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21.12.02 / Russische Revue 2002: Sterne über dem Kreml

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. Dezember 2002


Russische Revue 2002: Sterne über dem Kreml
Moskauer Antworten auf den jahrelangen Machtverfall
von Martin Schmidt

Läßt man das Jahr 2002 mit Blick auf Rußland Revue passieren, erscheint es zunächst ganz im Schatten des "russischen 11. Septembers", also jener schlagzeilenträchtigen Geiselnahme durch Tschetschenen in einem Moskauer Musical-Theater.

Genauer betrachtet sind andere Ereignisse und Entwicklungen bedeutsamer, zumal das russische Beharren auf dem eigenen Kolo-nialerbe im Nordkaukaus mit seinen Folgen von Terror und Gegenterror altbekannt ist.

Aufschlußreicher ist die Beschäftigung mit den tiefgehenden Versuchen des Kreml, die Grundfesten der russischen Staatlichkeit neu zu zementieren. In einer Zeit, da sich die Europäische Union aufmacht, ihre Grenzen bis zu denen der Russischen Föderation auszudehnen, setzt Moskau auf ein vielfältiges Maßnahmenbündel zur Stärkung der politischen Zentralmacht, der russischen Kultur, der Wirtschaft und schließlich des Selbstbewußtseins der Nation insgesamt. Im Folgenden seien nur einige besonders wichtige Beispiele aus dem zurückliegenden Jahr genannt, die zeigen, welch starke Impulse von Präsident Putin ausgehen, der längst der unumstrittene Stern am russischen Politikerhimmel ist.

Da gilt es etwa auf das am 1. Juli in Kraft getretene Staatsbürgerschaftsgesetz hinzuweisen, das Neubürgern russische Sprach- und Verfassungskenntnisse abverlangt.

Im letzten Jahrzehnt sind allein gut vier Millionen Angehörige russischer Minderheiten aus anderen Teilen der früheren Sowjetunion als Übersiedler gekommen. Ihre Eingliederung wirft ähnlich große Probleme auf, wie es sie bei uns mit den Rußlanddeutschen gibt.

In denselben Zusammenhang gehören Ansätze einer aktiven Bevölkerungspolitik, die sich zunächst vor allem auf der Bewußtseinsebene abspielen. Rußlands Führung ist sich im klaren darüber, daß die extrem niedrige Geburtenrate von durchschnittlich 1,17 Kindern pro Frau angehoben werden muß.

Angesichts einer ohnehin multiethnischen Struktur des Landes und wachsender Zuwanderung ist der fortschreitende Bevölkerungsrückgang der Russen eine Zeitbombe (derzeit leben rund 340 000 legale und nach Schätzungen der Zeitung Komsomolskaja prawda 3,5 bis 5 Millionen illegale Einwanderer auf dem Gebiet der Föderation).

Schon seit Monaten wird außerdem über ein Programm des Bildungsministeriums gestritten, demzufolge an möglichst vielen Schulen orthodoxe Religionskunde angeboten werden soll.

Die politischen Motive offenbaren zwei Kommentare wichtiger Politiker. Der Präsidentenvertreter im Zentralen Föderalen Bezirk, Georgij Poltawtschenko, erklärte: "Die Gründe für die demographische Krise liegen weniger in den wirtschaftlichen Problemen als im moralischen Bereich."

Und Wiktor Kasanzew, sein Kollege aus dem Südlichen Föderalen Bezirk, betonte, daß es den Machtorganen ohne religiöse Erziehung nicht gelingen werde, den Russen "das Gefühl des Patriotismus anzuerziehen, das während der Perestrojka verlorenging".

Letzteres soll auch durch bewußte Anlehnungen an Traditionen des Zarenreiches einerseits und Teile des sowjetischen Erbes andererseits geschehen.

So ist es keine Überrraschung, daß sich Präsident Putin am 26. November bei einem Treffen mit der Führung der Streitkräfte zustimmend zu einem Vorschlag von Verteidigungsminister Iwanow äußerte, wonach der fünfzackige Sowjetstern wieder in die Flagge der Armee aufzunehmen ist.

Von erheblich größerer Tragweite ist eine geplante Änderung des "Gesetzes über die Sprachen der Völker der Russischen Föderation" (Schriftgesetz). Sie schreibt das kyrillische Alphabet nicht nur für die russische Staatssprache vor, sondern für die Sprachen aller Teilrepubliken der Föderation.

Sollte Präsident Putin die am 8. November in zweiter und dritter Lesung von der Staatsduma angenommene und am 27. November vom Föderationsrat bestätigte Novelle gutheißen, würde er sich in eine Linie mit Stalin stellen. Dieser hatte 1939 sämtlichen Völkern der UdSSR mit Ausnahme der Georgier und Armenier das kyrillische Alphabet verordnet.

Solche Russifizierungsversuche schießen über das Ziel einer Stärkung staatlicher Macht und Identität hinaus und sind aus grundsätzlichen Erwägungen abzulehnen.

Vorrangig betrifft das Vorhaben jene Völker, deren Kultur auch auf der Verwendung lateinischer Schriftzeichen gründet und die zugleich über eigene Föderationssubjekte verfügen - also etwa die Tataren an der Wolga oder die noch rund 138 000 Karelier im 1940 bzw. 1945 von Finnland abgetrennten Ostkarelien.

Aber auch für Griechen, Deutsche, Polen, Esten usw. wäre die zusätzliche Aufwertung des ihnen ursprünglich fremden kyrillischen Alphabets ein deutliches Signal, daß sie einen Ausbau ihrer Minderheitenrechte in nächster Zeit vergessen können.

Für die Teilrepublik Tatarstan und alle 1,5 Millionen Tataren im Land würde ein verändertes Schriftgesetz weitreichende Folgen haben. Bis 1929 verwendete dieses Volk über Jahrhunderte hinweg arabische Zeichen, dann übernahm es zusammen mit den turksprachigen Sowjetrepubliken in Mittelasien und der Aserbaidschanischen SSR das kurz zuvor auf die lateinische Schrift umgestellte Alphabet der stammesverwandten Türken.

Auf Jahrzehnte des zwangsweisen Gebrauchs des Kyrillischen folgte im September 1999 ein Gesetzesbeschluß des Tatarenparlaments in Kasan über die Rückkehr zur lateinischen Schrift, der am 1. September 2001 in Kraft trat. Die lateinischen Zeichen können die vokalreichen Turksprachen viel besser darstellen als das kyrillische Alphabet, das speziell für die konsonantenreichen slawischen Sprachen entwickelt wurde.

Nicht zuletzt könnte eine Änderung des russischen Schriftgesetzes aber auch dem Königsberger Gebiet schaden. Die dort heute durchaus in nennenswerter Zahl lebenden nicht-slawischen Völker (Deutsche, Litauer, Tataren usw.) wären in offiziellen Belangen allein auf das Kyrillische verwiesen.

Die Abschottung der Exklave von ihrer Umgebung, in der bloß lateinische Schriftzeichen benutzt werden, würde sich verfestigen und eine Wiederannäherung an die deutsche kulturelle Vergangenheit erschiene zusätzlich erschwert.

Kiosk-Aushang in Königsberg: Für das nördliche Ostpreußen könnte sich die Dominanz des Kyrillischen als Entwicklungsbremse erweisen Foto: Hailer-Schmidt