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21.09.02 / Merkur oder Thalia? / Die Handelsmetropole Hamburg auch als Hort der Musen und Museen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. September 2002


Merkur oder Thalia?
Die Handelsmetropole Hamburg auch als Hort der Musen und Museen
von Silke Osman

Fällt der Name Hamburg der Freien und Hansestadt an der Elbe, dann denkt kaum einer an Kunst und Kultur, eher an Handel und Wandel. Hamburg als Stadt Merkurs und nicht als Hort der Musen und Museen? Schon Thomas Mann erkannte dies und sprach Hamburg eine Atmosphäre von "Weltkrämertum und Wohlleben" zu. Und tatsächlich: Bürger und Stadtväter haben immer wieder den Eindruck erweckt, daß sie mit den schönen Künsten nicht allzuviel zu tun haben wollen. Ihrem Sohn Johannes Brahms und auch dem hoffnungsvollen jungen Heinrich Heine zeigten sie die kalte Schulter ...

Und doch zog es immer wieder Künstler und Gelehrte an die Stadt an der Elbe. Grund genug, sich einmal auf Spurensuche zu begeben und die Wege der Männer und Frauen zu erforschen, die es aus Ost- und Mitteldeutschland in den Norden zog. Manche blieben nur für einen kurzen Besuch, andere wieder hielten sich längere Zeit in Hamburg auf. Bei dieser Spurensuche verlassen wir der besseren Übersicht halber den engen Bereich der einstmals von Wällen umgebenen Stadt und beziehen die alten Vororte mit ein.

Eine Tafel an der Kirche St. Katharinen erinnert an den Arzt und Dichter Paul Fleming. Der Schüler von Martin Opitz und bedeutende Vertreter der Barocklyrik wurde 1609 in Hartenstein im Erzgebirge geboren. In Leipzig studierte er Medizin, fühlte jedoch nach einer Begegnung mit Opitz seine Berufung zum Dichter. Nach seiner Promotion wollte Fleming sich in Hamburg als Arzt niederlassen, eine kurze Krankheit bereitete seinem Leben jedoch am 2. April 1640 ein Ende.

Dem Wegbereiter der deutschen Klassik, Friedrich Gottlieb Klopstock, geboren in Quedlinburg, war es weitaus länger vergönnt, in Hamburg zu leben und zu wirken. Klopstock, der als Lyriker, Epiker und Dramatiker zu den großen Erneuerern der deutschen Sprache zählt, war 1770 an die Elbe gekommen. Dort vollendete er seinen "Messias", verfaßte seine Oden und Elegien. Unter anderem schrieb er die wegbereitende Prosaschrift "Die deutsche Gelehrtenrepublik". Zu seinen Gedichten schuf der Danziger Daniel Chodowiecki treffliche Illustrationen. Auch wurden sie vielfach vertont, so von dem in Königsberg geborenen Johann Friedrich Reichardt. Dessen in Berlin geborene Tochter Louise (1779-1826) lebte ebenfalls in Hamburg, wo sie sich als Komponistin und Chorleiterin einen Namen machte. - Klopstock starb am 14. März 1803 in Hamburg; seine Grabstätte befindet sich auf dem Friedhof der Christianskirche in Hamburg-Ottensen.

Eng mit dem Namen Klopstock verbunden ist der Name eines Mannes, der als Vollender der Aufklärung gilt und oft auch als erster bedeutender Kritiker und Dramaturg bezeichnet wird: Gotthold Ephraim Lessing. Mit seiner "Hamburgischen Dramaturgie" hat er den Namen der Hansestadt in die Literaturgeschichte fest eingefügt. Lessing wurde 1729 in Kamenz in der Lausitz geboren, studierte Theologie und Medizin in Leipzig, wandte sich aber bald den schönen Künsten, vor allem dem Theater zu. 1767 wurde er als Dramaturg an das deutsche National- theater nach Hamburg berufen, das übrigens von Konrad Ernst Ackermann mitbegründet wurde. Ackermann hatte bereits 1754 den Königsbergern ein wetterfestes Schauspielhaus auf dem Kreytzeschen Platz beschert. Lessing hielt es nur bis 1770 in Hamburg, dann ging er als Leiter der Bibliothek nach Wolfenbüttel. Er starb 1781 während eines Besuchs in Braunschweig. Ein Denkmal auf dem Hamburger Gänsemarkt erinnert heute noch an den berühmten Gast der Stadt.

Zu den bedeutenden Besuchern Hamburgs zählt zweifellos auch der Ostpreuße Johann Gottfried Herder. Sein Weg führte ihn 1783 zu Klopstock nach Ottensen, aber vor allem zu dem Freund nach Wandsbek, zu Matthias Claudius. Am 24. Mai 1783 schrieb Herder an seine in Weimar gebliebene Frau Karoline: "Ich bin glücklich mit Gottlieb in Wandsbeck seit gestern 11 Uhr ... in Claudius Hause. Er wohnt sehr hübsch, ein schönes Haus, hinten an einem großen Grasplatz, der aber sehr dürr ist, denn Küchengarten u. nun fangen die Alleen u. ein hübsches Wäldgen der gnädigen Herrschaft an, das aber offen, frei und alles wie sein ist. Nur fehlt Wandsbeck Wasser und liegt zu sehr im Sande - sonst ists sehr angenehm. Er ist ganz derselbe; nur 20 Jahre älter und in sich gekehrter ... Sein Büchel ist bis auf wenige Bogen fertig u. er ist davon noch krank: denn wenn er ein Buch schreibt, wird er krank u. er hat an diesem seit dem Winter geschrieben ..."

Matthias Claudius wurde 1740 in Reinfeld bei Bad Oldesloe geboren, seit 1768 war er als Redakteur in Hamburg beschäftigt und gab seit 1770 den "Wandsbeker Boten" heraus. Seit dieser Zeit bestand auch die Freundschaft zu Herder und zu Lessing. Überhaupt war es Claudius, der immer wieder Dichter nach Hamburg, oder besser damals nach Wandsbek, zog. Sein Gedicht "Der Mond ist aufgegangen" ist längst zu einem Volkslied geworden. Er starb am 21. Januar 1815 und fand seine letzte Ruhestätte auf dem alten Friedhof hinter der Christuskirche in Hamburg-Wandsbek. Ein Gedenkstein im nahen Wandsbeker Gehölz erinnert an "das größte Genie und einen Knaben der Unschuld", wie Freund Herder ihn nannte.

In Hamburg geboren wurde ein Schriftsteller, der als Vertreter des sogenannten "Professorenromans" gilt: Felix Dahn. Er war eng mit dem aus Insterburg stammenden Richter und Dichter Ernst Wichert befreundet. Von 1872 bis 1888 wirkte der 1834 geborene Dahn als Professor an der Königsberger Albertina. Dort in der alten Stadt am Pregel wurden seine heute zum großen Teil bereits vergessenen Dramen uraufgeführt, dort vollendete er seinen historischen Roman "Der Kampf um Rom". Das Werk, das zu den damals meistgelesenen Büchern gehörte, hatte bereits 1908 die 51. Auflage erreicht. Dahn, der als Rechtshistoriker weithin Anerkennung erlangt hatte, wurde 1888 an die Juristische Fakultät der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität nach Breslau berufen; dort starb er am 3. Januar 1912.

Ursprünglich Jurist war auch der Königsberger Walter Heymann, der auf Einladung seines Freundes Heinrich Spiero nach Hamburg kam, um dort "fast zum ersten Mal" seine Gedichte öffentlich vorzutragen. Er war Gast in der 1905 von dem Königsberger Kaufmannssohn und späteren Hamburger Bürger Spiero ins Leben gerufenen Hamburger Kunstgesellschaft, die in der Hansestadt auch die erste Kollwitz-Ausstellung durchführte. Spiero erinnert sich an Walter Heymann, der am 9. Januar 1915 bei Soisson fiel und mit dessen Tod eine vielversprechende Dichterlaufbahn früh beendet wurde: "Unter allen Lyrikern seiner Generation war er, nach Richard Dehmels scharfem Urteil, die größte und durch selbstbescheidene Energie hoffnungsreichste Begabung ..."

Auch der 1874 in Tilsit geborene Dichter A. K. T. Tielo, der eigentlich Kurt Mickoleit hieß, besuchte Heinrich Spiero in Hamburg. Der Ostpreuße, dessen reife Balladenkunst Spiero würdigt, starb 1911 und hinterließ zahlreiche Verse, die von der unvergleichlichen Natur im Memelland und auf der Kurischen Nehrung künden.

In seinen Erinnerungen "Schick- sal und Anteil", Berlin 1929, würdigte Heinrich Spiero auch zwei Männer, die um die Jahrhundertwende die Entwicklung der bildenden Kunst in Hamburg entscheidend geprägt haben: Justus Brinckmann, Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, und Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle. "Die künstlerische Erziehung", so Spiero, "in der Schule, zumal der Volksschule, der organische Aufbau des neuen Stadtbildes und der verständnisvolle Heimatschutz des alten, die Hebung des gewerblichen Geschmacks in Fabrik und Handwerk, die häusliche und im schönsten Sinne dilettantische Kunstpflege, der neue frische Zug in der Lichtbildnerei, die Durchdenkung und Durchbildung des eigenen Hauses nach Zweckmäßigkeit und schönem Maß, die liebevolle Pflege von Baum und Blume im öffentlichen Park, im Hausgarten und am Balkon - alle diese Zweige einer im Grund einheitlichen menschlichen und bürgerlichen Bildung schossen aus dem Stamm, dessen Keime jene beiden Männer gepflanzt hatten, wie sie jetzt die Äste sorgfältig pflegten. Dabei ist ihnen das hamburgische Wesen nicht etwa überall entgegengekommen, sie hatten im Gegenteil immer wieder zu kämpfen ..."

Zu kämpfen hatte auch Alfred Lichtwark, als er bedeutende Maler wie Max Liebermann oder Lovis Corinth bat, für die Kunsthalle Werke mit Hamburger Motiven zu schaffen. Am 19. Juli 1911 schrieb Corinth aus Tirol an Lichtwark nach Hamburg: "Natürlich übernehme ich sehr gern die Aufgabe, eine Landschaft aus Hamburg sowie ein Figurenbild zu malen. Über den Preis kann ich noch keine bestimmte Summe nennen, da ich noch gar nicht weiß, was mich in Hamburg erwartet ... Aber wie gesagt, würde diese Frage zwischen uns keinen Mißton aufkommen lassen, da mir weit mehr an der Ehre liegt, Ihnen für das Museum Werke zu liefern, und für mich diese so künstlerisch es mir möglich ist zu malen ..."

Lovis Corinth kam denn auch im August/September 1911 an die Elbe und malte dort die Landschaften "Kaisertag in Hamburg", "Illumination auf der Alster" und "Blick auf den Köhlbrand" sowie das "Porträt Carl Hagenbeck mit dem Walroß Pallas". Die Kunsthalle erwarb von den Landschaften lediglich das "Köhlbrand"-Motiv; die "Illumination auf der Alster" ist heute im Besitz eines Sammlers in London, der "Kaisertag in Hamburg" befindet sich im Kölner Wallraf-Richartz-Museum.

Eng mit Hamburg verbunden fühlte sich auch ein anderer Maler, der vor 225 Jahren im pommerschen Wolgast das Licht der Welt erblickte: Philipp Otto Runge (siehe auch Folge 29, Seite 12). Er starb im Alter von nur 33 Jahren am 2. Dezember 1810 an der Schwindsucht in Hamburg. Eine große Zahl seiner Werke ist heute in der Hamburger Kunsthalle zu besichtigen.

Vielen dieser Namen begegnet man auch in einem Buch, das nicht nur Freunde der alten Hansestadt erfreuen dürfte. Im renommierten Hamburger Christians Verlag erschien nun Band 1 der Hamburgischen Biografie (358 Seiten mit zahlr. Abb., Leinen mit Schutzumschlag, 29,80 €). Die Historiker Franklin Kopitzsch und Dirk Brietzke haben als Herausgeber 325 Menschen-"Leben" zuammengestellt. Diese Biographien spiegeln das Leben der Stadt im Laufe der Jahrhunderte und quer durch alle Epochen. Selbstverständlich, daß so berühmte Hamburger darin zu finden sind wie der Reeder Albert Ballin, der Schriftsteller Wolfgang Borchert, der Architekt Gottfried Semper, der Freibeuter Klaus Störtebeker oder der Theologe und Sozialreformer Johann Hinrich Wichern. Aber auch "Zugereiste" oder Quidjes, wie der Hamburger sagt, haben mit ihren Biographien in dem Buch Aufnahme gefunden, darunter der Gartenarchitekt Lebrecht Migge aus Danzig (1881-1935), der Instrumentenmacher Joachim Tielke aus Königsberg (1641-1719, die Schauspielerin und Regisseurin Ida Ehre aus Mähren oder auch der Historiker Peter Borowsky aus Angerburg (1938- 2000). Sie alle machten Hamburg zu der Stadt, die sie heute ist.

Nun sei diese Spurensuche aber nicht beendet, ohne einen Blick auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu werfen. Flucht und Vertreibung haben viele ostdeutsche Künstler und Schriftsteller auch nach Hamburg verschlagen. Zu nennen sind da vor allem Siegfried Lenz, der sogar zum Hamburger Ehrenbürger ernannt wurde, oder Arno Surminski, aber auch Gertrud Papendick, Paul Brock und Ruth Geede, Otto Rohse, Karlheinz Engelin oder Marie Thierfeldt. Viele von ihnen haben diese Welt bereits verlassen müssen - ihre Namen jedoch sind - ebenso eng mit Ostpreußen wie mit Hamburg verbunden. Mit einer Stadt, von der Hoffmann von Fallersleben 1871 gesungen hat: "Welch Stadt voll echten Bürgertums,/ voll freier, frischer, reger Tätigkeit,/ voll edlen Sinns für Kunst und Wissenschaft,/ voll Liebe für das deutsche Vaterland,/ gastfrei und freundlich gegen jedermann!"