19.08.2022

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11.01.03 / Immer neue Erkenntnisse der Ernährungswissenschaftler verunsichern die Verbraucher

© Das Ostpreußenblatt Ausgabe / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 11. Januar 2003


"Rin inne Kartoffel, raus ausse Kartoffel"
Immer neue Erkenntnisse der Ernährungswissenschaftler verunsichern die Verbraucher
von Christel Bethke

Als ich mit dem Rad auf Idchens Hof kurve, pflanzt sie gerade in das Beet vor der Haustür Tulpenzwiebeln. "Bei dem griesen Wetter kommst", empfängt sie mich. Etwas freundlicher hätte ich mir die Begrüßung schon gewünscht. Schließlich wohnt sie beim Deiwel auf der Rinn, und bis dahin sind es mehr als zwanzig Kilometer zu fahren. Um sie zu erfreuen, murmel ich etwas von Martin Luther und dem Baum, den er noch am Vorabend seines Todes pflanzen würde. Als er das sagte, war er noch weit jünger als meine Ida. Sie guckt nur schief von unten hoch und meint: "Du immer mit deinen Sprüchen." Aber daß der Ausdruck "gries" gefallen ist, freut mich. "Kam mir so", sagt sie und wirklich, das kenne ich auch. Plötzlich steigen einem Begriffe in den Sinn, und Wörter kommen über die Zunge, die man seit seiner Kindheit nicht mehr benutzt hat. Seltsam, was sich so im Unterbewußtsein hält. Gries sagten wir auch auf die Wäsche, als man sie noch nicht weißer als weiß waschen konnte.

Ich warte, bis die letzte Zwiebel gepflanzt ist. Irgendwas ist heute mit ihr, rein verbiestert. Erst beim Kaffe - nicht Kaffee - in der Küche rückt sie damit raus. Es geht um die neueste Erkenntnis der Wissenschaft, daß, wenn sich Fett und Stärke verbinden, sich bräunen, ein Stoff entsteht - nein, keiner aus dem die Träume sind -, der ungesund sein soll. Irgendwas mit myd am Ende. Ich hatte auch davon gelesen und sage: "Akilamyd" oder so. "Bratkartoffeln sollen krank machen", wettert sie los "dabei war das mein Lieblingsessen. Heute noch. Nie werden mir die über! Wo wären wir hingeraten in der schlechten Zeit, hätten wir nicht unsere Bratkartoffeln gehabt. Manchmal, wenn wir nicht genug Fett hatten, und das kam oft vor, gossen wir noch kalten Kaffe ran, damit sie nicht ansengten." Die ist wirklich in Fahrt, denke ich. Ich bereite mir selbst gern diese Kartoffelvariante zu und verstehe meine Ida. "Aber du ißt doch nicht jeden Tag eine Pfanne davon", will ich sie beruhigen "und bist der beste Beweis, daß man daran nicht zugrunde geht." Sie ist aber noch nicht fertig, ich habe sie unterbrochen. "Jeden Tag difteln die sich was Neues aus. Heute dies, morgen das. Oft das Gegenteil. Rin inne Kartoffel, raus ausse Kartoffel."

Wir lachen. Endlich! Nehmen heute aber vorsichtshalber nur zwei von den Purzelchen, die sie auf den Tisch gestellt hat. Nun schon versöhnlicher: "Das soll nun alles nicht mehr zu vertragen sein?"

Wie wahr. Jeden Tag eine neue Erkenntnis. Das Leben gefährdet wirklich die Gesundheit. Und trotz aller Erkenntnisse, hat fast jedes Kind eine Eßstörung. (Hat auch eine moderne Studie belegt). Entweder sind sie magersüchtig oder zu dick. Mein altes Idchen ist dagegen rank und schlank trotz Bratkartoffeln, oder gerade deswegen? Ein Fall für die Wissenschaft.

Es hebt mich. Ich muß fahren, wenn ich noch vorm Dusterwerden zu Hause sein will. Wir einigen uns jedenfalls. In Zukunft nur noch zwei Purzelchen. Und zum Abendbrot werde ich heute nur noch Knäckebrot essen, sage ich zu ihr, während ich auf das Rad steige. "Bloß nicht", ruft sie mir nach "das ist besonders schädlich!"

Lachend winken wir uns noch aus der Entfernung zu, und während ich durch den frühen Abend heim fahre, denke ich, wie gut, daß wir schon so alt sind. Und welch ein Wunder das überhaupt ist bei all der ungesunden Kost, die wir immer so mit Appetit verdrückten. Zu Hause angekommen, melde ich mich bei Ida telefonisch zurück, bedanke mich für den Nachmittag und höre, daß sie morgen noch Osterblumen pflanzen wird.