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21.09.02 / Abschied vom Sommer

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. September 2002


Abschied vom Sommer
von Günter Schiwy

Am nächsten Montag beginnt nach dem Kalender der Herbst. Und wenn ich aus dem Fenster schaue, sehen die Bäume mit ihren zeitweise welken Blättern ein wenig müde aus. Sie brauchen Regen. Am Morgen schweben bereits die ersten Altweibersommerfäden durch die Luft. Auch das Vogelgezwitscher klingt ein wenig leiser. Der Sommer verabschiedet sich. In den Gärten zeigen sich bereits die ersten Herbstblumen. Die Zeit des Reifens und Welkens in der Natur signalisiert uns die kalten Winde und Regenschauer, weil sich in der Vollendung des jahreszeitlichen Kreislaufs bereits die Erschöpfung des Sommers ankündigt.

Doch bevor wir melancholisch und sentimental werden, wollen wir daran denken, daß auch der Herbst seine schöne Seiten hat. Oft geht uns im Urlaub in den wärmeren Ländern die ewige Sonne auf die Nerven.

Und wie war es im letzten Urlaub im Juni in Masuren? Wegen der tagelangen Hitze konnten wir des Nachts nicht richtig schlafen. Am Tage haben uns in den Kreuzofener Mooren die Mücken zerstochen. Gesicht, Hände und Beine waren angeschwollen. Überall juckte es. Wir klagten über diese Mückenplage.

Also freuen wir uns auf den Herbst. Die Luft ist frisch und klar. Mit dem Herbst ernten wir die Spätkartoffeln, sammeln wir die letzten Pilze und pflücken das reife Obst. Nein, für eine Melancholie über den Sommer gibt es wirklich keinen Grund. Der Herbst kommt bald. Wir sollten ihn mit Freuden empfangen, so, wie wir es in unserer Kinderzeit in Masuren taten. Im Herbst waren die Scheunen, Ställe, Böden, Keller und Kammern mit Wintervorräten gefüllt. Nachdem die Winterkartoffeln eingebracht waren, wurde der Acker für das Säen des Winterroggens vorbereitet. Oft durchzogen um diese Zeit am Morgen geheimnisvolle Nebelschwaden Feld und Wald. Erst die wärmende Mittagssonne ließ den Reif verschwinden.

Waren die Felder mit den Kartoffeln, Runkeln und Steckrüben abgeerntet, wurde auf der Holzablage Bibershöhe/Bebrowa das Erntefest gefeiert. Dort, wo die Kiefernbäume und Kaddigbüsche am Waldrand standen, versammelten sich die Bewohner Kreuzofens und Kurwiens am Sonntag, um gemeinsam das dörfliche Erntedankfest gebührend zu feiern. Der Gastwirt Lipka stellte eine Holztheke mit einem Bierzelt auf, wo er Schnaps, Bier, Würstchen, gebratenen Fisch und Süßigkeiten verkaufte. Der Gendarm, die Förster und die Freiwillige Feuerwehr haben das Fest mitorganisiert und die Aufsicht übernommen. Das Festzelt ist mit Garten- und Feldfrüchten sowie Tannengrün ausgeschmückt und eine Tanzfläche mit einem Podium errichtet worden. Abends spielte die Kreuzofener Dorfkapelle zum Tanz für die Dorfjugend auf.

Bereits am Sonntag vormittag fanden sich die Schulkinder beider Dörfer auf der Holzablage ein, um bei Spiel und Sport sich zu vergnügen. Auf dem nahen Schießplatz am Kujätz fand ein Kleinkaliberpreisschießen für die Jugendlichen statt. Drei Schuß kosteten zehn Pfennig. Die Siegerehrung der Schüler und des Schießwettbewerbs nahmen der Land- jäger und die Lehrer am Nachmittag vor, wenn sich die Festbesucher versammelten. Das Zelt war dann gut gefüllt von Jungen und Mädchen, Frauen mit Kindern, Bauern und Knechten, Arbeitern und Fischern. Mit dem Tanz am Abend klang das Erntedankfest aus, das meistens bis ein Uhr nachts - bis zur Polizeistunde - dauerte.

Jedesmal, wenn es herbstlich wird, dann wandern meine Gedanken in meine Kinderzeit nach Kreuzofen an den Niedersee in der Johannisburger Heide zurück. Hier lagen die großen Wälder, weiten Felder und Wiesen, von denen die vielen Seen, Sümpfe und Moore eingerahmt waren. Es ist das Land Masuren, das uns damals zum täglichen Brot verhalf, in dem wir als Kinder die Ernte miteinzubringen halfen. Auf den Wiesen wurde geheut, damit im Winter die Haustiere mit Heu versorgt werden konnten. Im Herbst hüteten wir bis in den November die Kühe, damit sie das letzte nachwachsende Gras fraßen. Doch im Herbst galt es auch, die Gänse über die Stoppelfelder zu treiben, damit sie als Weihnachtsgänse Fett ansetzten. Auch das Korneinbringen und das Kartoffelgraben gehörte zur Kinderarbeit. Deshalb gab es Ende September die "Kartoffelferien".

Im Herbst wurden die letzten Pilze gesammelt. Doch zu dieser Zeit reiften auch Preiselbeeren und Moosbeeren, die eine ausgezeichnete Marmelade ergaben. Und der Wald lieferte uns das Holz als Feuerung für den langen Winter. Also wurde es als Abraum zu Haufen geschichtet und nach Hause gefahren.

Nach all diesen Erlebnissen und Hilfen in und mit der Landwirtschaft ist es verständlich, daß ich als Kind keine Ruhe hatte, wenn der letzte Sensenhieb verklang, wenn die letzten Hocken in die Scheune gefahren wurden, wenn der letzte Jutesack Kartoffeln in den Keller geschüttet wurde. Andächtig stand ich dann da. Es wurde mir ganz feierlich zumute. Die Seele dankte dem Schöpfer für den reichlichen und goldenen Erntesegen, der unsere Scheunen, Ställe, Böden und Keller füllte. Für mich bedeuteten diese Augenblicke bereits das "persönliche Erntedankfest". Ich nahm es der später in der Kirche stattfindenden Feier vorweg. Mich erfüllte ein unbändiger Dank für die reiche Ernte, für das Brot. Jetzt konnte der harte Winter kommen.

Seit meiner Kindheit spielte das Stückchen Brot in meinem Leben eine wichtige Rolle. Wir haben den Mangel insbesondere im Krieg und in der Nachkriegszeit als Flüchtlinge am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Damals betete ich oft: "Gib uns unser tägliches Brot." Und Er gab es uns, weil wir überlebten.

Schon als Kind war mir die Bedeutung der Landwirtschaft für die ländliche Bevölkerung bewußt. Und ich war ein wenig stolz darauf, mir meine Speisen und meinen Trank im Schweiße meines Angesichts selbst verdient zu haben. Ich durfte "unser Brot" essen. Es war kein geschenktes oder erbetteltes Brot. Nein. Es war mein ehrlich erarbeitetes Brot.

Heute weiß ich aufgrund meiner Lebenserfahrung, daß dort, wo der Hunger den Körper peinigt, auch die Seele leidet. Von dem Bedürfnis nach Brot werden alle anderen Gedanken beherrscht. Hunger tut bekanntlich weh. Ja, das Verlangen nach Speise schmerzt in der Tat. Wir haben es nach 1945 am eigenen Körper selbst erlebt, was das lebenspendende Brot dem Menschen bedeutet. Meine Mutter hat uns fünf Kindern beigebracht, was für eine Gnade es ist, gesund zu sein, um sein tägliches Brot erarbeiten zu können und zu dürfen. Sie erinnerte uns beim Essen oft an die Kranken und Siechen im Krüppelheim in Angerburg, wo sie als Diakonisse und Kinderkrankenschwester gearbeitet hat. Sie bat uns, im Leben ein warmes Herz und eine offene Hand zu bewahren. Für diesen Rat meiner Mutter ein herzliches Dankeschön.

 

Hans Siemoleit schuf das stimmungsvolle Motiv "Weihnachten auf dem Gesekusplatz". Zu finden ist es als Dezemberblatt in dem neuen Kalender "Ostpreußen und seine Maler", der auch im Jahr 2003 wieder viele Freunde finden wird. Künstler wie Marianne Flachs, Hans Beppo Borschke, Hans Hartig, Eduard Anderson, Werner Riemann, Luise Dannehl, Anna v. Glasow oder Robert Hoffmann-Salpia sind mit Beispielen aus ihrem Schaf- fen vertreten, ein Schaffen, das die Schönheit der ostpreußischen Landschaft ebenso zeigt wie es den Fleiß seiner Bewohner dokumentiert, seien es die Eisfischer auf dem Kurischen Haff, seien es Lommenschiffer oder Bauernjungs an der Pferdetränke. Der Kalender "Ostpreußen und seine Maler" auf das Jahr 2003, für den die Kulturabteilung der Landsmannschaft Ostpreußen die Bilder auswählte, kann noch bis zum 30. September zum Vorzugspreis von 18 Euro inklusive Versandkosten (später 20,50 Euro) direkt beim Schwarze Kunstverlag, Richard-Strauß-Allee 35, 42289 Wuppertal, Telefon 02 02 / 62 20 05/06, Fax 02 02 / 64 63 1, bestellt werden.