15.04.2024

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
05.10.02 / Auslands-Medien: "Deutschland über alles" / Russische und britische Stimmen zur Schröder-Wahl

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Oktober 2002


Auslands-Medien: "Deutschland über alles" / Russische und britische Stimmen zur Schröder-Wahl
von Hans Heckel und Manuela Rosenthal-Kappi

Rußland zählt sich eindeutig zu den Gewinnern der deutschen Wahl. Schröders Sieg sei unter dem Blickwinkel russischer Interessen "optimal", frohlockt der Vizevorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses des russischen Parlaments, Konstantin Kosatschow, gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax.

Hintergrund der Freude in Mos- kau: Die stille Rivalität mit den USA besteht fort. Mißmutig wurde registriert, wie die Amerikaner immer mächtiger und Rußland zunehmend an den Rand gedrängt wurde. Ein Sieg Stoibers, so die russische Einschätzung, hätte die Deutschen wieder zu treuen Gefolgsleuten Washingtons gemacht. Jetzt aber verläuft ein Riß durch den Atlantik, von dem Rußland machtpolitisch profitieren will.

"Die Wahlergebnisse haben gezeigt, daß die Mehrheit der Deutschen für die Fortsetzung der deutschen Außenpolitik eintritt und die wichtigste Wahlkampflosung der Konservativen, Meinungsverschiedenheiten zwischen Deutschland und den USA um jeden Preis zu vermeiden, ablehnt", stellt Kosatschow zufrieden fest und behauptet: "Die klar ausgewogene Haltung von Kanzler Schröder in der Irak-Frage ist mit der russischen nahezu identisch und stärkt die Position der mehr oder weniger konsolidierten Weltöffentlichkeit im Dialog mit Washington ..." Ins Trockene übersetzt: Nicht Deutschland habe sich durch seine Haltung isoliert, wie aus Washington täglich zu hören ist, sondern die USA, während Berlin für die "Weltöffentlichkeit" spricht.

Für den Deutschland gewährten Rückhalt möchte Moskau indes auch gleich etwas bekommen. So schwärmt Kosatschow leise fordernd, daß es nun wohl auch mit der "Umstrukturierung unserer Schulden" und der "Kaliningrad-Frage" vorangehen werde.

Die Wirtschaftszeitung Kommersant macht sich indes bereits Sorgen, ob Schröders neue deutsche Außenpolitik gar nur eine Wahlkampfblase gewesen ist und schon bald das große Erwachen droht, davor hätten seine Gegner, allen voran Stoiber, ja von Anfang an gewarnt, und "so ist es, wie es scheint, auch gekommen," kritisiert Kommersant: "Natürlich kann Gerhard Schröder seine Ansichten zum Irak-Problem nicht grundsätzlich ändern. Aber er zeigt bereits Anzeichen in die Richtung." Hinter einer gewundenen Äußerung des deutschen Botschafters in Großbritannien, Thomas Matussek, sieht das Mos- kauer Blatt die Ankündigung: "Wartet noch ein bißchen, wir können nicht sofort alles umschmeißen und die USA unterstützen." Den Schwerpunkt sehen die russischen Kommentatoren beim Wörtchen "sofort", soll heißen: später schon.

Auffällig ist, daß Moskau ebenso wie Paris erst nach den deutschen Wahlen so eindeutig gegen die US-Politik gegen den Irak Stellung bezogen hat. Beide Mächte warteten offenbar zunächst ab, wohin sich die Deutschen wenden würden, um dann im Windschatten Berlins zu fahren. Ein deutlicher Hinweis auf das seit der Vereinigung enorm gewachsene weltpolitische Gewicht Deutschlands - dieses erfordert allerdings erst recht eine halbwegs geradlinige, berechenbare Politik. Ein neuerlicher Schwenk könnte daher jene "Isolation" Deutschlands erst provozieren, von der bislang nur Wa-shington spricht.

Eine weitere Gefahr für die deutsche Politik lauert hinter den Öl-Interessen Frankreichs und Rußlands im Irak. Mächtige Erd-ölgesellschaften beider Länder sind in Mesopotamien aktiv. Der britische Independent verweist auf enge Kontakte russischer und amerikanischer Öl-Konzerne, wobei die Russen die Furcht umtreibe, von den irakischen Feldern ausgeschlossen zu werden, falls die USA dort ohne Zutun Mos-kaus ein Washington genehmes Regime installierten. Dieser Tage fanden Gespräche in Houston statt, deren Ergebnisse nicht ohne Einfluß auf die russische Irak-Politik bleiben dürften.

In britischen Medien herrscht allein in der Beurteilung von Schröders Innen-, vor allem seiner Wirtschaftspolitik Übereinstimmung: "Deutschland hat sich selbst in den Stillstand gewählt", stellt der linksliberale Guardian resigniert fest. Übereinstimmend gehen Englands Blätter mit Überregulierung, abnormer Steuerlast und hoher Arbeitslosigkeit ins Gericht - alles Erscheinungen, welche die Briten aus eigener, böser Erfahrung kennen und an die sie sich nur mit Grausen erinnern. Sie haben das Ergebnis solcher Politik selbst erlitten.

Ganz anders kommt Schröders Außenpolitik davon. Wenige Medien nur wie der konservative Daily Telegraph teilen die US-Linie und sprechen von einer "alarmierenden" Entwicklung zwischen Berlin und Washington.

Geradezu euphorisch titelt der Guardian: "Schreibt Euch in Schröders Armee ein: Deutschland hat seine Schuld abgeschüttelt und seine Bestimmung akzeptiert - eine Streitmacht des Guten außerhalb seiner eigenen Grenzen zu sein." "Schröders Widerstand gegen das amerikanische imperiale Abenteurertum hat eine starke deutsche Identität ins Blickfeld gerückt - eine, die dem Frieden dient statt dem Krieg", so das Blatt. Überhaupt hätte Britannien traditionelle Affinitäten zu Deutschland, die erst durch die "Abweichungen" des 20. Jahrhunderts unterbrochen worden seien. Das sei auch zu Victorias Zeiten so gewesen. Frankreich sei damals die aggressive Macht gewesen, Bismarcks Preußen hingegen ein "bewunderter Spiegel des viktorianischen England: Protestantisch und kultiviert".

Daran gelte es jetzt wieder anzuknüpfen, so The Guardian: "Mister Blair findet seinen Führer jenseits des Ozeans; doch der Rest von uns wird über den Rhein blicken."

Das konservative Wochenmagazin Spectator jubelt gar (auf deutsch!): "Deutschland über alles", und stellt fest: "Schröder hat dem deutschen Nationalismus neues Leben eingehaucht." Das Blatt meint dies ganz und gar positiv. Was folgt, ist eine einzige Lobeshymne auf die wiederaufgetauchte Großmacht in Europas Mitte: Die Deutschen hätten endlich ihre Servilität gegenüber den USA abgeschüttelt, meint The Spectator und schlußfolgert: "Deutschland wird am Ende ein wahrhafterer Freund für uns sein, denn es wird wahrhaftiger deutsch sein."