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22.06.02 / "Strandgut des Krieges"

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 22. Juni 2002


"Strandgut des Krieges"
Die Wolfskinder in Litauen

Ein ganz besonders schweres Schicksal haben die sogenannten "Wolfskinder" erleiden müssen, die heute im Memelgebiet, in Litauen und auch in der Bundesrepublik leben. Erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde die westliche Welt auf sie aufmerksam. Hunger und blanke Not im nördlichen Ostpreußen ließen selbst kleine Kinder ab 1945 in das Memelgebiet flüchten, um das Nötigste für das tägliche Überleben ganzer Familien zu sichern. Die litauischen Bauern gaben ihnen zu essen. Nur die kleineren Kinder behielten sie bei sich, da sie schnell die litauische Sprache lernten und die deutsche Sprache ebenso schnell vergaßen. Die größeren Kinder sind grundsätzlich zum nächsten Bauern weitergeschickt worden. In diesem Zusammenhang ist zu berücksichtigen, daß Litauen nach dem II. Weltkrieg zur Sowjetunion gehörte und es unter Strafe verboten war, Deutschen zu helfen oder sie vor dem Verhungern zu retten. Denjenigen Menschen, die es dennoch taten, drohte bei der Entdeckung die Deportation. Kinder, die in das Königsberger Gebiet zurückkehrten, fanden oft ihre Familien nicht mehr vor, da diese inzwischen vertrieben oder verhungert waren. Ihrer Identität beraubt, das Wissen um die Herkunft verschüttet, wuchsen viele Kinder in sehr bescheidenen, oft armen Verhältnissen auf.

Der Ursprung der Bezeichnung "Wolfskinder" wird von der Vorsitzenden des Vereins "Edelweiß-Wolfskinder", der sich nach der Unabhängigkeit Litauens bilden konnte, recht plastisch geschildert: "Wir verließen Ostpreußen, wo unsere Mütter verschleppt, erschlagen und verhungert waren, und gingen zu Fuß nach Litauen, denn dort sollte es etwas zu essen geben. Die meisten von uns lebten wie Wölfe im Wald, wie wilde Tiere, von Menschen gejagt, von Hunden gehetzt."

Eine "normale" und wohlbehütete Kindheit war unter diesen Umständen nicht möglich. Die "Wolfskinder" wurden zu Bürgern der Litauischen Sowjetrepublik und blieben doch den deutschen Wurzeln verhaftet. Auch heute leben die meisten Wolfskinder noch im Zwiespalt: Auf der einen Seite möchten sie gern in Deutschland unter Deutschen leben, auf der anderen Seite haben sie ihre Familien in Litauen, was einer Übersiedlung nach Deutschland entgegensteht.

Anläßlich einer Reihe von Besuchen in Memel und Kaunas konnte der derzeitige Sprecher der Landsmannschaft Ostpreußen, Wilhelm v. Gottberg, dank großzügiger Spenden vielen dieser Wolfskinder wiederholt finanziell helfen. Im Jahre 1999 hat die Landsmannschaft Ostpreußen eine Gruppe von 45 Wolfskindern in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen. Sechs Tage lang besuchten sie Berlin, Hamburg und Bad Pyrmont. Die bundesdeutschen Medien zeigten großes Interesse.

Wenn auch die Hilfen der LO die bescheidene materielle Basis der Wolfskinder nicht entscheidend verbessern können, so vermitteln sie doch die Gewißheit, daß die Landsmannschaft Ostpreußen die Wolfskinder nicht vergessen hat. P. W.