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05.10.02 / Vor 60 Jahren: Deutscher Vorstoß ins All

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. Oktober 2002


Vor 60 Jahren: Deutscher Vorstoß ins All
Die Rakete A4 stieg bis auf eine Höhe von 84 Kilometern
von Jan Heitmann

Houston, hier ist Tranquility Base. Der Adler ist gelandet." Es war der 20. Juli 1969. Als Prof. Dr. Wernher von Braun die Worte von Neil Armstrong hörte, mit denen dieser einer erregten Menschheit mitteilte, daß zum ersten Male ein Mensch seinen Fuß auf einen anderen Himmelskörper gesetzt hatte, wußte von Braun, daß er sein Lebensziel erreicht hatte. Er war am Ende eines Weges angekommen, den zu beschreiten er 40 Jahre zuvor in Deutschland begonnen hatte.

Die meisten der bedeutenden Raketenpioniere waren Deutsche. In den frühen 20er Jahren begannen mehrere junge Wissenschaftler, sich für die Anwendung der Rakete als Weltraumfahrzeug zu interessieren. Einer von ihnen war der Student Wernher von Braun. Schon in jungen Jahren konnte er sich als Mitarbeiter von Hermann Oberth hohes Ansehen als Raketenexperte erwerben, und 1932 wurde er Mitarbeiter in einem Raketenentwicklungsprogramm des Heeres. In Kummersdorf, etwa 25 Kilometer südlich von Berlin, experimentierte das Heer unter der Leitung von Hauptmann Walter Dornberger, einem erfahrenen Artilleristen und Maschinenbauingenieur, mit Raketenmotoren.

Die ersten dort erzielten Erfolge überzeugten das Heer, daß die Rakete eine brauchbare Waffe sein könnte, und führten zu einem Aufschwung des Raketenprojektes. Nicht nur die Raketen, sondern auch die Versuchsstelle selbst wuchsen nun über die beengten Verhältnisse in Kummersdorf hinaus. Im Frühjahr 1936 war die Entscheidung für den Standort des neuen deutschen Raketenforschungszentrums gefallen, den kleinen und abgeschiedenen Ort Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom.

Das Herzstück des gemeinsamen Raketenforschungszentrums von Heer und Luftwaffe entstand in den dichten Waldstücken nahe der Nordostecke der Insel. In diesem Bereich befanden sich alle Einrichtungen, die zum Betrieb der Versuchsstelle notwendig waren, einschließlich der Entwick-lungs-, Konstruktions- und Versuchslaboratorien. Dieser Teil des Raketenforschungszentrums wurde offiziell als Entwicklungswerk - Werk Ost bezeichnet. Im weiteren Umkreis gab es noch Versorgungseinrichtungen, Wohnanlagen, Kasernen und Baracken für Kriegsgefangene und Fremdarbeiter.

Die erste Aufgabe der Heeresversuchsanstalt war es, die nächste Generation von Flüssigraketen zu entwickeln. Nach vielen Fehlstarts und Abstürzen plante das Heer 1938 den Bau einer Langstreckenrakete, die, ausgerüstet mit einem Gefechtskopf von einer Tonne Gewicht, mindestens 300 Kilometer weit fliegen sollte. Diese neue Rakete sollte mit Lastkraftwagen oder der Eisenbahn transportiert werden können, so daß ihre Größe den Gegebenheiten des deutschen Straßen- und Eisenbahnnetzes entsprach. Die Antwort auf diese Kriterien war die A4. Bei Kriegsbeginn billigte die Wehrmacht dem A4-Projekt die höchste Dringlichkeitsstufe zu. Wernher von Braun wurde ziviler Technischer Direktor in Peenemünde. Von diesem Zeitpunkt an war die Heeresversuchsanstalt Peenemünde das modernste und am weitesten entwickelte Raketenforschungszentrum der Welt. Im Frühjahr 1940 arbeiteten hier mehr als 18.000 Mitarbeiter bei Tag und Nacht an der Entwick-lung der A4. Auf die geplante Verwendung der von ihnen entwickelten Flugkörper hatten die Raketenforscher allerdings keinen Einfluß.

Nach vielen Schwierigkeiten und Fehlschlägen kam der 3. Oktober 1942. Es wurde der Tag des großen Triumphes. An diesem Tag mußte es gelingen. Und tatsächlich stieg die Rakete unaufhaltsam in den Himmel, um sich nach Erreichen einer Höhe von 84 Kilometern wieder der Erde zuzuwenden und mit Überschallgeschwindigkeit den Blicken zu entschwinden. Dieser erfolgreiche Raketenflug brachte den Durchbruch. Erstmals hatte der Mensch den Weltraum erobert und ihn als Brücke zwischen zwei Punkten auf der Erde genutzt. Dies war der Beginn eines neuen Zeitalters der Verkehrstechnik, der Beginn der Raumfahrt. Werner von Braun gab das Ziel vor: "Ich will nicht nach London, ich will auf den Mond."

Die politische und militärische Führung aber war weit mehr an einer militärischen Nutzung der Rakete als an ihrer Bedeutung für die Raumfahrt interessiert. So wurde die A4 zu einem Prototyp einer großen Fernrakete, die im Sprachgebrauch der deutschen Propaganda als "Vergeltungswaffe 2" bezeichnet wurde. Diese gemeinhin kurz als "V2" bekannte Rakete war die größte und am weitesten entwickelte Rakete ihrer Zeit. Ihre Reichweite und Zerstörungskraft übertraf bei weitem die jedes Artilleriegeschützes.

Der nächste Entwicklungsschritt war die Herstellung dieser Rakete für die operative Verwendung durch die Wehrmacht. Von den Nachfolgemodellen der A4 wurde allerdings nur die A7 tatsächlich gebaut. Das letzte Projekt der A-Serie, die A10, war eine Zweistufenrakete, die einen Gefechtskopf von einer Tonne etwa 4.000 Kilometer hätte tragen können. Alle weiteren Raketenentwicklungen sollten dann nur noch der Weltraumfahrt dienen.

Im Werk West arbeiteten die Wissenschaftler der Luftwaffe derweil mit Hochdruck an ihren eigenen Projekten. Zu diesen gehörte neben Boden-Luft-Raketen auch die Erprobung der deutschen Strahlflugzeuge, und das Donnern der Me 163, Ar 234 und der He 162 erfüllte häufig die Luft. Das bedeutendste Projekt aber war die geflügelte Bombe Fi 103, die später unter der Bezeichnung V1 bekannt wurde.

Für lange Zeit herrschte bei den alliierten Nachrichtendiensten Unklarheit darüber, was in Peenemünde vor sich ging. Nachdem die Auswerter aber den Zusammenhang zwischen den Anlagen dort und der deutschen Raketenforschung erkannt hatten, erfolgte am 17. August 1943 ein schwerer Bombenangriff auf Peenemünde. Grobe Zielfehler führten dazu, daß viele Bomben auf die Barackenlager fielen und Hunderte der dort untergebrachten Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen töteten. Dem Luftangriff fielen 732 Menschen zum Opfer, unter ihnen "nur" 120 Deutsche. Das Hauptziel des Angriffes, möglichst viele nicht zu ersetzende Angehörige des wissenschaftlichen und technischen Personals auszuschalten, war also nicht erreicht.

Obwohl das deutsche Raketenprogramm durch den Luftangriff nicht wesentlich verzögert wurde, war die Zeit der Blüte für Peenemünde vorüber. Ein geeigneter Platz für die Massenproduktion der V2 fand sich bald in dem ausgedehnten Tunnelkomplex "Mittelwerke" unter dem Kohnstein unweit von Nordhausen im Harz. Der Ausbau des Tunnelsystems begann im September 1943 mit Hilfe von 15.000 Zwangsarbeitern. Auf dem Truppenübungsplatz Heidelager in der Nähe von Blizna im Südosten Polens entstand in kürzester Zeit ein neues Raketentestgelände. Schon zum Jahreswechsel 1943/44 hatte Nordhausen die Rolle des Standortes der deutschen Raketenproduktion übernommen, und in Heidelager waren die Testflüge in vollem Gange.

Peenemünde führte von nun an ein Schattendasein. Nur wenige der zerstörten Gebäude wurden wieder aufgebaut, und ein großer Teil der Trümmer wurde nie geräumt. Hier wur- den aber auch jetzt noch bedeutende Forschungsarbeiten verrichtet und eine geringe Anzahl von Raketen zu Testzwecken gebaut. Wernher von Braun und ein Teil des Schlüsselpersonals blieben noch bis kurz vor Kriegsende in Peenemünde. Ende 1943 wurden die Vorgaben für die Raketenproduktion beträchtlich erhöht. Obwohl die Fertigung ausschließlich in den Mittelwerken erfolgte, sollten von nun an monatlich 2.000 Raketen produziert werden. Diese Anzahl wurde trotz des Einsatzes eines Zwangsarbeiterheeres nie erreicht. Insgesamt konnten zwischen Januar 1944 und März 1945 nur 6.000 Raketen geliefert werden. Seit August 1944 erreichte der Ausstoß mit 600 Raketen monatlich seinen Höchststand.

Ein Rüstungsvorhaben der geschilderten Größe führte natürlich schon bald zu Begehrlichkeiten. Dem zwischenzeitlich zum Generalmajor und Leiter der Heeresversuchsanstalt avancierten Walter Dornberger war es lange Zeit gelungen, die Partei und ihre Gliederungen aus dem Raketenprogramm herauszuhalten. Nun sah er sich plötzlich den massiven Bemühungen der SS gegenüber, die Kontrolle über das gesamte Projekt zu erlangen. Im Februar 1944 unternahm Himmler den vergeblichen Versuch, Wernher von Braun abzuwerben und zur Fortsetzung seiner Arbeit unter der Feder- führung der SS zu bewegen. Drei Wochen später wurden von Braun und einige seiner Kollegen von der Gestapo verhaftet und beschuldigt, sich mehr für die Weltraumfahrt als für die Entwicklung einer Waffe zu interessieren. Dieser Vorwurf war durchaus zutreffend. Es gelang Dornberger erst nach mehreren Tagen, die Verhafteten freizubekommen. In dem nun folgenden Machtkampf zeichnete sich schnell eine Niederlage der Raketenforscher und des Heeres ab. Schließlich erhielt die SS die vollständige Kontrolle über das gesamte Raketenprojekt, einschließlich der Produktion der von der Luftwaffe entwickelten V1.

Am frühen Abend des 8. September 1944 erschütterten ein unheimliches Donnern und eine schwere Explosion die westlichen Stadtteile Londons. Die Einwohner der Stadt hatten sich an deutsche Bomben und die V1 gewöhnt. Diesmal hatten sie aber weder die Luftschutzsirenen noch die Motoren deutscher Bombenflugzeuge oder das charakteristische Geräusch des Triebwerkes einer V1 gehört. Dieser erste Einschlag einer V2 bedeutete eine Zäsur in der Kriegsgeschichte, den Beginn der deutschen Raketenoffensive. Bis Kriegsende wurden etwa 2.500 Raketen gegen London und Antwerpen abgefeuert.

Zu Beginn des Jahres 1945 arbeiteten noch über 4.300 Menschen in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde. Wernher von Braun hatte sich rechtzeitig mit seinen leitenden Mitarbeitern dahingehend verständigt, sich zu gegebener Zeit den US-amerikanischen Truppen zu ergeben. Am 14. Februar 1945 wurde in Peenemünde die letzte Rakete gestartet, und drei Tage später begann die Evakuierung. Die Mitarbeiter und ihre Familien verließen Peenemünde Richtung Harz. Trotz des nahenden Zusammenbruchs präsentierten die Raketenforscher dort noch ihr letztes Projekt, das erste geflügelte Fluggerät der Welt, das die Schallmauer durchbrechen konnte.

Im April zogen von Braun und 500 seiner Mitarbeiter nach Bayern weiter. So kam es, daß bei Kriegsende die bedeutendsten deutschen Raketenwissenschaftler im Raum Oberammergau auf das Erscheinen der US-Truppen warteten.

Die erkannten sofort, welche enormen wissenschaftlichen Fähigkeiten und Erfahrungen ihre Gefangenen besaßen und welche unschätzbar wertvolle Kriegsbeute ihnen in den Mittelwerken in die Hände gefallen war. Von Braun und seine Kollegen erhielten das Angebot, ihre Arbeiten in den Vereinigten Staaten von Amerika fortzusetzen. Da nur wenige dieses Angebot ablehnten, traten schließlich 492 deutsche Wissenschaftler die Reise über den Atlantik an. Den Sowjets gelang es mit der Hilfe der gefangenen Mitarbeiter der Mittelwerke, ein eigenes Raketenprogramm zu initiieren, das auf der V2 aufbaute.

Für mehr als 20 Jahre bildeten die deutschen Wissenschaftler das Rückgrat der US-amerikanischen Raketenforschung. Schon 1946 stellten sie mit einer von dem Testgelände in White Sands gestarteten V2 einen Höhenrekord von 122 Kilometern auf. Nur 23 Jah-re später hatte Wernher von Braun sein Lebensziel erreicht: die von ihm entwickelte Saturn V brachte den ersten Menschen auf den Mond. Die Wissenschaftler in Peenemünde hatten den Weg zur modernen Weltraumtechnologie geebnet, und alle Nachkriegsprojekte bauten in der einen oder anderen Weise auf dem auf, was in Peenemünde erdacht und erprobt worden war. So ist die V2 der direkte Vorgänger aller bedeutenden Raketen und Raumfahrzeuge späterer Jahrzehnte.

Die Ruinen in Peenemünde erinnern an die großen wissenschaftlichen Erfolge, die hier erzielt wurden. Sie gemahnen aber auch an die Verantwortung des Menschen für einen verantwortungsvollen Umgang mit seinen Erfindungen.

A4-Rakete: fünf Sekunden nach dem Abheben

Am Boden: Vorbereitung für den Start einer A4 Fotos (2): Heitmann