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05.10.02 / Ein baltischer Lebenslauf: Von Werro nach Waldheim

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Oktober 2002


Ein baltischer Lebenslauf: Von Werro nach Waldheim
Erinnerungen an Flucht, Zwangsarbeit und Lagerhaft
von Martin Schmidt

ie Turbulenzen der deut- schen Geschichte im 20. Jahr- hundert haben die Lebensläufe vieler Menschen dramatisch zugespitzt. Eine dieser bewegten und bewegenden Biographien ist die des Baltendeutschen Werner Pfeiffer.

Nachdem der im estnischen Werro geborene Pfeiffer bereits 1994 in seinem ersten Werk "Mit 15 in die Hölle" die Erlebnisse der frühen Jugend geschildert hatte, setzte er seine durch Spannung und Authentizität bestechende Geschichtsvermittlung im vergangenen Jahr mit dem Band "Abgeholt - Chronik einer geraubten Jugend" fort.

Im erstgenannten Buch geht es um Erlebnisse zwischen Januar und Spätherbst 1945, nachdem Pfeiffers 1941 aus dem Baltikum nach Schroda im Warthegau umgesiedelte Familie vor den anrückenden Sowjettruppen flüchtete, um schließlich im Ost-Brandenburgischen doch von ihnen eingeholt zu werden. Am 24. März 1945 wurde der 15jährige von der Mutter getrennt und nach längeren Fußmärschen in einer bunt zusammengewürfelten deutschen Zwangsarbeitergruppe am 6. April gen Rußland abtransportiert.

In den Schilderungen zur damaligen Stimmungslage nehmen Illusionen und unsinnige Träume einen zentralen Platz ein, etwa wenn sich die Gefangenen infolge irgendeines noch so belanglosen "Vorzeichens" einen baldigen Austausch gegen russische Ostarbeiter vorgaukelten oder das Herannahen der Wehrmacht vermuteten.

Wer sich nicht an diesem immer wieder neue Hoffnung erheischenden Gedankenspiel beteiligen wollte, gar von der Endgültigkeit der deutschen Niederlage sprach, sah sich dem blanken Haß der Mitgefangenen ausgesetzt.

Zweifellos hatte diese Gerüchteküche auch ihre lebenserhaltende Wirkung. Ähnliches galt später bei den beim Eisenbahnbau im eisigen russischen Norden eingesetzten Zwangsarbeitern hinsichtlich des gemeinsamen Singens und der intensiven Religiösität.

Als entscheidend für Pfeiffers eigenes Überleben sollte sich die menschliche Größe und Hilfsbereitschaft einzelner Mitgefangener - Sanitäter und Ärzte - erweisen, die den eher schwächlichen Jungen durch die Einweisung in das "Refugium" des Lazaretts retteten.

Ungefähr 40 Prozent der Frauen, Jugendlichen und alten Männer, die nach dem Bahntransport aus Pommern und Ost-Brandenburg noch am Leben waren, starben dagegen schon in den ersten drei Monaten im Arbeitslager - sei es an Unter- und Mangelernährung, an Entkräftung, der "Scheißerei" oder schlicht daran, daß sie keinen Lebensmut mehr hatten. Frauen hielten sich erheblich besser als Männer, obwohl sie die gleiche harte Arbeit zu leisten hatten.

So wie dieses im renommierten Bouvier-Verlag erschienene Buch den Leser bis zu den letzten Seiten und der Beschreibung der Eindrücke nach der wohlbehaltenen Rückkehr nach Deutschland Ende 1945 fesselt, liest sich auch der Folgeband "in einem weg". Beschämenderweise war es dem Autor allerdings nicht möglich, für seine Tatsachenberichte über die NKWD- und SED-Machtpraktiken in Mitteldeutschland und die Erfahrungen in diversen Zuchthäusern sowie im Internierungslager Sachsenhausen einen Verlag zu finden. So mußte er seine der fortdauernden Verharmlosung des verbrecherischen Charakters der DDR entgegenwirkende Veröffentlichung im Selbstverlag herausbringen.

Am Anfang des Buches stehen die kommunistischen Gleichschaltungsversuche der zu Beginn noch sehr heterogenen, oft von einstigen HJ-Führern geleiteten FDJ-Gruppen. Pfeiffer erlebte diese 1946 in Dahme in der Mark Brandenburg am eigenen Leibe mit.

Wegen harmloser antikommunistischer Äußerungen und der Kenntnis von überall kursierenden und von einem Freund verbreiteten Spottgedichten ("Nichts auf dem Tisch, nichts auf dem Teller/nichts in der Küche, nichts im Keller,/Es gibt nicht mal Klosettpapier -/SED, wir danken dir!" etc.) landete er im April 1947 in NKWD-Haft. Vielen anderen Mitgliedern der "überparteilichen" deutschen Jugendorganisation erging es ähnlich.

Was folgte, war ein von schweren Krankheiten und tiefen seelischen Krisen begleiteter jahrelanger Leidensweg, der bis zur Entlassung im Januar 1954 und der anschließenden Flucht nach West-Berlin währte.

Der wegen "antisowjetischer Propaganda" zu zehn Jahren Arbeitserziehungslager verurteilte Pfeiffer erlebte mit zahlreichen Altersgenossen die brutalen Zustände in den NKWD-Gefängnissen in Luckenwalde und Cottbus, im Lager Sachsenhausen und zuletzt in den Zuchthäusern Untermaßfeld an der Werra, Brandenburg und Waldheim. In den meisten Fällen waren die Gründe für die Inhaftierungen banal.

Dazu schreibt der Autor: "Um wegen Zugehörigkeit zu einer Untergrundorganisation verurteilt zu werden - außer dem imaginären Werwolf erfanden die NKWD-Offiziere auch noch die ‚Achtundachtzig' (eine Chiffre für ‚Heil Hitler!', weil H der achte Buchstabe des Alphabets ist; Anm. d. Verf.) und die ‚Edelweißpiraten' - mußte man keineswegs eine Waffe besessen oder damit gespielt haben. (...)

So wurde z. B. eine ganze Schicht der Güstrower Feuerwehr als ‚Werwölfe' verhaftet und verurteilt, weil sie sich über die Möglichkeit eines Krieges zwischen den Westmächten und der UdSSR unterhalten hatten."

Neben anschaulichen, bedrückenden Schilderungen des Haftalltags mit all seinen Begleitumständen finden sich u. a. im Kapitel "Absurditäten der Planwirtschaft" auch humorvolle Stellen. "Abgeschoben - Chronik einer geraubten Jugend" bietet insbesondere für jüngere Leser die Möglichkeit, an das Thema herangeführt zu werden. Am Ende des Buches werden sie sich kaum der nachdenklichen Rückschau des Verfassers entziehen können:

"Die sich als Jugendliche zu Spitzeldiensten mißbrauchen ließen, waren sich sicherlich nicht im klaren darüber, was sie taten. Ich habe ihnen vergeben. Auch mache ich keinem ehemaligen SED-Funktionär, der seinem Regime in gutem Glauben gedient und niemandem ernstlichen Schaden zugefügt hat, einen Vorwurf daraus. (...)

Nur einer Sorte Menschen kann und will ich nicht vergeben: Es sind diejenigen, die im Westen nie ein totalitäres Regime am eigenen Leibe erfahren haben, die den Sozialismus nur aus Büchern kennen, aber in ihrer ideologischen Verblendung jeden zum ‚Faschisten' stempeln, der vor linkem Totalitarismus warnt."

Werner Pfeiffer: "Abgeholt - Chronik einer geraubten Jugend", Selbstverlag, Gütersloh 2001, brosch., 222 S., 15 Euro; "Mit 15 in die Hölle. Ein Tatsachenbericht", Bouvier Verlag, Bonn 1994, geb., 263 S., 15 Euro (Bezug beider Bücher direkt über den Autor: Postfach 2606, 33256 Gütersloh, Tel.: 05241-47963, Fax: 9610205)