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21.12.02 / Onkel Gerhard erzählt das Weihnachtsmärchen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. Dezember 2002


"Knusper, knusper ..."
Onkel Gerhard erzählt das Weihnachtsmärchen
von Hans Heckel

Alle Kinder des Dorfes sind im Saal versammelt: Gleich kommt das Weihnachtsmärchen. Aber die Sache zieht sich hin. Die Gören beginnen zu sticheln. "Angela ist 'ne fiese Zecke!" kräht Fritzchen. Angela hatte ihn letzte Woche vom Dreirad geschubst. Das hat er nicht vergessen! Angela quäkt zurück: "Fritzi ist doof! Ich kann viel besser Dreirad fahren." Die anderen stimmen ein: "Fritzi, halt die Klappe!" Fritzi weint.

Roland giftet, die Kinder aus der Barackensiedlung seien so übel wie ein Erzschuft, ein eingeheirateter zudem, der vor langer Zeit den Ruf des ganzen Dorfes auf Jahre versaut hat. Was war passiert? Nun, Roland ist böse, weil die Barackenkinder verraten hatten, wer die meisten Spielsachen hat und wo sie versteckt sind. Ein Barackenbalg macht sich in die Windeln und schreit: "Roland ist gemein!" Fäustchen fliegen, Schnuller sausen durch die Luft.

Pfarrer Rau ist verzweifelt. "Ruhe, Kinder, Ruhe!" Dann endlich: die Erlösung. Der Vorhang hebt sich, und dahinter sitzt Märchenonkel Gerhard im Sessel. "Liebe Kinder, fröhliche Weihnachten. Wart ihr auch alle artig? Naaah? Macht nichts. Ich hab euch trotzdem eine Geschichte mitgebracht, und die geht so:

Es waren einmal ein Bub und sein klein Schwesterlein, die hießen Fluchtgeld und Steuersünderl. Sie lebten auf der lichten Feste Luxemburg. Dort war es schön, und alle waren lieb zu ihnen. Doch hatten sie Heimweh nach Mutti und Vati, die weit entfernt und bettelarm hinterm Walde ihr Dasein fristeten.

Da rief eines Tages der Bub: "Komm, Schwesterlein, laß uns gen Heimat ziehen an Mütterchens Herd. Und laß uns viele nützliche Dinge und alle unsere Taler mitnehmen, damit sie der darbenden Eltern Herzen erfreuen sollen!" "Au fein!" erwiderte Steuersünderl. So packten sie ihre Säcklein voll mit Schätzen und guten Gaben für die Eltern und zogen los.

Bald erreichten sie den Waldrand. Finster war der Tann, und sie verbargen ihre sieben Sachen tief in den Taschen. Denn von überall her stoben düstere Schnapphähne und anderes Gewürm aus dem Dickicht, um an des Geschwisterpaares Gaben zu kommen. Immer schneller eilten Fluchtgeld und Steuersünderl durch das schreckliche Gehölz.

Es wollte schon Nacht werden, da stieg dem Knaben ein süßer Duft in die Nase. "Riech nur, Schwesterchen, welch lieblicher Geruch, edlem Gebäck gleich!" Die beiden folgten der süßen Spur, und - es war schon ganz dunkel - da erblickten die leuchtenden Kinderaugen ein helles Licht inmitten der schwarzen Baumriesen. Furchtsam schlichen die beiden näher.

Und siehe: Ein klein Häuschen stand da, strahlend schön und über und über mit feinstem Pfefferkuchen, süßen Keksen und allerlei anderen Leckereien bedeckt. Emsig begannen die beiden, Plätzchen um Plätzchen abzubrechen und zu verschlingen, hatten sie doch Hunger nach der langen Wanderschaft.

Da krächzte aus dem Innern der wundersamen Behausung eine dünne Stimme: "Knusper, knusper, Knäuschen! Wer knuspert an meinem Häuschen?" Fluchtgeld und Steuersünderl erschraken! Sogleich schoß eine seltsame Gestalt aus der Hütte wie die Spinne aus ihrem Kokon. "Fürchtet euch nicht, ihr lieben Kinderlein. Ich bin's bloß, die treue Gevatterin Hanne!" wisperte das kleine Wesen, sein Kopftuch tief ins Gesicht gezogen. Es sprach: "Ich schlag euch einen Handel vor: Ihr zeigt mir all die schönen Sachen, die ihr mitgebracht, und gebt mir nur den vierten Teil davon ab. Dafür dürft ihr fortan nach Herzenslust von meinem Hause naschen und schwelgen!" Fluchtgeld und Steuersünderl zögerten keinen Augenblick und öffneten ihre Börsen und Herzen. Das Mütterchen zählte und wog alles genau.

Doch: Da plötzlich fuhr die Alte auf, das Kopftuch wehte von ihrem Haupte und - o Schreck, o Graus! - 's ist die böse Hexe Eichelzahn! Bub und Mädchen waren blaß vor Entsetzen.

"Das ist nicht genug!" fauchte die Hexe. "Wovon soll ich leben? Wovon meine vielen kleinen Kobolde bezahlen, die nächtens durch den Wald streifen und Bauer wie Händler wie Wandersmann rupfen? Ihr müßte mir alles Vermögen steuern! Und euch nehm ich gleich dazu", sagte sie und packte die beiden beim Kragen.

"Ihr werdet euch von nun an im Bergwerk für mich plagen, dort drunten, wo Knecht Münti mit der roten Mütze die Rute schwingt! Der weiß, was mir zusteht, und wird es euch schon abpressen!"

So ging nun tagein, tagaus die Plackerei, und Fluchtgeld und Steuersünderl hatten schon mit ihrem Leben abgeschlossen. Da zog, ganz zufällig, der stolze Ritter Dieter von Bohlen durch den Hexenwald. Der blonde Dieter hatte sich bislang dem Minnesang verschrieben und das böse Treiben der alten Hexe Eichelzahn gar nicht bemerkt. Doch nun vernahm der kühne Recke unversehens das Wimmern und Jammern der Kinder in des Knechtes garst'gem Stollen. Da stieg der wack're Held hinab in Müntis Verließ, schlug den häßlichen Kerl tot und befreite Steuersünderl und Fluchtgeld. "Sagt's, wie ereilt' euch dies gar grauslige Schicksal?" wollte der tapfere Reiter wissen. Die Kinder verrieten ihm, wie ihr Ungemach geschah, und darauf ritt Dieter auch zur Hexe Eichelzahn und stieß sie - schwupp! - ins Feuer!

Da ward ein Lachen und Jauchzen, und der Ritter sprach: "So, meine Kinder. Jetzt seid ihr frei, könnt nach Hause gehen und für alle Zeiten meinem Sange lauschen!"

So gingen sie denn heim, und wenn sie nicht schon taub sind, dann lauschen sie noch heut'."

Onkel Gerhard schließt das Buch mit ruhiger Hand und blickt milde in die Reihe der gebannten Kinderschar: "Fröhliche Weihnachten!"