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21.12.02 / Hannas ganz besonderer Tag

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. Dezember 2002


Hannas ganz besonderer Tag
von Rebecca Bellano

Selbst wenn die dreijährige Hanna nicht wüßte, daß heute der Weihnachtsmann kommt, so spürt sie doch, daß dies ein besonderer Tag ist. Schon gestern stürmte der Vater mit den beiden älteren Schwestern in den Wald, um den Weihnachtsbaum zu holen. Hanna wäre gerne mitgegangen, aber die Mutter war entschieden dagegen, und so hatte sie sich mit den Forstberichten von ihren großen Schwestern begnügen müssen.

Nun steht Hanna im Türrahmen zur Küche und beobachtet die Oma Hilde, die eifrig und hochkonzentriert in Kochtöpfen rumrührt. Hanna hat bereits gehört, daß es wie immer zu Weihnachten Karpfen gibt. Zwar kann sie sich aus dem Vorjahr nicht erinnern, was das überhaupt ist, doch hat sie ihren Vater schimpfen gehört. Der mag nämlich keinen Kochfisch und hat wie jedes Jahr mit einer Essensverweigerung gedroht, bis Mutter ihm versprach, extra für ihn ein Steak zu braten.

Dann kommt Bewegung ins Haus. Oma Hildes Karpfen ist anscheinend fast fertig und sie scheucht Hannas Schwestern Antonia und Marie zum Tisch- decken. Die neunjährige Antonia setzt sich und beginnt, die Servietten zu falten, während die drei Jahre ältere Marie das Geschirr herbeischleppt. Hanna würde gerne auch etwas tun, aber sie weiß nicht was. Am liebsten würde sie zwar zu der Mutter, dem Vater und dem Opa in die Wohnstube gehen und helfen, das Zimmer für den Weihnachtsmann hübsch zu machen, doch das ist verboten.

Kurz nachdem Oma Hilde alle zum Essen gerufen hat, versammelt sich die ganze Familie um den Tisch. Hanna ist ganz gespannt auf den Karpfen, als sie aber zu essen anfangen will, steckt die Mama ihr noch eine große Serviette ans Kleidchen. Hanna schreit empört, schließlich ist sie kein Kleinkind mehr und braucht kein Lätzchen, doch die Mutter läßt sich nicht erweichen, da Hanna ihr hübsches neues Kleidchen nicht bekleckern soll.

Mehrere Kerzen brennen, und man speist vom guten Geschirr. Hanna fühlt sich ganz festlich gestimmt. Opa erzählt inzwischen eine Geschichte. Allerdings hat diese nichts mit dem Weihnachtsmann zu tun, mit Weihnachten allerdings schon, denn Opa erzählt jedes Weihnachtsfest beim Essen wie er vor mehreren Jahrzehnten zum Fest eine große Gräte verschluckte und beinahe daran erstickte. Opa berichtet sehr detailgenau und untermalt seine Erzählung mit Würgegeräuschen. Hanna findet das ganz fürchterlich, was muß der arme Opa gelitten haben. Auf alle anderen hat dies Histörchen keine sonderliche Wirkung, Oma mahnt nur den Opa, er solle es nicht zu bunt treiben, denn die Kleine esse sonst vor Schreck nichts mehr. Und tatsächlich, Hanna mag den Karpfen nicht mehr, denn schließlich könnte sie auch eine so große Gräte verschlucken wie der Opapa und daran elendig zugrunde gehen.

Dann ist das Essen beendet, und alle Erwachsenen verschwinden im Wohnzimmer. Die drei Schwester müssen draußen warten. Hanna ist ganz ungeduldig und als es ihr zu lange dauert, will sie ohne Erlaubnis in die Wohnstube, doch Antonia hält sie im letzten Moment fest. Hanna brüllt vor Empörung, und Marie hält der Kleinsten eine Standpauke.

Dann, endlich, ist es soweit. Das Glöckchen klingelt, und die Kinder dürfen ins Wohnzimmer. Als erstes sieht Hanna den hell- erleuchteten Baum. Er glitzert einfach phantastisch, aber wo ist der Weihnachtsmann? Der ist schon wieder fort, sagt die Oma. Hanna ist enttäuscht, weiß sie doch nicht, daß der Vater sich nicht mehr in das Weihnachtsmannkostüm zwängt, seitdem ihn die damals dreijährige Antonia erkannt hat.

Marie hat inzwischen mehr schlecht als recht ihren "Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an" heruntergeleiert. Antonia setzt nun zur Verstimmung von Marie zu ihren Gedichtvorträgen an. Antonia liebt Gedichte und nutzt Heiligabend immer die Chance, gleich drei oder vier vorzutragen. Eines davon ist zur Freude der Oma immer in Mundart.

Als Antonia endlich fertig ist und von ihrer entzückten Oma geherzt wird, darf Hanna "Ich bin klein, mein Herz ist rein" auf- sagen. Dann kommt Maries Lieblingsmoment des Heiligen Abends: Sie verteilt ihre gebastelten und auch gekauften Geschenke an die Erwachsenen. Genau beobachtet sie, ob diese sich auch richtig freuen. Erst wenn das erledigt ist, gehen die Kinder zu ihren Geschenken. Antonia wickelt ganz für sich alleine alles aus und beginnt sofort zu spielen. Marie hält nach jedem ausgepackten Geschenk den Erwachsenen einen kleinen Vortrag und Hanna, ja, Hanna ist ganz verwirrt. Nachdenklich steht sie vor den Präsenten und weiß nicht, welches sie zuerst aus seiner bunten Verpackung holen soll. Erst als sich die Mama zu ihr gesellt, beginnt sie zögernd, gerät dann allerdings in einen Rausch und rupft die Umhüllungen voller Begeisterung weg. Als diese gelüftet sind, sitzt sie ratlos vor dem Papier- und Geschenkehaufen. Dann erwählt sie aber eine besonders interessantes Weihnachtsgabe und fordert Antonia zum Spielen auf.

Nächstes Jahr weiß auch Hanna, wie Weihnachten abläuft. Genau hat sie sich jeden einzelnen Vorgang eingeprägt und kennt jetzt sogar die Weihnachtsgeschichte von der Gräte. n

Diese amüsante kleine Weih-nachtsgeschichte spielt nicht, wie der geneigte Leser, die verehrte Leserin vermuten möchte, im heimatlichen Ostpreußen, sondern 1990 in Schleswig-Holstein, wo die Familie das Fest nach dieser Tradition noch heute begeht.