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15.02.03 / Ein vergessener Künstler / Ausstellung in Dresden würdigt erstmals den Maler Gerhard von Kügelgen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 15. Februar 2003


Ein vergessener Künstler
Ausstellung in Dresden würdigt erstmals den Maler Gerhard von Kügelgen

Einen "Grenzgänger zwischen Klassizismus und Romantik" hat man ihn genannt, den Maler Gerhard von Kügelgen (1772- 1820), der zu Lebzeiten sehr gefragt war als Porträt- und Historienmaler. So genoß er gemeinsam mit seinem Zwillingsbruder Karl die Gunst des Zarenhofes, aber auch die bürgerlicher Auftraggeber wie etwa Johann Wolfgang v. Goethe. Der in Bacharach am Rhein geborene Kügelgen lebte und arbeitete seit 1805 in Dresden; seine Wohnräume und das Atelier in einem barocken Bürgerhaus an der Hauptstraße in der Dresdener Inneren Neustadt liefern seit 1981 den historischen Rahmen für das "Museum zur Dresdener Frühromantik". Eine große Ausstellung seiner Werke mußte man in Dresden indessen bisher vermissen. Nun aber, knapp zwei Jahrhunderte nach seinem Wirken in Dresden, ist in der Galerie Neue Meister Staatliche Kunstsammlungen Dresden Albertinum, Georg-Treu-Platz 2, 01067 Dresden, zum ersten Mal eine Auswahl seiner Werke zu sehen (täglich, außer donnerstags, 10 bis 18 Uhr; bis 16. März; zur Ausstellung erschien ein Sonderheft der "Dresdener Kunstblätter", zu bestellen über Publikationsvertrieb, Postfach 12 05 51, 01006 Dresden). Gezeigt werden rund 50 Werke Kügelgens, vornehmlich Porträts aus seinem Familienkreis und von prominenten Zeitgenossen, aber auch Beispiele seiner Historiengemälde, die dem Künstler selbst sehr wichtig waren. "Häufig entwickelte er seine Bildideen nicht in einem Gemälde, sondern in Paaren und Zyklen", liest man in einer Information des Museums. "Diese Zusammenstellungen boten ihm nicht nur die Möglichkeit, den jeweiligen Gehalt der Werke zu erweitern, sondern ihn auch flexibel zu handhaben. Um die spezifischen Inhalte und Formen der Gemälde zu entschlüsseln und den Zugang zu ihnen zu vereinfachen, beschäftigt sich die Ausstellung mit den bildnerischen und literarischen Vorlagen seiner Werke. Dabei dokumentiert sie die enge Verwobenheit des Dresdner Kunst- und Geisteslebens zu Beginn des 19. Jahrhunderts."

Gerhard v. Kügelgen erlebte die napoleonische Besatzung Dresdens, und so sind seine Gemälde aus dieser Zeit durchsetzt mit patriotischer Symbolik - ein Aspekt, der in dieser Ausstellung besonders berücksichtigt wird. Ein weiteres nicht zu unterschätzendes Augenmerk wird gelegt auf die künstlerische Beziehung zwischen Kügelgen und dem fast gleichaltrigen Caspar David Friedrich (1774-1840). So scheint es verschiedene Hinweise darauf zu geben, daß "Kügelgen Friedrich praktische Anregungen in der Ölmalerei gegeben hat", schreibt Dorothea v. Hellermann, die eine erste umfassende Monographie mit kritischem Werkverzeichnis (Berlin 2001) verfaßt hat, in dem Sonderheft zur Ausstellung. "Mit dem Aufkommen des Bürgertums", so Hellermann weiter, "entstand eine Kluft zwischen Künstler und Gesellschaft. Künstler waren seitdem, wie Runge, Friedrich und Kügelgen, autonom; sie verzichteten auf verläßliche Auftraggeber und mußten sich nicht nur ein Publikum, sondern auch Themen und Anregungen selber suchen. Sie brauchten, was Runge vermißte, einen ‚Kreis von Gleichgesinnten' und eine ‚Gemeinde', d. h. Menschen, mit denen sie Themen und Anschauungen besprechen konnten, und ein Publikum, das sich durch ihre Bildschöpfungen angesprochen fühlte. Caspar David Fried-rich, neben Runge der herausragendste Maler der deutschen Romantik, fand in Kügelgen einen ‚Gleichgesinnten' und durch ihn eine ‚Gemeinde'." Hinzu kam, daß Friedrich im Gegensatz zu Kügelgen völlig mittellos war, auch "menschenscheu und unbeholfen", wie Wilhelm v. Kügelgen, der Sohn des Künstlers in seinen "Jugenderinnerungen eines alten Mannes" (1870, München und Berlin 1993) schreibt. "Hätte mein Vater die Fremden, die seine Werkstatt besuchten, nicht regelmäßig auf Friedrich verwiesen und überall Lärm für ihn geschlagen, so würde der bedeutendste Landschaftsmaler seiner Zeit gehungert haben."

Als Kügelgen am 27. Mai 1820 von einem Raubmörder getötet wurde (er war gerade auf dem Heimweg von seinem Weinberg in Loschwitz), wird auch Friedrich diesen gewaltsamen Tod als großen Verlust empfunden haben. So entwarf er den Grabstein auf dem Alten Katholischen Friedhof in Dresden für den Freund und schuf 1822 ein Gemälde "Kügelgens Grab", das sich heute als Leihgabe aus Privatbesitz in den Staatlichen Museen Kassel befindet und auch auf der Ausstellung zu sehen ist.

Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen und zu ihrer Zeit eine gefragte Schriftstellerin, war Kügelgen und Friedrich in Weimar begegnet, hatte die Künstlerfreunde aber auch in Dresden besucht. Sie schrieb ihre Eindrücke in zwei Briefen nieder, die 1810 im "Journal des Luxus und der Moden" veröffentlicht wurden. Fried-rich und Kügelgen seien Künstler, die "ohne große Aufforderung oder Belohnung von außen mit stillem freudigen Sinne weiter strebend, in der Übung ihrer Schöpferkraft beseligt, alle glänzenden Erdengüter leicht entbehren, ja sie nicht einmal vermissen, und den Raum um sich her mit schönen Gebilden erfüllen, die vielleicht eine dankbare Nachwelt erst dann zu würdigen wissen wird, wenn der Geist, der sie schuf, längst sich zu einer noch höheren Bestimmung aufgeschwungen hat ..." Das Werk Caspar David Friedrichs hat durch große Ausstellungen in jüngerer Vergangenheit eine ansprechende Würdigung erfahren. Mit der Ausstellung in Dresden und der Monographie sind erste Schritte getan, Gerhard v. Kügelgen den Platz in der Kunstgeschichte zuzuweisen, der ihm zusteht. SiS

Georg Friedrich Kersting: Caspar David Friedrich im Atelier (Öl, 1819; im Besitz der Städtischen Kunsthalle Mannheim)

Gerhard von Kügelgen: Selbstbildnis mit der Reisemütze (Öl, 1814;Privatbesitz)