16.01.2022

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06.07.02 / Sensationslüsterne Massen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 06. Juli 2002


Sensationslüsterne Massen
Wie entstehen Skandale und warum lieben die Menschen dieses Phänomen?

Die Versenkung der Brent Spar, die anonymen Spenden an Kohl, der Rinderwahnsinn und der kleine Joseph in Sebnitz. Zum Skandal kann alles werden - tödliche Gefahren und unangenehme Belästigungen; gravierende Rechtsbrüche und mindere Vergehen; tatsächliche, mögliche und vermeintliche Opfer - warum ist das so? Warum hungern wir nach skandalträchtigen Informationen und haben sie doch bald vergessen? Warum empören wir uns spontan und verstehen die Erregung später kaum noch? Warum verfallen wir schnell in Panik und kehren dann doch zu den alten Gewohnheiten zurück?

Hans Mathias Kepplinger beantwortet diese Fragen in seinem neuen Buch "Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit": Grundlage bilden systematische Analysen bedeutender Skandale, für die Hunderte Journalisten, Manager und Politiker befragt und Tausende Skandalberichte in Presse, Hörfunk und Fernsehen untersucht wurden. Sie erhellen die Sichtweisen, Interessen und Handlungen von Tätern, Opfern und Berichterstattern. Das Ergebnis ist eine empirisch fundierte Skandaltheorie, die den Verlauf aktueller Skandale erklärt und zahlreiche Hinweise darauf liefert, welche Reaktionen aus der Sicht der Betroffenen und des Publikums sinnvoll sind. Dazu schreibt Kepplinger:

"Blickt man vom Ausland auf Skandale in Deutschland, erscheint das hiesige Verhalten häufig kurios. Aus englischer Sicht waren die Reaktionen der Deutschen auf die geplante Versenkung der Brent Spar reine Hysterie. In Frankreich wurde Kohls geheime Spendensammlung allgemein kritisiert. Zugleich waren jedoch Blätter aller politischen Richtungen erstaunt über die Art und Weise, wie die deutsche Öffentlichkeit damit umging. Der konservative ‚Figaro' bezeichnete die Angriffe auf Kohl als eine ‚Menschenjagd', deren wahre Gründe man nicht kenne."

Die Wahrheit geht nach Ansicht von Kepplinger während der Skandalberichterstattung in einer Welle übertriebener oder gänzlich falscher Darstellungen unter. Die Oberhand gewinnt sie erst, wenn der Skandal zu Ende ist. Dann interessiert sich aber kaum noch jemand dafür, weil sich die Medien und mit ihnen das sensationslüsterne Publikum anderen Themen zugewandt haben. Bei der Erklärung, warum das so ist, übt der Mainzer Forscher nicht einfach Journalistenschelte. Vielmehr sei die Art und Weise, wie wir in Situationen großer Unsicherheit kommunizieren, für das niederschmetternde Ergebnis verantwortlich. Beschreiben mehrere Personen in einer Gruppe nacheinander ihre Beobachtungen, gleichen sich ihre Urteile schnell an, weil eine Gruppennorm, eine in der Gruppe allgemein akzeptierte Sichtweise entsteht. Das gilt aus Kepplingers Sicht vor allem für Journalisten. Stets gehe es in der Medienbericht-erstattung zwar um objektive Tatsachen - beispielsweise im Konflikt zwischen Shell und Green- peace wegen der Versenkung der Brent Spar um die Existenz von Schadstoffen in der Bohrinsel. Die Richtigkeit dieser Informationen sei jedoch nicht nachprüfbar, weil die dafür erforderlichen Daten oder Fachkenntnisse fehlten. Auch in anderen Skandalen hätten typischerweise zunächst wesentliche Informationen zur Lagebeurteilung gefehlt.

"Bei jedem Skandal gibt es im Journalismus wenige Wortführer, einige Mitläufer, viele Chronisten und kaum Skeptiker. Die Wortführer recherchieren meist intensiv an der Geschichte, bevor der Fall publik wird. Sie besitzen gute Kontakte zu Informanten, verfügen über Hintergrundinformationen und haben ausgezeichnete Detailkenntnisse. Ab einem bestimmten Punkt sind sie von der Wahrheit ihrer Geschichte fest überzeugt. Sie glauben an die Schuld des Skandalierten, interpretieren ihre Informationen entsprechend, betrachten Zweifel an ihrer Darstellung als Vertuschungsversuch und revidieren sie meist auch dann nicht, wenn sie sich als falsch oder unwahrscheinlich herausstellt. Im Zweifelsfall haben sich die Gutachter geirrt, die Zeugen gelogen, die Gerichte falsch entschieden", führt Kepplinger aus.

Der Skandal ist die Zeit der Empörung - für nüchterne Skepsis gibt es da keinen Platz. Wer sich dem Protest oder der Empörung nicht anschließt, wird isoliert und abgestraft. Kepplinger weist allerdings auch darauf hin, daß bei vielen Skandalen die Dramatisierungen nicht von den Medien selbst kommen. Diese übernähmen sie vielmehr von Wortführern im vormedialen Raum. Sie stießen allerdings unter den Journalisten eher auf gläubige Nachbeter als auf skeptische Rechercheure. Und dann sorge alsbald eine intensive Orientierung der Kollegen untereinander dafür, daß ein Fall Eigendynamik entfalte. Entscheidend in solchen Situationen sei jedoch nicht die Richtigkeit, sondern die Stimmigkeit der Information mit dem etablierten Schema. Daß dies so ist, werde dann offensichtlich, wenn beides auseinanderklafft - wie bei den falschen, übertriebenen oder irreführenden Angaben über die Ölrückstände in der Brent Spar.

"Alle Skandale weisen totalitäre Züge auf: Sie zielen auf die Gleichschaltung aller, weil die öffentliche Abweichung einiger den Machtanspruch der Skandalierer und ihrer Anhänger in Frage stellen würde. Die großen Skandale kann man deshalb auch als demokratische Variante von Schauprozessen betrachten. Vergleicht man die positiven mit den negativen Folgen von Skandalen, wird deutlich, daß die Nutzen-Schaden-Bilanz von Skandalen höchst fragwürdig ist. Gäbe es eine Produkthaftung für Skandalberichte, die nicht wünschenswert ist, wären einige Medien in kurzer Zeit konkursreif", so Kepplinger.

Erst nach dem Ende von Skandalen erschienen in Qualitätszeitungen gelegentlich distanzierte Analysen. Sie erreichten die Massen jedoch nicht. Die Mehrheit der Bevölkerung glaube "am Ende nicht das, was erwiesen ist, sondern das, was sie vorher überall massenhaft gelesen, gehört und gesehen hat". Die großen Skandale seien deshalb auch meist die Ursache von großen Irrtümern: Die Mehrheit kehre nach einiger Zeit nicht deshalb zu ihren Gewohnheiten zurück, weil sie die Wahrheit nun kenne, sondern weil sie das, was sie noch immer für die Wahrheit halte, nicht mehr ernst nehme. "Also tanken die Leute wieder bei Shell, essen Rindfleisch und wählen die CDU", so Kepp-lingers Resümee. Gunnar Sohn

Hans Mathias Kepplinger, "Die Kunst der Skandalierung und die Illusion der Wahrheit", Olzog Verlag, 174 Seiten, 18,50 Euro