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02.11.02 / Ich heiße doch Olga

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. November 2002


Ich heiße doch Olga
von Klaus Weidich

Von solidem Gefüge steht das Haus der alten Frau in westfälischer Landschaft. Erbaut war es in späterer Nachkriegszeit, was deutlich und dauerhaft an der Giebelseite dokumentiert stand. Die vielen mühsamen Handgriffe und die vergossenen Schweißtropfen würden eine astronomische Zahl ergeben, wenn auch sie alle dokumentiert wären.

Viele Jahre waren vergangen und trotz allem war die alte Frau noch von stolzer und aufrechter Gestalt. Die Last der Jahrzehnte hatten ihr nicht viel anhaben können. Besonders merklich war es jetzt, als sie das Gartentor wieder verschloß und mit einem Arm voll selbstgepflück-ter Blumen zurück in ihr Haus ging. Wie immer war es für sie ein besonderes Gefühl, wenn sie die Haustür hinter sich in das Schloß fallen hörte. Eine beglückende Sicherheit und Geborgenheit nahmen dann von ihr Besitz.

Der Duft ihrer frischgeschnittenen Blumen füllte den hellen Raum und vermischte sich letztendlich mit einer exotischen Beigabe von aufgebrühtem Tee. Und lautloser Pen- delschlag der mahagonifarbenen Standuhr führte unerbittlich Augenblick für Augenblick der Vergangenheit zu.

Diese Stunden der Muße nutzte die alte Frau stets zum Nachdenken und zum Erinnern. Dieses Erinnern ließ in ihr stets die gleichen Bilder vorüberziehen. Reichlich vergilbt und oftmals schon fast bis zur Unkenntlichkeit zerknittert waren diese Bilder. Denn von weit kamen sie her, und das Leben ging damals nicht gerade sanftmütig mit den Schicksalen der Menschen um. In den Bildern ihrer Erinnerungen stand nur noch eines fest und solide wie vordem - wie in ihrer frühesten Kindheit: Es war das Haus ihrer Eltern, an dem ihre Erinnerungen so eisern haften blieben.

Schon damals, als ihre Zöpfe erst noch tüchtig wachsen mußten, hatte sie stets dieses beglückende Gefühl in sich getragen, wenn in späten Stunden die Haustür endlich in das Schloß gefallen war. Noch einmal lugte sie dann verstohlen aus dem Küchenfenster heraus. Draußen glänzte der Abend, und die Weite der Welt verlor sich im Widerschein von erlöschendem Licht. Das war schön! Denn die Welt draußen, die war nun ausgesperrt und mit ihr auch all das ängstlich machende Unbekannte der heraufziehenden Dämmerung ...

Dieses Haus jedoch stillte nicht nur ihr kindliches Schutzbedürfnis, beileibe nicht. Dieses Haus stillte auch andere Bedürfnisse. Noch heute, nach all den Jahren, da riecht die Frau den Bratenduft, der zu Mittagszeiten aus dem Herd strömte.

Noch beeindruckender an Duft und Größe aber waren die Kuchen, die Mutter an Festtagen aus dem Herd bugsierte. Fettglänzend und von sanfter Bräune quollen sie aus den Formen heraus, daß sogar dem Kettenhund, weit hinten im Hof, vor Gier der Schaum aus dem Maul tropfte ...

Worte gehören auch zu den Erinnerungen der alten Frau. "Mama, hast du den Kuchen extra für mich so groß gebacken?" - "Natürlich, mein Goldspatz, ich kenne doch mein kleines Schleckermaul." - "Mama hast du den Kuchen auch extra so groß gebacken, weil ich immer so lieb bin?" - "Hmmmh, hmmmh! - Also darüber reden wir später noch einmal ...!" Die alte Frau lächelt wehmütig in sich hinein, so sehr rühren diese Erinnerungen ihr Herz ...

Die Zeiten vergingen. Eines Tages aber hielt alle Welt den Atem an. Das große, eiserne Rad der Zeitgeschichte schien plötzlich aus der Spur zu laufen: Landsleute! - Wir können wieder die Heimat besuchen, las die alte Frau in ihrem abonnierten Ostpreußenblatt. Viele ihrer Bekannten machten sich auf den Weg, mit hoffnungsvollen Gesichtern. Zurück aber kamen die meisten mit bedrückter Seele. "Na, ja ...! - Fahrt selber hin und seht es euch an!" - "... und seid ihr auch in meinem Heimatort gewesen? Steht das Haus noch?" fragte die alte Frau einen jeden. Die zuckten die Achseln. "Ja, durch den Ort sind wir gefahren. Aber nur bis zur Kreisstraße hin. Anderes konnten wir nicht erken- nen ...!"

Mehr als jemals zuvor überfielen nun Erinnerungen die alte Frau. Dazu nahm eine seltsame Unruhe von ihr Besitz, die fest umwoben von bisher nie gekannter Sehnsucht war ...

*

Ein merkliches Zittern erfaßte die Maschine, als sie sich endlich in die Luft erhob und die alte Frau in östliche Richtung trug. O Heimat, was hast du dich verändert! Die alte Frau faßte sich ängstlich an das Herz. Aber irgend etwas drängte sie weiter und immer weiter. Denn diese allumfassende Sehnsucht in ihr war immer noch nicht restlos erloschen.

Endlich sah die alte Frau - und zwar noch immer aus der Ferne - das Heimatdorf. Vieles erschien ihr bekannt, wenngleich auch doch so verändert. Bis zur Kreisstraße hin, da wußte sie vieles von den Schilderungen der anderen. Aber dann ...!

Dunkelrot und völlig unbeschädigt leuchtete der alten Frau wie ein Willkommensgruß zuerst das Hausdach entgegen. - Mit heftigem Schlag pumpte ein freudiges Herz nun sein Blut. Aber es sollte noch besser kommen. - Und seht doch dort! - Aus dem kleinen Vorgarten leuchten sogar die Blumen. Selbst ein sauber gekleidetes, kleines Mädchen mit blonden Zöpfen schaut aus einem der Fenster hinaus. In ihrer Verblüffung spricht die Frau einige Worte zu dem Mädchen hinauf, auf deutsch. "Na, wie heißt du denn?" Der Mund des Mädchens lächelt erst, ehe er sich zum Sprechen öffnet. "Aber ich heiße doch Olga!"

Na, Schande auch - warum hatte die alte Frau dieses nicht gewußt? Erst nach ihrem heftigen Schmunzeln wurde es der Frau bewußt, daß ihr das Mädchen auf deutsch geantwortet hatte. - Später traten auch die Eltern des Kindes aus dem Haus, scheu und zurückhaltend. Sie luden die alte Frau zum Tee, der bereits aus großen Tassen dampfte. Die scheuen Leute verloren alsbald ihre Zurück-haltung und erzählten aus ihrem schweren Leben in Kasachstan. Beim Abschied winkte das kleine Mädchen mit den blonden Zöpfen der alten Frau lange nach und rief ihr zu: "Doswidanie, ... Doswidanie!" Dann besann es sich aber und rief mit noch lauterer Stimme: "Auf Wiedersehen ... Auf Wiedersehen!"

Nun sitzt die alte Frau wieder zu Hause - na, jedenfalls in dem anderen Haus sitzt sie nun wieder. Und seit ihrer Reise ist ihr ein Stein von der Seele gefallen, der sich jahrelang - gleich einem Schneeball - zu gewaltigen Formen gefestigt hatte. Die alte Frau schaut sich Fotografien an und weint ein bißchen dazu. Jäh aber wischt sie sich entschlossen die Tränen aus dem Gesicht. Ja, mein Gott, warum weinte sie eigentlich auch? Sie hat gar keine Zeit mehr zum Weinen. Ein großes Paket muß zusammengepackt werden. Und ein langer Brief an die kleine Olga muß ja auch noch geschrieben werden. Und zum Schluß wird sie in dem Brief schreiben: "Doswidanie, kleine Olga! - Auf Wiedersehen ... Auf Wiedersehen! PS: Und mögest Du nun in diesem Hause Schutz und Geborgenheit finden!"

 

Norbert Ernst Dolezich: Stranddorn (Ätzung, 1943)

Thea Weber: Herbst in Ostpreußen (Aquarell)