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07.12.02 / Gedanken zur Zeit: Lernen beginnt mit der Geburt

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Dezember 2002


Gedanken zur Zeit: Lernen beginnt mit der Geburt
von Hans-Jürgen Liminski

In der Lehrersprache würde es heißen: "Fünf, setzen." Bei den Schülern wäre es noch knapper, und im Politikerjargon wird man demnächst wieder landauf, landab hören: "Nur die Vereinbarkeit von Familie und Beruf kann die sozialen Unterschiede überbrücken. Dafür setzen wir uns ein."

Dabei haben alle den blauen Brief verdient, am wenigsten vielleicht noch die Schüler und die Eltern. Die Verwarnung gilt dem Land, seinem politischen Establishment. Wenn soziale Unterschiede in der Schule nicht ausgeglichen oder wenigstens abgebaut werden können, dann ist etwas mit dem Gesellschafts- und Bildungssystem nicht in Ordnung. Wenn der Bildungsstand der Eltern in Deutschland stärker als in den meisten anderen Industrieländern über den Schulerfolg der Kinder entscheidet und vierzig Prozent der Akademikerinnen in Deutschland kinderlos bleiben, in Schweden sind es zehn Prozent, dann entsteht eine Spirale nach unten, wenn dieses System nicht von Grund auf reformiert wird. Denn in den Ländern, die in der Unicef-Studie gute Noten bekommen haben (Finnland, Südkorea, Kanada), sind die sozialen Unterschiede nicht geringer, eher größer.

Zwar geht die Studie auf den Einfluß des scharfen Wettbewerbs schon unter Schülern in Japan und Südkorea nicht ein, und man kann annehmen, daß dies eine verzerrende Wirkung hat. Aber sie zielt auf den Hauptpunkt der Debatte, wenn sie der Förderung durch Eltern und Familie eine besondere Rolle zumißt. Es kommt letztlich auch nicht auf die akademische Bildung an, sondern auf die Persönlichkeitsbildung, früher sagte man auch Herzensbildung. In unzähligen Fällen sind Nicht-Akademikerinnen die besseren Mütter. Aber auch sie sind heute wegen der prekären Lage der meisten Familien gezwungen, einem Erwerbsberuf außer Haus nachzugehen. Hier wird die Studie der Unicef erfreulich deutlich: "Es ist klar, daß Benachteiligungen im Bildungswesen nicht in der Schule entstehen, sondern zu Hause", heißt es. Das Lernen beginne mit der Geburt und werde durch eine "liebende, sichere und stimulierende Umgebung" gefördert. Insofern bestätigt die Unicef eine alte Weisheit: Die Mutter ist nicht zu ersetzen. Leider verdrängt die Politik diese Weisheit seit Jahren massiv. Statt für Wahlfreiheit für die Eltern zu sorgen, die solch eine "liebende und stimulierende Umgebung" ermöglichen könnte, sehen vor allem die rotgrünen Politiker das Nonplusultra ihrer Familienpolitik darin, ein einfaches Küchengerät namens Herd zu verfemen und die Frauen durch gesellschaftliche Ächtung des Berufs Hausfrau und Mutter in die Betriebe zu drängen. Die kinderlose Akademikerin ist ihr Ideal, und darin sieht Rotgrün sich auch bei nicht wenigen Wirtschaftskapitänen bestätigt, denen die Kinderlosigkeit einer Fachkraft näher ist als die Zukunft des Landes. Kein Zweifel, die schiefe Ebene, auf der unser Bildungsturm steht, wird abschüssiger. Das liegt auch daran, daß die zuständigen Politiker aller Parteien trotz des ersten Pisa-Schocks keine wirkliche Ursachenforschung betrieben haben und sich nicht trauen, auch dort anzusetzen, wo die schiefe Ebene beginnt: bei der Familie. Wir wissen heute, dank neuer Forschungen vor allem in den USA, daß in den ersten sechs Lebensjahren, also noch vor dem gesellschaftlichen Hürdenlauf namens Schule und Ausbildung, die Vernetzungskapazitäten im Hirn enorm sind und durch emotionale Stabilität gefördert werden. In diesen Jahren entstehen die grundlegenden Fähigkeiten des Menschen zum Meistern der Alltagsprobleme: das Lernenkönnen, Ausdauer entwickeln, soziale Grundkompetenzen, die Fähigkeit, emotionale Intelligenz zu steuern, nach Lösungen suchen, statt zu jammern, Gefühle erkennen und einordnen, Vertrauen schenken, ohne naiv zu sein, und viele Eigenschaften mehr. Das ist mehr als Wissen. Es ist Humankapital. Der amerikanische Nobelpreisträger Gary Becker, ein liberaler Ökonom, der seinen Preis eben dafür bekommen hat, weil er den Begriff des Humankapitals in die Wirtschaftswissenschaften eingeführt hat, sagt es schlicht so: "Das grundlegende Humanvermögen wird in der Familie geschaffen. Die Schule kann die Fami- lie nicht ersetzen."

In Deutschland redet die Politik viel von Familie. Die Politik spricht aber wenig von den Voraussetzungen für die Bildung von Humankapital. Sie verwechselt permanent Betreuung mit Erziehung. Die Präsenz der Mutter zu Hause ist ein Tabuthema. Aber ihre liebende Fürsorge schafft gerade diese emotionale Stabilität, in der das Humanvermögen gedeihen kann. Hier müßte die Politik ansetzen - und so lange nachsitzen, bis sie endlich begriffen hat, daß die Zukunft des Gemeinwohls in Deutschland etwas mit dem Wohl der Kinder zu tun hat und nicht mit einem Selbstverwirklichungsprogramm für Frauen.