis für solche Einrichtungen ein offizieller Partnerschaftsvertrag zwischen Heimatkreisgemeinschaft und der entsprechenden Gebietskörperschaft in Ostpreußen.

Das Ende der kommunistischen Zwangsherrschaft erlaubte auch den Deutschen im Memelland, eigene Vereine zu gründen. Zu Beginn der neunziger Jahre wurde so in der Stadt Memel der "Verein der Deutschen" ins Leben gerufen, der heute über eine eigene Jugendgruppe verfügt. Während sich die deutschen Landsleute in Heydekrug 1991 zum Verein "Heide" zusammengeschlossen haben, existiert in Pogegen ein deutscher Vertrauensmann. Die beiden Vereine im Memelland verfügen beide über eigene Räumlichkeiten. Der Memeler Verein hat mit bundesdeutschen Finanzmitteln das "Simon-Dach-Haus", das als deutsch-litauisches Begegnungszentrum fungiert, ausgebaut und im Oktober 1996 eröffnet. In diesem Gebäude verfügt auch der sozial ausgerichtete Verein "Edelweiß - Wolfskinder" über eigene Räume. Auch in Heydekrug wurde mit Geldmitteln aus der Bundesrepublik Deutschland ein Haus erworben und nach erfolgtem Umbau 1996 als deutsch-litauisches Begegnungszentrum einge- weiht.

Wie im südlichen Ostpreußen haben auch die Deutschen Vereine im Memelgebiet die Aufgabe, die Deutschen zusammenzuführen und ihnen die Möglichkeit zum geselligen Zusammensein zu bieten. Daneben erfüllen sie vor allem auch soziale Aufgaben wie die Weiterleitung von Hilfsgütern, Medikamenten und Geldspenden an bedürftige Landsleute. In erster Linie nehmen die Gesellschaften in Memel und Heydekrug jedoch kulturelle Aufgaben wie die Pflege des deutschen Kulturgutes und die Förderung der deutschen Sprache wahr. Für die Mitglieder werden Weihnachtsfeiern und auch Ausflüge durchgeführt. Zudem betreuen die Vereine Reisegruppen und Einzelreisende aus der Bundesrepublik Deutschland. In Memel und Heydekrug haben sich Chöre der Deutschen Vereine gebildet, die von den Heimatkreisgemeinschaften unterstützt werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Memellandkreise (AdM) veranstaltet in Zusammenarbeit mit den Deut- schen Vereinen Seminare in der Heimat. Zudem gibt der Deutsche Verein in Memel die zweisprachige Monatszeitung "Deutsche Nachrichten für Litauen" heraus.

Nur wer im Königsberger Gebiet, das heute unter russischer Souveränität steht, nach deutschen Vereinen sucht, wird solche Strukturen nicht finden. Es gibt wohl evangelische und katholische Gemeinden der dort rund 15.000 lebenden Deutschen aus Russland. Aber die Vertreibung der Ostpreußen aus dem mittleren Teil Ostpreußens 1947/48 war eine vollständige. Das Königsberger Gebiet sollte zwischen 1948 und 1991 ein hermetisch abgeriegeltes Militärgebiet werden.

Für die Ostpreußen aber, sind alle deutschen Strukturen eine Basis für ihre Arbeit. Eine Basis für eine auch deutsche Zukunft in der Heimat Ostpreußen. P.W./B.K.