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02.11.02 / Kaukasischer Machtpoker ums Öl

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. November 2002


Kaukasischer Machtpoker ums Öl
Tschetschenien: Der Heilige Krieg und die Pipeline
von Hans Heckel

Zwei Ereignisse, die nur auf den ersten Blick nichts gemein haben. Zwei Tage nachdem das blutige Ende des Moskauer Geiseldramas gemeldet wurde, berichtet der Londoner Guardian über heftige Kontroversen um eine von der britischen Ölgesellschaft BP geplante Erdölleitung am Kaukasus.

Hier wird klar: Der Tschetschenien-Konflikt ist geographisch eingebettet in einen Machtkampf um eine der wichtigsten Regionen für die Energieversorgung der Menschheit. Gegenstand weltweiter Begierden sind die gigantischen Erdölreserven am Kas- pischen Meer. Die Vorkommen zählen zu den größten des Globus. Sie in der Hand zu haben bedeutet Macht - und vor allem: mehr Unabhängigkeit vom Öl des unruhigen Persischen Golfs.

Zwei einflußreiche Akteure ringen um dieses Pfund: Einerseits Rußland, andererseits britische und US-Ölkonzerne. Dabei gilt es zunächst, die Petroleumfelder in die Finger zu bekommen und dann den Abtransport des Öls zu kontrollieren. Bei letzterem kommt Tschetschenien ins Spiel.

Zwei Transportrouten zu den Märkten im Westen bieten sich an: nördlich des Kaukasus vom Kaspischen Meer über russisches Gebiet an den Schwarzmeerhafen Noworossijsk. Oder: südlich des Gebirges durch Aserbeidschan und Georgien und quer durch die Osttürkei zum türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Die nördliche Route führt mitten durch Tsche-tschenien und dessen Hauptstadt Grosny.

Schon während der Geiselnahme raunten russische Politiker, hinter dem feigen Überfall stünden "ausländische Kabinette". Auf wen das zielte, blieb offen. Den britischen und US-Ölgesellschaften käme es jedenfalls kaum ungelegen, wenn die "russische" Öl-Route im tschetschenischen Schlamassel steckenbliebe. Denn die Südroute wäre flankiert von ihren Verbündeten Georgien und Türkei. Verschwörungstheorien an der Moskwa erhalten Zusatznahrung aus Berichten, daß die Kämpfer in Tschetschenien massive finanzielle Unterstützung aus Saudi-Arabien erhalten. Das radikal-islamische, "wahhabitische" Regime der Ibn-Sauds wolle so den "Heiligen Krieg" im Kaukasus antreiben. Die Saudis, die selbst auf dem Balkan radikal-islamische Schulen, Einrichtungen und Kämpfer unterstützen, sind bekanntlich Verbündete der USA.

Aus russischer Sicht scheint die Lage ganz simpel: Amerikanische und britische Öl-Interessen decken sich hier mit den islamistischen Zielen der saudischen "Wahhabiten" und tschetschenischer "Terroristen". Ihr gemeinsamer Gegner und Rivale: Rußland.

Der Kaukasus-Experte der CDU/CSU-Fraktion, Willy Wimmer, fürchtet ein gefährliches Machtspiel. Ziel der "Heiligen Krieger" sei es, von Tschetschenien aus einen Keil quer durch Rußland bis ins (ebenfalls muslimische) Tatarstan zu treiben. Tatarstan mit seiner Hauptstadt Kasan liegt auf der Höhe von Moskau, ein solcher Keil würde Rußland faktisch in zwei Teile spalten; Europa wäre von islamisch beherrschten Gebieten förmlich eingekreist.

Indes hat das harte Vorgehen Moskaus gegen die Tschetschenen viele Angehörige des Bergvolks erst in die Arme der saudischen Fanatiker getrieben. Eine eigene radikal-islamische Tradition, da sind sich die Beobachter einig, hatten die Tschetschenen - bislang - nicht.