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11.01.03 / Die Kirche von Juditten / Notizen von einer Reise in eine vergessene Zeit (Teil VI)

© Das Ostpreußenblatt Ausgabe / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 11. Januar 2003


Die Kirche von Juditten
Notizen von einer Reise in eine vergessene Zeit (Teil VI)
von Christian Papendick

Wir fahren von Königsberg nach Juditten, dieser Gartenstadt am Rande der Stadt. Viele kleine Einfamilienhäuser stehen noch inmitten verwahrloster Gärten. Die ehemalige Juditter Pfarrkirche - stark vom Grün zugewachsen - ist eine der ältesten Kirchen Ostpreußens und wurde ab 1288 errichtet.

Wir biegen mit unserem Bus auf den Parkplatz ein. Aus einer Ecke schwärmen plötzlich sechs, sieben alte Frauen aus. Mit kleinen leeren Plastikschalen bitten sie um "Deutschmark". Beim Betreten des Kirchengeländes merken wir, daß sie hier nicht erwünscht sind. Einige Nonnen der heute russisch-orthodoxen Kathedrale des heiligen Nikolaus weisen sie recht bestimmt zurück. Wir nehmen erstaunt zur Kenntnis, wie sorgfältig die Kirche in ihrem äußeren Erscheinungsbild wiederhergestellt wurde.

Juditten war schon um 1300 ein bekannter Wallfahrtsort. Als der Deutsche Orden 1454 ein außergewöhnliches Heiligenbild, die wunderwirkende "Muttergottes auf dem Halbmond", stiftete, wurde Juditten ein "preußisches Jerusalem". Wie ein Wunder wirkt heute diese alte ländliche Wehrkirche, denkt man an die zahlreichen zerstörten und die im Verfall noch bestehenden Kirchen des Landes.

Der Blick fällt zunächst auf das in unregelmäßigem Feldsteinmauerwerk errichtete Kirchenschiff. Der Westgiebel im Stil der Gotik aus Backsteinen mit eingesetzten Blenden ist aufgesetzt auf das Feldsteinmauerwerk. Separat - jedoch durch einen Zwischenbau verbunden - steht der Glockenturm auf hervortretendem Sockelmauerwerk. Den Abschluß des Turms bildet ein schlankes, hohes Dach mit flachem, überkragendem Unterdach - wie ein spitzer Hut mit breiter Krempe. Die Turmspitze ziert heute ein orthodoxes Kreuz auf einer goldglänzenden Kugel. Die Juditter Kirche war 1985 die erste im Königsberger Gebiet, die von der russisch-orthodoxen Kirche übernommen wurde.

Noch bis zur Vertreibung der letzten Königsberger, die ihre Stadt nicht verlassen wollten oder nicht mehr konnten, traf man sich hier zum Gottesdienst. In den folgenden Jahren wurde das Gotteshaus ausgeraubt und mutwillig beschädigt. Teilweise hatte man sogar schon begonnen, es abzutragen, doch konnten durch den Beschluß des Stadtsowjets weitere Zerstörungen verhindert werden.

Das Innere des Sakralbaus betretend, merken wir, daß sich eine kleinere, größtenteils aus alten Frauen bestehende Gemeinde zu einer Andacht versammelt. Der Pope, der aus der Ikonenwand hervortritt, verunsichert uns zunächst etwas. Mein Kollege Alfred Berg wird von einer alten Babuschka erst einmal in die richtige Position gestellt, damit er dem Geistlichen nicht den Rücken zudreht. Eine sehr prächtige, im Stile der Gotik gehaltene Ikonostase schmückt heute den Altarraum. Das herrliche Deckengewölbe mit reich profilierten Rippen ist zerstört und einer schlichten Tonnenkonstruktion in Holzbauweise gewichen. Sehenswert ist noch eine an die Nordwand angebaute Seitenkapelle mit schönen Wandmalereien. Wir haben unsere Kerzen angezündet und verlassen den Kirchenraum. Draußen stoße ich auf eine gut erhaltene Grabtafel und lese den Namen Otto Fünfstücks, der um die Jahrhundertwende Pfarrer in Juditten war - meine Eltern waren mit seiner Familie befreundet. Im Pfarrhaus wurde der Literaturtheoretiker und Schriftsteller Johann Christoph Gottsched (1700-1766) geboren. Als Vorläufer Kants war er der Wegbereiter für die deutsche Klassik.

Auf dem Parkplatz begegnen uns wieder die alten Babuschki, alle mit Kopftüchern, Kittelschürzen und zerfurchten Gesichtern. In den ersten Jahren waren wir noch von zahlreichen Kindern umringt gewesen, die sich über mitgebrachte Bonbons und Kugelschreiber riesig freuten. Wo waren sie jetzt? Die Babuschki mochten das nicht - ob sie wohl ihrem Regiment weichen mußten? Die Armut dieser Menschen macht uns immer wieder betroffen. Als wir dann wieder im Bus sitzen, erkennen wir, daß alle bei der wohl jüngsten von ihnen ihre Plastikschälchen entleeren müssen - Mafia im kleinen sogar bei den alten Großmüttern? Wir reagieren wiederum mit Betroffenheit.

Die Juditter Kirchenstraße entlangfahrend kommen wir zur Juditter Allee und könnten eigentlich rechts abbiegend noch zum Schloß Holstein fahren - doch es ist zu spät, der Magen knurrt, wir müssen ins Hotel.

 

Westfront mit vorgesetztem Turm: Im Gegensatz zum Kirchenschiff ganz aus Backsteinmauerwerk errichtet

Ansicht der Südfront: Das Kirchenschiff, der älteste Teil des Gotteshauses, ist aus Feldsteinmauerwerk errichtet. Nur Fenstergewände und Mauerecken wurden in Backsteinmauerwerk hergestellt. Der Baustil ist typisch für die Sakralbauten des Samlandes aus dieser Zeit. Fotos (2): Papendick