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02.11.02 / Der neue Courtois: Medien blocken / P. Campguilhem im Gespräch mit dem "Schwarzbuch"-Autor

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. November 2002


Der neue Courtois: Medien blocken
P. Campguilhem im Gespräch mit dem "Schwarzbuch"-Autor

Nach dem gewaltigen Erfolg des "Schwarzbuchs des Kommunismus", von dem weltweit bislang mehr als eine Million Exemplare ver- kauft wurden, kehrt nun sein Hauptverfasser Stéphane Cour-tois mit einer Fortsetzung des Bestsellers auf den Buchmarkt zurück. Titel des neuen Werks, das wiederum beim Pariser Verlag "Robert Laffont" soeben erschienen ist: "Du passé faisons table rase" (Mit der Vergangenheit machen wir reinen Tisch), eine klare Anspielung auf das kommunistische Weltlied "Internationale". Mitte Oktober sprach unser Frankreich-Korrespondent Pierre Campguilhem in Paris mit dem renommierten Kommunismus-Experten.

Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine: Prof. Courtois, warum haben Sie dieses zweite Buch herausgegeben?

Courtois: Dieses zweite Buch ist sozusagen eine Fortsetzung des ersten. Als Vervollständigung des "Schwarzbuchs des Kommunismus" schien es mir interessant und notwendig, einen ausführlichen Beitrag über die Reaktionen, die das Schwarzbuch hervorgerufen hatte, niederzuschreiben. In diesem Text betone ich nicht mehr meinen Vergleich zwischen den beiden Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts, das heißt: dem Kommunismus und dem Nationalsozialismus.

Mein neues Buch enthält auch die jeweiligen Beiträge, die in ausländischen Ausgaben zu lesen waren: etwa der deutschen, der estnischen und der rumänischen. Dazu kommen die Vorworte zu der amerikanischen Ausgabe des Schwarzbuchs und der russischen. Das Nachwort zur deutschen Ausgabe des Schwarzbuchs durch den damaligen Stasi-Beauftragten, Joachim Gauck, wurde hinzugefügt, so daß die Leser, die dieses neue Buch lesen werden, über internationale Reaktionen und Ansichten betreffend des ersten Werks mehr informiert sein dürften. Es kommen dazu Originalfassungen, die den Kommunismus in bestimmten Ländern wie Bulgarien und Griechenland behandeln, sowie ein Kapitel über Togliatti, der, wie Sie wissen, der maßgeblichste Führer der italienischen KP gewesen ist. Insgesamt ist das neue Buch 650 Seiten dick. Die Autoren, die im Schwarzbuch präsent waren, sind indes nicht mehr in dieser Fortsetzung zu finden.

Können Sie uns Einzelheiten über Ihren eigentlichen Beitrag zu diesem neuen Buch angeben?

Courtois: An und für sich komme ich auf die Geschichte der kommunistischen Verbrechen zurück. Das "Schwarzbuch des Kommunismus" war bekanntlich der Beschreibung dieses Verbrechens gewidmet. Ich habe nun über die Wiedervereinigung Europas nachdenken wollen, der wir seit 1990 beiwohnen. Um das Schwarzbuch vorzustellen, bin ich viel in Osteuropa gereist und wurde dadurch überrascht, wie ganz unterschiedlich sich die Formen des Gedenkens an den Kommunismus in Osteuropa und im westlichen Teil unseres Kontinents ausnehmen. In Osteuropa gibt es ein Gedenken der Tragödie, die diese Länder erlebt haben. In Westeuropa, und ich denke da besonders an Frankreich und Italien, wird der Kommunismus noch immer als glorreich betrachtet.

Unter solchen Umständen kann man die Befürchtung hegen, daß die europäische Wiedervereinigung zwischen Ost und West schwierig sein wird, da sich die Westeuropäer der in Osteuropa erlebten Tragödie nicht voll bewußt werden. Es gibt derzeit im westeuropäischen Bewußtsein ein vollständiges Defizit beim Verstehen der osteuropäischen Psychologie. Die Kluft zwischen den alten und neuen deutschen Ländern belegt, daß ein Dilemma zwischen "europäischer Wiedervereinigung" und "geschichtlichem Bewußtsein". Bei meinen Treffen mit osteuropäischen Gesprächspartnern wurde ich von ihnen sogar kritisiert: es wurde mir nämlich vorgeworfen, im "Schwarzbuch des Kommunismus" nicht ausreichend auf den Verbrechen des Kommunismus und dessen Gewaltherrschaft bestanden zu haben.

Welches Medien-Echo haben Sie zu Ihrem neuen Buch erhalten?

Courtois: Viele Kollegen haben mir gratuliert, obwohl der Widerhall in den Zeitungen karg erscheint. Die Fernsehkanäle haben dagegen darüber berichtet, und in Frankreich gab ich der christdemokratischen Tageszeitung "La Croix" ein Interview. In Europa wurde ich von der linksliberalen spanischen Tageszeitung "El Pais" interviewt sowie von der italienischen "Il Giornale" und einem schwedischen Meinungsträger gefragt. Die staatlichen Rundfunksender an der Seine wie France-Inter und France-Info verschwiegen hingegen völlig diese neue Behandlung der Thematik des Kommunismus. Vielleicht, weil sie anscheinend von trotzkistischen Journalisten unterwandert werden.

Haben Sie Reaktionen von den Kreisen, die in der Umgebung der Monatszeitschrift "Le Monde diplomatique" und der Antiglobalisierungsbewegung "Attac" stehen, registriert?

Courtois: "Le Monde diplomatique" hat nicht reagiert. Attac wird von dieser Zeitschrift hochgejubelt und unterstützt. Die Führungskader der Bewegung Attac sind ehemalige oder gegenwärtig aktive Kommunisten. Der echte verantwortliche Redakteur der "Monde diplomatique" ist nämlich ein Herr Alain Gresch, der noch vor kurzem im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Frankreichs (KPF) für Palästina und den Nahen Osten zuständig war. Die Bewegung Attac und ihre Meinungsträger versuchen, die kommunistische Ideo- logie durchzuschmuggeln.

Um auf die deutsche Ausgabe des Schwarzbuchs zurückzukommen ...

Courtois: Die deutsche Ausgabe des "Schwarzbuchs des Kommunismus" wurde mit 150.000 verkauften Exemplaren ein Renner. Sie erschien beim Verlag Piper. Darin sind zwei besondere Kapitel, die in der französischen Ausgabe nicht vorhanden sind. Das erste Kapitel behandelt die Repression in der Zone. Das zweite aus Joachim Gaucks Hand ist ein Nachdenken über die geschichtliche Dimension des Kommunismus und des Totalitarismus. Diese beiden Kapitel sind in der estnischen Ausgabe des Schwarzbuchs zu lesen, die unter den fünfundzwanzig Übersetzungen die vollständigste ist. Das Buch ist sogar in Albanien erschienen.

Glauben Sie, daß Ihr neues Buch soviel Staub aufwirbeln wird wie "Das Schwarzbuch des Kommunismus"?

Courtois: In meinem neuen Buch komme ich nicht mehr, wie gesagt, auf meinen Vergleich zwischen Kommunismus und Na-tionalsozialismus zurück. Im Schwarzbuch war das selbstverständlich der aufsehenerregende und spektakuläre Punkt. Die Arbeit der Historiker geht allerdings weiter. In diesem Zusammenhang muß man sich darüber freuen, daß der Pariser Verlag "Gallimard" eine vollständige franzö- sische Ausgabe der Werke von Hannah Arendt beschlossen hat, die den eigentlichen Charakter der beiden Totalitarismen so genau beschrieben hat. Wenn ich auch das Thema in der Fortsetzung des Schwarzbuchs nicht anschneide, kann ich Ihnen sage, daß der Vergleich zwischen den beiden totalitären Erscheinungen im vorigen Jahrhundert für mich immer aktuell ist. In dieser Hinsicht habe ich ein anderes Buch bei einem anderen Verlag (Editions du Rocher) veröffentlicht, in welchem ich die Ursprünge des Kommunismus und des Faschismus vergleiche. Titel: "Quand tombe la nuit" (Wenn die Nacht fällt). Wie Sie wissen, bin ich mit dem deutschen Historiker Ernst Nolte befreundet. Ich versuche, die französische Leserschaft mit dessen Werk bekanntzumachen.

Es ist schwierig, über diese Themen zu schreiben und zu überzeugen. Ich fürchte nun, daß die Fortsetzung des Schwarzbuchs durch die Zeitungen unterdrückt wird, um so mehr, als ich "Le Monde" in diesem neuen Buch scharf angreife und es in der Umwelt der Zeitungen einen Korporatismus der politischen Korrektheit zweifelsohne gibt. Bis jetzt hat die Redaktion von "Le Monde" auf "Du passé faisons table rase" nicht reagiert, als wäre es für sie bequemer, sich jeglicher Auseinandersetzung mit mir zu verweigern.

 

Die deutsche Ausgabe von "Schwarzbuch des Kommunismus" war ein Renner: Mit einem neuen Buch irritiert Stéphane Courtois seit kurzem die europäische Linke Foto: J. C. Marmara / Le Figaro