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02.11.02 / Ein frischer Wind

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. November 2002


Ein frischer Wind
von Gabriele Lins

Blau und golden war der Herbsttag. Gunda legte ihr Gartengerät ins Gras, setzte sich auf die Friedhofsbank und atmete tief ein. Es roch nach Herbst. Sie mochte diesen Modergeruch aus feuchter Erde und bereits faulendem Laub, vermischt mit dem würzigen Rauch des Feuerchens in einem der Gärten. Trotzdem waren ihre Gedanken nicht fröhlich. Die ewigen Querelen mit ihrer Familie zehrten an ihrer Gesundheit. Sie fühlte sich alt und verbraucht.

Leise Schritte näherten sich der Bank. Gunda schaute nicht auf. "Hallo." Eine ältere Dame ließ sich vorsichtig auf der Bank neben Gunda nieder. "Ist das nicht ein wunderbarer Tag?" Gunda nickte nur. Lautes Geschrei in der Ferne, es kam rasch näher. "Sehen Sie mal!" Die Dame zeigte nach oben. "Wildgänse." Die Tiere flogen sehr hoch, kaum daß man ihre Konturen ausmachen konnte, man sah nur die Formation der typischen Eins am Himmel, und trotz der beachtlichen Höhe, in der sie sich bewegten, drang das Gänsegeschnatter laut zu den beiden Frauen hinunter. "Die Gänse fliegen weg, und der lange Winter ist bald da, wie schrecklich!" seufzte Gunda. Ihre Banknachbarin lächelte. "Oh, der Winter hat auch sein Gutes. Ich denke da an unsere Musikabende im gemütlichen Heim, an die Basteleien mit den Enkeln für Weihnachten, an Geschenke, Lichter, Lebkuchen. Im Winter hat man auch viel mehr Zeit für seine Hobbies."

Die Frau erzählte von ihren vier Enkelkindern, mit denen sie viel Zeit verbrachte. Mit dem Ältesten habe sie zwar öfter mal Meinungsverschiedenheiten, aber das tue der Liebe keinen Abbruch. Wieder lachte sie. "Und ich habe Schwierigkeiten mit meinen erwachsenen Kindern", sagte Gunda, "und mein Mann wird mit seinem Leiden nicht fertig. Das alles macht mich krank."

"Bei mir ist es ähnlich. Mein Mann jammert, und meine Jüngste nennt mich ‚Grufti' und sagt andauernd, ich sei ein bißchen altbacken", erwiderte die Frau, "aber das klingt mehr zärtlich als beleidigend. Ich nehme meine Typen eben, wie sie sind. Das hilft." Sie sah Gunda aufmerksam an. "Sie wirken so depressiv. Man kann sich aber ein bißchen dazu erziehen, glücklich zu sein. Ich genieße jede Minute des Tages. Wenigstens versuche ich es."

Verstohlen betrachtete Gunda das blühende Gesicht ihrer Banknachbarin. Diese Frau war nicht mehr jung, aber sie wirkte so mädchenhaft, wie sie selbst nie aussehen würde. "Haben Sie ein Hobby?" drang die fröhliche Stimme der Frau wieder in ihre Gedanken. Gunda schüttelte resigniert den Kopf. "In meiner Jugend habe ich mal Cello gespielt." - "Das liegt sicher wohl verwahrt auf dem Speicher, was? Holen sie es herunter und versuchen Sie zu üben. Oder nehmen Sie Stunden. Sie glauben gar nicht, wie einen so ein Hobby aufbaut."

Die Frau erhob sich. "Ich muß jetzt gehen. Bitte, nehmen Sie mir meine Direktheit nicht übel." Sie gab Gunda ihre Visitenkarte. "Kommen Sie doch mal zu einem unserer musikalischen Kaminabende. Ich würde mich freuen." Erstaunt sah ihr Gunda nach. Die Frau hinkte stark.

Plötzlich fand sich Gunda undankbar. Da war ein Mensch wie ein frischer Herbstwind in ihr Leben geweht und hatte sie angerührt, eigentlich ziemlich durcheinandergeschüttelt. Sie sprang auf und warf die Kastanie, die sie fortwährend in ihrer Hand geknetet hatte, hoch in die leuchtende Bläue über sich.

"Au!" sagte eine tiefe Stimme hinter ihr, "hier regnet es Kastanien!" Sie drehte sich um und errötete. Ein alter Herr rieb sich den Kopf und lächelte sie schief an. "Verstehe schon, Sie mußten das jetzt tun. Ich werfe auch manchmal mit Sachen herum. So kann man sich wunderbar abreagieren."

"Tut's noch weh?" fragte Gunda verlegen. Der Mann verzog das Gesicht und nickte. "Sehr. Zur Strafe müssen Sie mir einen Cappuccino spendieren, dort drüben in Robertos Cafeteria."

"Eine viel zu milde Strafe", lachte sie, "deshalb muß auch noch ein Stück Kuchen herausspringen." - "Nichts dagegen." Er zwinkerte ihr zu.

 

Sanddorn
von Wolf Wiechert

Vom Meer her

fliegen wir

übers Samland

wo die rostroten Beeren

die Küste markieren

bitterschön

wie die Leben

die Sandkörner

in deiner Hand.