15.04.2024

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05.10.02 / Mit Gnurren und Murren

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Oktober 2002


Mit Gnurren und Murren
Erinnerung an das Erntedankfest in der Heimat
von Otto Höchst

Erloschen waren die Kartoffelfeuer. Das dichte Blätterdach der Linden an der Dorfstraße, das der Herbst in ein leuchtendes Gelb gefärbt hatte, wurde mehr und mehr welk. Die Sonne stand tief über den Ställen und ein kräftiges Abendrot zauberte auf den Dachziegeln flirrende Lichtreflexe.

Es war Feierabend, friedliche Stille im Dorf. Eine Fuhre Futterrunkel wurde noch eingefahren. Zwei kräftige Rappen zogen den schweren Kastenwagen durch das große Tor mit den zwei Elchschaufeln. Sicher würden die Runkeln in eine der Mieten gelagert, die alljährlich hinter den Ställen als Wintervorrat eingerichtet wurden. Eine dicke Schicht aus Stroh und Erde bot Schutz gegen den strengen Frost.

Aus den roten Backsteinhäusern war das Klappern der Melkeimer und ein sanftes Surren der Zentrifugen zu hören. Meist wurden sie noch handbetrieben und bei jeder Umdrehung erklang ein Glöckchen. Das war lustig und oft genug bat ich meine Mutter, die frisch gemolkene Milch schleudern zu dürfen.

Bald würde Mutter in der Haustür stehen und zum Abendbrot rufen. Bratkartoffeln und Klunkersuppe waren angekündigt. Schwester Liesbeth hatte sich ausdrücklich Klunker mit Kakao gewünscht. Wir Kinder spielten wieder einmal "Ich erkläre den Krieg gegen ..." Und wie das so war, der Stärkste vertrat Deutschland ... und Deutschland war am Gewinnen.

Da war auch schon Mutter. Leicht an den Türpfosten gelehnt, stand sie da und beobachtete uns. Sonnengebräunt war ihr Gesicht, das Gesicht einer Landfrau, die einen Sommer lang mit der heimatlichen Scholle auf du und du gestanden hatte und nun voller Stolz Rückschau hält auf ihr Werk.

Dennoch: in ihrem blauen Leinenkleid mit dem weißen Rüschenkragen, wirkte sie wie ein junges Mädchen. Den Knoten, der ihr braunes Haar sonst streng nach hinten hielt, hatte sie gelöst. Die beiden Zöpfe fielen leicht über ihre Schultern. Ein wenig spielte sie mit ihrem Haar.

Eine Weile sah sie uns zu. Eigentlich mochte sie dieses Spiel nicht, aber heute schien es sie nicht zu stören. Sie lächelte. Sicher waren ihre Gedanken bei Vater, der damals in Frankreich stationiert war.

Plötzlich stieg sie die Treppe hinab und winkte mich zu sich heran. "Ottke", sagte sie, "lauf doch gleich mal rüber zu Onkel Hinnner. Er müßte um diese Zeit schon zu Hause sein. Bestell' ihm, er soll doch kommen und zwei Kurren (Puten) bei uns schlachten. Wenn er heute nich' kann, is' nich' weiter schlimm, morgen reicht auch noch; aber morgen muß es sein. Wir bekommen am Wochenende Besuch."

Schwester Liesbeth, die sich zu uns gesellt hatte, hüpfte von einem Bein auf das andere und sang: "Onkel Willy groß, Tante Lotte klein, Onkel Emil kommt aus Rastenburg herein." Diesen Vers trällerten wir immer, wenn die drei kamen. "Nein", sagte Mutter, "die sind es nicht. Tante Lotte habt ihr doch sowieso immer hier und die anderen beiden sind im Krieg. Die Wuppertaler kommen. Die wissen, wir feiern das Erntedankfest. Mit Onkel Stessel habe ich schon gesprochen. Er bringt sie vom Trakehner Bahnhof mit dem Milchwagen mit. Er legt ein paar Decken aus. Anders geht's nicht'. Sie müssen mal mit dem Milchwagen vorlieb nehmen. Onkel Rudolf is' nich' da und wer soll sonst fahren? Ich kann ihnen kein anderes Fuhrwerk nich' schicken. Aber sie sind ja auch bescheidener geworden." Das Wort ‚bescheidener' betonte sie und atmete tief aus. Sie fügte hinzu: "Eigentlich sind sie ganz in Ordnung unsere Verwandten; Großstädter eben."

Ein bißchen maulte ich noch rum: "Mitten im Spiel ..." und so, aber mit Mutter durfte ich es nicht verderben und da ich sowieso fast ganz England verloren hatte, machte ich mich auf den Weg. Mutter rief mich noch einmal zurück und flüsterte mir ins Ohr: "Aber laß dich nich' von Tante Milde abwimmeln. Die findet manchmal Ausreden. Sag' alles dem Onkel persönlich. Opa schlachtet keine Tiere... und überhaupt: Onkel Hinner baut seit Jahren in unserem Garten seinen Tabak an, weil er bei sich nich' Sonne genug hat, da kann er ..." die letzten Worte hörte ich nicht mehr. Ich hatte mich schon in Trab gesetzt.

Bisher hatte ich über Tante Milde nicht nachgedacht und war nun gespannt, wie sie mich ‚abwimmeln' würde.

Die Haustür stand offen. Um diese Jahreszeit waren immer alle Haustüren in unserem Dorf offen, für jedermann offen. Ich ging hinein. Tante Milde war gerade beim Buttern. Sie saß in der Küche auf einem Schemel und stampfte.

"Is' Onkel Hinner da", legte ich los, "ich soll von Mut ..." - "Zieh erst mal deine Schlorren aus und kannst du nich' hochdeutsch reden, in der Schule wißt ihr dann nich', wie manche Wörter richtig geschrieben werden", wurde ich unterbrochen. "Im Flur, gleich unter der Treppe, steht ein Regal. Da stell' sie ab; und ‚guten Abend' sagt man auch, wenn man wo reinkommt." Ich hatte mein Anliegen im klarsten Plattdeutsch meiner Heimat formuliert. Ach, war mir das peinlich. In Gedanken hatte ich mir alles genau zurechtgelegt und nun verpatzt.

Ich stellte meine Schlorren in das Regal und unternahm erneut einen Anlauf. In der Küchentür blieb ich stehen und sagte: "Guten Abend, Tante Milde" und einen Diener machte ich auch. "Is' Onkel Hinner da?" - "Ich habe dich vorhin schon verstanden", erscholl es hinter dem Butterfaß hervor. "Was willst du von ihm? Um diese Zeit schneidet er keine Haare nich' und Sonntagvormittag geht auch nich'. Da is' Erntedank. Er is' im oberen Stübchen, muß was überlegen für das Fest. Von der Arbeitsfront aus soll er was reden. Er darf nich' gestört werden." - Ach, dachte ich, die hat Angst, daß Haare herumliegen, Mutter ärgert das auch, und platzte los: "Meine Haare soll er ja nich' schneiden, bloß zwei Kurren soll er bei uns schlachten." - "Geh' man wieder nach Hause", sagte Tante Milde, "ich sag's ihm, wenn er runter kommt." Hinter ihren Brillengläsern funkelte es verdächtig, ob sie wirklich ...? Ich traute ihr nicht. Jetzt hatte sie mich vielleicht abgewimmelt ...? "Na gut", sagte ich knapp, holte meine Schlorren und verschwand.

Das Fenster vom kleinen Stübchen lag giebelseitig. Ich würde mich dort einfach bemerkbar machen und lieber alles persönlich klären. Dreimal kurz pfiff ich und rief halblaut nach oben: "Onkel Hinner, ich bin's."

Aber ich hatte nicht überlegt, daß das Fenster vom kleinen Stübchen sich direkt über dem Küchenfenster befand. Und da war Tante Milde. So zog ich, diesmal recht heftig, ihren Zorn erneut auf mich. Ich machte mich aus dem Staub.

Unsere zwei Kurren wurden dann doch geschlachtet und wir hatten ein wunderschönes Erntedankfest.

Schon am Sonnabend war auf dem Sportplatz ein großer Mast, der eine Erntekrone trug, aufgestellt worden. Alle Blütenpracht, die der goldene Herbst den Hausgärten beschert hatte, hatten die jungen Mädchen zusammen mit den verschiedenen Getreidearten zu einer leuchtend farbigen Krone gebunden. Bunte Bänder flatterten im leichten Wind.

Ein paar Bänke waren aufgestellt worden und ein kleines Podium. Bei schönem Wetter sollte allerhand los sein.

Am Sonntag versammelten sich vor dem Kirchgang nun die Dorfbewohner auf dem Sportplatz. In der Nähe des Podiums standen der Inspektor, der Bürgermeister und der Lehrer, unweit von ihnen hatten sich die zwei Kämmerer plaziert.

Zuerst sollte Onkel Hinner das Wort nehmen und für die Arbeiter sprechen. Er war im vollen "Wichs" erschienen: blanke Stiefel, Anzug mit Weste ... Seinen Schnurrbart, ein totaler Kaiser-Wilhelm-Verschnitt, hatte er hochgedreht. Einer sagte: "Ruhig mal, Hinner Tierscheid will was reden."

Onkel Hinner betrat das Podium, schlug sein Jackett zurück, steckte beide Daumen in die kleinen Westentaschen, seine silberne Uhrkette war zu sehen, er machte was her ...

Fast sah es aus, als wolle er Zeit gewinnen. Seine Pfeife, die er, ohne zu rauchen, nur in der Hand gehalten hatte, klopfte er an der Stiefelsohle aus, schaute um sich, als suche er jemanden.

"Männer von's Amt Kattnau", begann er plötzlich, "mit allem Gnurren und ..." - "Warum bloß die Männer", erklang eine Frauenstimme. "Wir sind ja auch noch da, wir Frauen. Sind wir denn nuscht nich'? Wer hat denn stundenlang bei glühender Sonne mit der Nase aufs Korn gelegen und die Garben gebunden, wo das Korn gelagert war? Und Menschche, da kommen allerhand Stellen zusammen. Ja, ihr Männer saßt ja auf dem Binder, habt euch von den Pferden spazieren fahren lassen ..." Die Frau hatte die Lacher auf ihrer Seite, aber Onkel Hinner ließ sich so leicht nicht beirren. Etwas mürrisch aber beherzt trat er erneut an. "Noch hatte ich ja gar nicht richtig angefangen", sagte er, "und du willst schon wissen, was ich alles nich' sagen wollte. Nu denk aber mal an ..."

"Also Männer und Frauen von's Kattnau. Mit allem Gnurren und Murren haben wir nun die Ernte eingefahren. Manchmal war es hart, aber alles is'geschafft, noch paar Runkel, aber die kommen rein, bevor Frost kommt. Auch wir in der Heimat haben für unser Vaterland eine Schlacht geschlagen."

Er sah um sich, ob nun alle zufrieden waren, sah in der Nähe den Inspektor stehen und sagte: "Na, Herr Spekter, nu' sagen Se aber auch e Wort"und trat ab.

Der Kirchlichen Andacht folgten die Festlichkeiten auf dem Sportplatz. Der Frauenchor sang Volkslieder, eine Mädchengruppe führte Reigen um die Erntekrone auf und für uns Kinder gab es Wettkämpfe. Am lustigsten war Wolski mit seinem Einmannorchester. Ich kann nicht beschreiben, welche Instrumente dort vertreten waren. Das Orchester machte viel Krach und Wolski konnte dabei noch singen: "Secht je, joa noa Kattnau, secht he, omme Eck, secht he, steit en Kätel, volljeföllt met Fleck. Secht he, stecke Läfels, Läfels ähre zei, secht he, kenne ääte, ääte ähre drei...", erscholl es an diesem Tage mehrmals über unseren Sportplatz!

Der Tag klang aus. Die Tiere waren zu versorgen. Still kam eine für den Herbst laue Nacht. Unter der Schmiede hatte sich junges Volk versammelt. Eine Ziehharmonika erklang, ein Triangel und eine Klampfe gesellten sich hinzu. Die Mädchen sangen: "Es dunkelt schon in der Heide ..."

Nach Hause laßt uns gehen - Auslegen eine neue Saat und Schneiden das Korn für ein multinationales Leben in Mutter Ostpreußens fruchtbaren Schoß.

*

Für die, die des Plattdeutschen nicht mächtig sind: Sagt er, geh nach Kattenau, sagt er, um die Eck, sagt er, steht ein Kessel, vollgefüllt mit Fleck, sagt er, stecken Löffel, Löffel ihrer zwei, sagt er, können essen, essen ihrer drei ...

Damals in der Heimat: Die Ernte 2002 ist eingebracht, das Erntedankfest kommt. "An die Erntezeit vor Jahrzehnten in der Heimat erinnern diese Bilder, deren Originale im Handgepäck meiner Mutter Ende 1947 den Vertreibungstransport überdauerten", schreibt Hildegard Neugebauer. "Die Aufnahmen entstanden 1930 auf dem Gut Bienau, Kreis Osterode, Gutsbesitzer war Herr Sinnhuber. Erntekrone und Kranz werden gebracht. Der letzte Wagen voller Garben hat den Hof ereicht, nun ist alles glücklich geborgen, er wird mit Krone und Kranz geschmückt. Dies geschieht zum Dank und aus dem Arbeitstag heraus, wie es damals noch lebendiger Brauch war. Hart und schwer war die Arbeit in jener Zeit. So ganz anders heute Landarbeit und Ernte sind, wir sollten in unserer Zeit die Achtung vor solcher Arbeit und die Dankbarkeit für unser tägliches Brot nicht vergessen."

 

Abendfrieden

Klaus v. d. Groeben

Die Heimat meiner Träume

ist, ach, so weit, so fern.

Jetzt leuchtet

durch dunkle Bäume

der funkelnde Abendstern.

Ein Storch

mit schweren Schwingen

über die Hofstatt streicht.

Im Dorf die Mädchen singen,

der Mond am Himmel steigt.

Im Flusse plätschernd baden

sich brave Arbeitsleut',

sie hatten Korn geladen

und keine Müh gescheut.

Vom See her durch die Stille

der Ruf des Reihers dringt.

das feine Spiel der Grille

süß aus den Wiesen singt.

Im tiefen Abendfrieden

vom Hof zum Waldessaum

liegst du, weltabgeschieden,

du meiner Heimat Traum.