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21.09.02 / 22 gute Stücke aus Porzellan

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. September 2002


22 gute Stücke aus Porzellan
Auch Sammeltassen bergen Erinnerungen an unvergessene Menschen

Es war mein erster Geburtstag nach der Währungsreform. Viel besaßen wir nicht in unserer Ehe. Eltern und Schwiegereltern steuerten aber das Nötigste bei, junge und verliebte Leute fragen nicht großartig nach Hab und Gut.

Die Gratulanten kamen und überreichten kleine praktische Geschenke. Mutti packte vorsichtig ihr Mitbringsel aus und stellte es auf den Tisch: eine kobaltblaue Sammeltasse mit goldenem Rand und wenigen zarten Blüten, unwahrscheinlich schön und für Muttis schmales Einkommen doch viel zu teuer. Da stand das dünne Porzellan nun neben unserem dicken braunen Steingutgeschirr wie eine verirrte exotische Prinzessin. "Das ist die erste. Du wirst sehen, eines Tages besitzt du so viele, wie wir einst zu Hause in Ostpreußen hatten. Ich wünsche nur, daß es keinen Krieg mehr gibt und ihr und eure zukünftigen Kinder sie immer behalten dürft."

Das war wie ein Aufruf, denn in den kommenden Jahren wurde erst gar nicht nach meinen Wünschen gefragt, meistens bekam ich eine Sammeltasse. Aber nicht nur das Kaffeegeschirr nahm zu, auch die Familie vergrößerte sich. Bei Familientreffen rückten wir die vorhandenen Tische zusammen, um genügend Platz zu schaffen.

Ich sah zu, daß jeder die zu ihm passende Tasse bekam. Nur meiner Mutter stand die kobaltblaue zu, mein Vater bekam die bauchige, weil ihm das Grün so gut gefiel. Eine Tochter erhielt diejenige, die so stolz aussah, als ob sie auf Füßchen stünde. Eine andere bekam die gelbe mit dem vielen Gold, da dieser Farbton mit ihrem blonden Haar harmonisierte. So ordnete ich jeder Person das meiner Ansicht nach angemessene Trinkgefäß zu.

Als sich meine Eltern im All verloren hatten, wurden ihre Tassen nach hinten gestellt und durften von keinem mehr benutzt werden. Enkelkinder kamen dazu, und sie achteten selber darauf, daß ihnen niemand ihre rote oder blaue Tasse streitig machte.

Die Partner der Kinder wechselten zum Teil, und allmählich verstreuten sich die Familienangehörigen in alle Himmelsrichtungen. Das Telefon ersetzte größere Zusammenkünfte, und bei den jeweiligen kurzen Besuchen lohnte es sich nicht, die Sammeltassen hervorzuholen. Wir beiden Alten waren alleine, und das im Schrank Angesammelte eigentlich auch.

Der Ex-Schwiegervater eines unserer Kinder verstarb. Mit den Ex-Verwandtschaften ist es so eine Sache, weil die ältere Generation notgedrungen ebenfalls "Ex" wird. Von der Witwe kam eine Einladung zum Beisammensein nach der Beerdigung. Wir fühlten uns ein wenig als Außenstehende und setzten uns an einen abgelegenen Tisch, an den noch zwei ältere Paare kamen, die auch irgendwie ein "Ex" ausdrückten. Beim vorsichtigen Beschnuppern stellten wir die gleiche Wellenlänge fest, und als einer der Männer vom Besuch bei seinen Großeltern in der Nähe von Allenstein sprach und von ihrem Garten mit der Vogeltränke und dem steinernen Vogel daneben, luden wir sie spontan zu uns ein; Vogeltränke und einen künstlichen Vogel auf der Terrasse hatten wir auch zu bieten. Wir fuhren auf dem Nachhauseweg vor, und während der Kaffee durch die Maschine blubberte, stellte ich kurzentschlossen Sammeltassen auf den Tisch. Da trafen auch bereits die Gäste ein.

"Trudchen, sieh doch mal, da sind doch Sammeltassen wie bei meiner Oma! Warum haben wir nur keine?" Es vergingen unterhaltsame Stündchen, und die sich Verabschiedenden versicherten uns dann, der Nachmittag sei wie ein Besuch in die Kinderzeit gewesen.

Die Stimmung des Beerdigungstages klang noch am nächsten Tag in mir nach. Ich verlängerte den Tisch auf beiden Seiten und stellte alle Sammeltassen darauf, 22 an der Zahl. Fast jede hatte mir ein Geschichtchen zu erzählen. Die kobaltblaue, die grüne, selbst die fast vergessene mit den Nelken. Sie wurde vor Jahren von meiner Patentante benutzt, die mich in ihrem Testament großzügig bedacht hatte.

Muttis Wunsch nach einem ausbleibenden Krieg hatte sich erfüllt, und daher waren alle über Jahrzehnte zusammengetragenen Kaffeegedecke noch in meinem Besitz. In Zukunft wohl ungenutzt, bewahren sie aber eine liebevolle Erinnerung. Und später einmal? Vielleicht hat eines unserer Enkelkinder die ostpreußische weiche Seele geerbt und gibt meinen Sammeltassen ein Zuhause. Margot Kohlhepp

Cadiner Majolika: Ein Prachtstück in den typischen Farben Kobaltblau, Rot und Gold Foto: Archiv