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02.11.02 / Estland: Moderner Kolonialismus

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 02. November 2002


Estland: Moderner Kolonialismus
Brüssel erzwingt lascheres Ausländergesetz
von Werner Pfeiffer

Seit dem 1. Oktober ist eine eventuell folgenschwere Neuerung des estnischen Ausländer-Gesetzes in Kraft. Nach dem Vorbild entsprechender EU-Regelungen erleichtert es die Gewährung von Aufenthaltserlaubnissen aus familiären Gründen und nimmt diese von den jährlichen Einwanderungsquoten aus.

Die konservative Opposition in Reval (Tallinn) nennt die Novelle nicht ohne Grund eine "Immigrationspumpe". Vor allem viele Angehörige der während der Sowjetzeit massenhaft zugezogenen slawischen Bevölkerung könnten daraus Nutzen ziehen und Ehepartner, Kinder, Geschwister usw. aus der Russischen Föderation, aus Weißrußland oder der Ukraine in das neue "Wohlstandsparadies" Estland holen.

Bedingung ist, daß ein Familienmitglied estnischer Staatsbürger ist und seinen festen Wohnsitz in der Baltenrepublik hat. Ist kein estnischer Paß vorhanden, reicht es allerdings auch aus, mindestens fünf Jahre ständig im Land gelebt zu haben. Eine gewisse Hürde besteht für Kinder im Erwachsenen-Alter. Sie können den in Estland lebenden Eltern nur nachfolgen, sofern sie wegen ihres Gesundheitszustandes nicht für sich selbst sorgen können.

Den Hintergrund dieser Novelle bildet nicht zuletzt die weit verbreitete Ahnungslosigkeit und Desinformation, die das Bild Estlands im Westen prägen, sobald es um die Problematik der während der kommunistischen Fremdherrschaft zugewanderten Menschen geht.

Immer wieder hört man Klagen, den Russen würden die "Menschen- und Minderheitenrechte" verweigert, weil sie die estnische Staatsbürgerschaft nicht bekommen, wenn sie nicht ein Minimum der Landessprache beherrschen. Diese Mindestanforderungen wurden auf Druck der Europäischen Union schon mehrfach so eingeschränkt, daß es kaum noch für eine Verständigung mit den Einheimischen reicht.

Trotzdem werden ahnungslose oder auch böswillige Journalisten nicht müde, das Märchen von den verweigerten Menschenrechten zu verbreiten. Und in ihrem Gefolge hauen Brüsseler Bürokraten mit der Keule einer möglichen Nichtaufnahme Estlands auf die Revaler Regierung ein, damit diese das Nationalitätenproblem im Sinne der Multikulti-Ideologie löst. Daß während der sowjetischen Besetzung die Menschenrechte der Esten tatsächlich mit Füßen getreten wurden, weiß man nicht oder will es nicht wissen.

Schauen wir zurück auf das Jahr 1939. Damals sahen sich die drei baltischen Staaten genötigt, der UdSSR Flottenstützpunkte zu überlassen. Im Juni 1940 wurden sie zunächst von der Roten Armee besetzt und im August gegen ihren Willen in die Sowjetunion eingegliedert. Ein Jahr später, noch vor Beginn des deutschen Angriffs auf die UdSSR, wurden ganze Familien, nur weil sie bürgerlicher Herkunft waren, nachts aus den Betten geholt, in Güterzüge gepfercht und nach Sibirien deportiert. Mehr als 20 000 Menschen mußten diesen Leidensweg gehen, viele starben.

Die Hoffnungen der Esten, nach der Besetzung durch die Wehrmacht die Unabhängigkeit zurückzuerhalten, trogen. Nachdem das Land 1944 erneut von der Roten Armee okkupiert worden war, begann eine Serie von Massenverhaftungen und Greueltaten sogenannter "Vernichtungsbataillone".

Im Jahre 1949 ging dann eine weitere Welle von Deportationen über das Land. Gleichzeitig setzte die Massenzuwanderung von Russen, Weißrussen und Ukrainern ein. Deren Folgen sind bis heute spürbar: In Reval stellen die Russen über die Hälfte der Einwohner, in der Narwa sogar 95 Prozent.

Nach Stalins Tod lockerte sich zwar der Würgegriff, aber das Ziel der Russifizierung blieb. Erst mit der "Singenden Revolution" erkämpfte sich das Baltikum seine Freiheit zurück. Doch die Spannungen zwischen den Nationalitäten blieben und werden durch den unverständigen Druck aus Brüssel keineswegs geringer.

Andererseits gibt es Ansätze, die auf eine Entspannung hoffen lassen. Während seiner letzten Estland-Reise im Sommer lernte der Verfasser Marina Janssen kennen, eine Russin mit estnischen Vorfahren, die hervorragend Deutsch spricht und in zweiter Ehe mit einem Deutschen verheiratet ist. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Integration der Russen in die estnische Gesellschaft zu fördern.

Nach Frau Janssens Einschätzung sind die gebildeten Russen durchaus bereit, sich zu integrieren, jedoch nicht zu assimilieren, wie sie betont. Haufenweise Probleme gebe es dagegen mit einfachen Leuten, die nicht begreifen könnten, daß sie nicht mehr die Herren in einem Kolonialland sind.

Sillamäe, der unweit von Narwa gelegene Wohnort der Janssens, wurde von den Sowjets aus dem Boden gestampft und hermetisch von der Umgebung abgeriegelt, weil man hier aus Ölschiefer Uran gewann. "Natürlich nur für friedliche Zwecke!" kommentierte Marina Janssen sarkastisch. Ausschließlich Russen lebten in Sillamäe. Kein Este durfte die Stadt betreten.

Und noch immer ist der Ort zu 92 Prozent von Russen bevölkert. Im Zentrum prägen vergleichsweise geschmackvolle Bauten im Stil des 19. Jahrhunderts das Bild, während die Außenbezirke von Plattenbauten strotzen. "Am 1. Mai hatten wir in Sillamäe eine große Demonstra-tion. Da forderten die ehemaligen Arbeiter der Uranwerke eine fünffach höhere Rente", berichtet die Gastgeberin. Schließlich hätten sie die Stadt aufgebaut, hieß es. "Doch was dieselben Leute an Umweltzerstörungen angerichtet haben, davon schweigen sie."

Auch an diesem Punkt setzt die Aufklärungsarbeit der Janssens und ihrer estnischen und deutschen Gesinnungsfreunde ein. "Rakendusökoloogia Keskus" (Zentrum für angewandte Ökologie) nennt sich ihr gemeinnütziger Verein, der mit Hilfe vorwiegend deutscher Geldgeber Forschungen sowie eine rege Öffentlichkeitsarbeit betreibt.

Marina Janssen erzählt, daß sie als Dolmetscherin auf der "Kieler Woche" auch viele Ostpreußen kennengelernt habe, deren selbstlosen Einsatz für den Wiederaufbau der alten Heimat sie bewundere.

Als sie hört, daß der Verfasser für das Ostpreußenblatt schreibt, bittet sie darum, dessen Leser zu grüßen und fügt lächelnd hinzu: "Vielleicht findet sich jemand, der für uns als Praktikant arbeiten oder als Sponsor tätig werden möchte..."

Kontakt: Mere pst. 5-16, Sillamäe 40231, Estland, Tel./Fax: 00372-23924525, E-Post: erhard@estpak.ee  

 

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