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05.10.02 / "Wunderbares Bild in der Seele" / Entwicklung der Landschaftsmalerei auf der Kurischen Nehrung

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Oktober 2002


"Wunderbares Bild in der Seele"
Entwicklung der Landschaftsmalerei auf der Kurischen Nehrung
von Rudolf Meyer-Bremen

Die Kurische Nehrung ist so merkwürdig, daß man sie ebensogut als Spanien und Italien gesehen haben muß, wenn einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen soll." Das schrieb Wilhelm von Humboldt, als er in Königsberg lebte und der Preußische Hof in den Jahren 1808/09 dort residierte. Am 3. Januar 1807 war die vom Volk verehrte Königin Luise mit Teilen des Hofes nach vierwöchigem Aufenthalt von Königsberg aus nach Memel weitergezogen, um Napoleon auszuweichen. Sie benutzte die Poststraße auf der Kurischen Nehrung, die von alters her Berlin über Danzig, Königsberg, Memel, Riga mit St. Petersburg verband. Die Umstände dieser Winterfahrt glichen nicht den Bildungsreisen, die bei gehobenen Schichten in dieser Zeit beliebt geworden waren.

Noch im Sommer 1806, am 24. Juli, hatte der Leiter der Königsberger Kunstschule, A. Knorr (1763-1841), eine Kunst-Ausstellung im Schloß eröffnet, zu der ein Katalog erschien. In ihm sind "Landschaften" von Schülern des aus Breslau stammenden und in Königsberg 45 Jahre tätigen Zeichenlehrers S. B. Weidner (1784-n.1835) und des Königsberger akademischen Malers I. Vigouroux (1764-1807) aufgeführt. Die Eleven der Provinzial-Kunstschule, also Knorres Schüler, stellten ausschließlich gemalte und gezeichnete Köpfe aus. Knorre war ein exzellenter und beliebter Portraitmaler. Aus dem Nachlaß seines Vorgängers J. M. Janson (1751-94) wurden Architekturzeichnungen und zwei Königsberger Ansichten gezeigt.

Für Ansichten von Königsberg sind der Universitätszeichenlehrer J. Wienz (1781-1848) und C. E. Rauschke (1780-n.1835) bekannt. Letzteren und F. Bils (1801-1853) zog es auch vor die Tore der Stadt bis an die Samländische Küste. Über "Nehrungsbilder" ist in dieser frühen Zeit nichts bekannt, und lediglich in naturwissenschaftlichen Arbeiten im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts wird nebenbei das malerische Erlebnis des witterungsabhängigen Farbenspiels auf der Nehrung beschrieben.

Nachdem 1831 in einer einjährigen Mammutleistung die 120 Kilometer lange "Kunststraße" von Königsberg bis Tilsit gebaut war, hatte die historische Poststraße über die Nehrung nach Memel, die teilweise das Sandufer der Ostsee benutzte, ihre Bedeutung verloren und die Nehrung aus dem Blickpunkt des Interesses gerückt. Auch in den Katalogen der Ausstellungen des 1832 gegründeten Kunstvereins in Königsberg ist bis Ende der 50er Jahre kein Gemälde der Kurischen Nehrung recht nachweisbar, weil überwiegend genaue Ortsangaben in den sogenannten "Landschaften im Charakter Ostpreußens" fehlen. Nur bei H. Gemmel (1813-1868), O. R. Jacobi (1812-1901), K. L. Rundt (1802-1868) und ein paar weiteren Malern sind hin und wieder örtliche Angaben gemacht (Wilh. O. Classen zeigt 1838 Lochstädt und 1839 Neuhausen, A. H. Frank 1841 Balga). Jacobi, der später Professor und Leiter der kanadischen Kunstakademie in Toronto wurde, zeigt 1837 zwei Bilder "Warnicken am Ostseestrand" und "Landschaft mit Fischerfamilie" und 1843 nochmals Fischerbilder. August Thiel, Hermann Löschin und Waldemar Philippi beschäftigten sich 1856 als Schüler der Königsberger Kunstakademie mit Themen ostpreußischen Volkslebens. J. Hrch. Stobbe, ein älterer Königsberger Genremaler, stellte 1850 ein Bild "Kurländische Fischerfrau mit ihren Kindern" und 1853 "Des Fischers Heimkehr" aus, Thiel 1859 eine "Kurländische Fischerin", bevor er 1865/77 in Tilsit tätig wurde. Diese Bilder mit Kurländischen Fischerthemen könnten auf der Nehrung entstanden sein, aber auch an der Samländischen Küste.

Zum Verständnis für die Entwicklung der Landschaftsdarstellung darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Kunstakademie in Berlin erst 1816 einen Lehrstuhl für Landschaftsmalerei schuf, auf den Peter Ludwig Lütke berufen wurde, bei dem noch die Landschaft "nach eigener Erfindung" eine Berechtigung hatte und daß erst mit Karl Blechen (1831) und Wilhelm Schirmer (1839) die ,gesehene Natur' Vorrang erhielt. Das Bedürfnis zur Illustrierung der Reiseliteratur zwang auch Künstler, ,naturgetreu' zu werden. Mit der Erfindung der Fotografie (1839) erhielt die darstellende Kunst eine Konkurrenz in der Schaffung von Dokumentationen, und das Ergebnis der naturgetreuen Fotografie wird gelobt; sie wird zum Begleiter der Kunstsuchenden. Auch der Kunstverein Königsberg erwirbt 1840/41 ein Daguerrotyp.

Als 1845 die Königsberger Kunstakademie gegründet wurde, übernahm August Behrendsen (1819-1886) die Landschafterklasse, der ein Maler der Alpenlandschaften war. Er zog 1868 nach seiner Pensionierung nach Meran und schickte von dort aus nach Königsberg ein Bild "Abend am Haff", das der einzige Beleg - bei seinen regelmäßigen Beteiligungen an den Ausstellungen - für eine ostpreußische Motivwahl ist. Sein Nachfolger an der Akademie, Hugo Knorr (1834-1904), erhielt 1873 einen Ruf an die Technische Hochschule in Karlsruhe und hatte in seiner Königsberger Zeit Motive an der Bernsteinküste des Samlandes behandelt. In dieser Zeit werden die ersten, eindeutig bezeichneten Bilder der Nehrung auf den regelmäßig veranstalteten Ausstellungen des Kunstvereins gezeigt. Julius Siemering (1837-1908) stellt 1869 "Mondschein, Motiv von der Kurischen Nehrung" und ein Bild von Schwarzort, dem nördlichsten Fischerdorf auf der Kurischen Nehrung, aus. Und im gleichen Jahr sind Bilder von Rudolf Petereit eingeliefert, der 1874 von Königsberg nach Dresden wechselt. Er bezeichnet sie "Fischerdörfchen am Fuße der Dünen", "Hohe Düne", "Trümmer eines versandeten Dorfes" und "Dünensturm" sowie "Abend an der Seeküste". Mag sein, daß Petereit und Siemering mit dem Elbinger Hermann Penner (1825-1912) die Nehrung 1868 durchstreifte. Passarges "Aus baltischen Landen" mit dem Kapitel "Von der Kurischen Nehrung" erschien aber erst 1878. Passarge, selbst ein eifriger Zeichner, beschrieb die Großartigkeit der landschaftlichen Reize und die Not der Fischer, deren Dörfer durch die Wanderdünen gefährdet und von ihnen begraben wurden (die Enkelin von Passarges Schwester war die bekannte Malerin Edith Wirth-Sukkau, 1881-1941).

Die ersten malerischen Darstellungen der Nehrung stammen aus der Zeit der ungezügelten Wanderdünen. In den 80er Jahren durchstreifte der Gumbinner Elch- und Pferdemaler Heinrich Krüger (1863-1901) aus Gumbinnen die Nehrung. Er starb 1901 in Rossitten.

Heinrich Krüger holte 1888 Ernst Bischoff (1870-1917) aus Culm und später seinen Vetter Eduard Anderson (1873-1947), die beide die Akademie in Königsberg besuchten, auf die Nehrung, und der Kreis von Malern erweiterte sich von da ab zunehmend. Nach Thieme-Becker gehört Krüger "zu den Entdeckern der malerischen Schönheit der Kurischen Nehrung, die er auch in Liedern und Gedichten feierte". Zu den Kennern der Nehrung gehörte auch der Maler Benno Becker, geboren in Memel 1860, später Professor an der Münchner Akademie und Gründer der dortigen Sezession, dessen Vater die Bernsteinförderung in Schwarzort betrieb, sowie Robert Gleich (1859-1912), der Illustrator von Berthold Beneckes Fachbuch über die Fischerei in Ost- und Westpreußen. Im Schülerverzeichnis von Eugen Bracht an der Berliner Akademie wird Gleich in den Jahren 1886/87 zusammen mit dem Tilsiter Heinrich Kohnert (1850-1905), mit dem 1900 zum Leiter der Königsberger Akademie berufenen Ludwig Dettmann (1865-1944) und mit Karl Storch (1864-1954), den Dettmann 1902 nach Königsberg holte, aufgeführt.

Unter den vier Kirchdörfern der Nehrung, nämlich Sarkau, Rossitten, Nidden und Schwarzort entwickelte sich Nidden - bis zum Exodus 1945 - mit 850 Einwohnern zum stärksten Anziehungspunkt, in dem das Gasthaus Blode als frühere Posthalterei mit seinem geselligen Besitzer bis 1944 Treffpunkt aller Künstler war. Und es waren nicht nur die Maler, sondern auch Schauspieler, Sänger, Schriftsteller und Musiker. Ernst Mollenhauer (1892-1963) heiratete eine Tochter Blodes und schilderte die Gästeliste des Hauses: den Schriftsteller Walter Heymann, Agnes Miegel, Humperdinck, Paul Scheinpflug, die Maler Oskar Moll, Pechstein, Schmidt-Rottluff und Thomas Mann, der sich in Nidden sein Haus baute, oberhalb des Hauses des Malers Karl Knauf (1893-1944), der aus Godesberg stammte. Auch der Dresdner Maler Birnstengel (1887-1968) hatte sich in Nidden sein Haus gebaut. Ob die Künstler in einem anderen Gasthaus, in einem stillen Fischerhaus von Rademacher, Fröse oder Sakuth - häufig vertretene Namen - oder in einem benachbarten Dorf wohnten, sie lernten sich bei Blode kennen. Blodes Haus war bekannt, und alle kamen auf die Nehrung, um die festgelegten oder im Wind "rauchenden" nackten bis zu sechzig Meter hohen Dünen zu erleben, die ihren Ausdruck mit dem Wetter und dem hohen Himmel schnell ändern konnten und wegen ihrer breiten, behäbigen Kurenkähne, die wegen des flachen Haffs keinen festen Kiel besaßen und auf den Mastspitzen die reich geschnitzten, farbigen Wimpel trugen.

Der Königsberger Kunsthandel hat an der Verbreitung der Nehrungserlebnisse der Maler maßgeblichen Einfluß gehabt. Der aus Braunsberg stammende Bernhard Teichert (1854-1934) hatte 1893 seinen Kunstsalon eröffnet, nachdem er schon in dem Geschäft seiner Schwester Amalie seit 1880 mit Künstlern in Verbindung gekommen war. Dem Kunstverein in Königsberg war er seit 1912 bis 1933 als Rechnungsprüfer verbunden. In seiner Galerie in der Großen Schloßteichstraße zeigte er 1905 Bilder der Nehrung. Sein Neffe Carl Lau führte die Kunsthandlung fort. In Teicherts Haus hatte Paul Riesemann gelernt, der mit Max Linthaler 1907 eine Kunsthandlung (Riesemann & Linthaler) in der Französischen Straße eröffnete. Riesemann veranstaltete eine der ersten Ausstellungen von Lovis Corinth und wurde ein bekannter Vermittler und Förderer von Künstlern. Diese beiden Häuser haben in der Nachfolge des aufgeschlossenen Kunsthändlers Bruno Gutzeit, der ab 1878 eine andere traditionsreiche Galerie (Bon/Heilmann) bis 1894 fortführte und als Förderer Corinths bekannt ist, wesentlich dazu beigetragen.

1914 fand eine "Nehrungsausstellung" in Königsberg statt, als das Fischerdorf Nidden als Malerparadies bereits zu einem festen Begriff unter Künstlern geworden war. Eine Ausstellung in den Jahren 1976/77 in Hamburg (Altonaer Museum) und Regensburg (Ostdeutsche Galerie) war der Künstlerkolonie "Nidden und die Kurische Nehrung" gewidmet, in der über 200 Künstler aufgeführt wurden, die dort gearbeitet hatten. Die Darstellung der Geschichte in dem Ausstellungskatalog umfaßt die Zeit ab 1880 und konnte jetzt durch Kenntnis der Ausstellungskataloge des Königsberger Kunstvereins die ersten Maler auf der Kurischen Nehrung auf die Zeit vor 1869 nachweisen. Es war die Zeit, in der die Nehrung mit den ersten Festlegungen der Wanderdünen in das öffentliche Interesse in Königsberg rückte und eine jüngere Generation den Kunsthandel bestimmte.

Das Leben der Maler und Fischer auf der Nehrung ist nach 1945 erloschen. Aus der darauffolgenden und bis 1990 dauernden Sperrgebietszeit ist nur ein Besuch des Schriftstellers Jean Paul Sartre in den sechziger Jahren auf der Nehrung nachgewiesen; auf einer Foto-Ausstellung des Kupferstichkabinetts in Dresden in den 90er Jahren befand sich ein Foto eines litauischen Fotografen, das ihn allein auf einer Düne gegen den Wind gehend zeigt.

Warnicken: Die Wolfsschlucht (gezeichnet von Rauschke, auf Stein gezeichnet von Jacobi; im Besitz des Kupferstichkabinetts Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz)

entnommen aus "Frühe Ansichten von Ost- und Westpreußen im Steindruck", Husum Verlag 2001

Cranz: Das Souvenierblatt zeigt die Anfänge des Seebades an der Steilküste des Samlands (gez. von Rauschke und Jacobi)