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05.04.03 / Sie lieben das Licht des Nordens

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. April 2003


Sie lieben das Licht des Nordens
In Deutschland wachsen etwa 30 verschiedene Weidenarten - Als Heilpflanze beliebt

Felbern, Katzenstrauch, Korbweide, Maiholz, Weihbuschen, Bruchweide, Fieberweide, Lorbeerweide, Purpur-Weide, Silber-Weide, Knackrinde nennt sie der Volksmund. Salix war der Name der Weide im antiken Rom, und Salix heißt wissenschaftlich die Familie der verschiedenen Weidenarten, die zumeist in Mittel- und Südeuropa beheimatet sind. Sie sind Kätzchenträger wie die ihnen verwandten Pappeln. Männliche und weibliche Blüten, Kätzchen genannt, wachsen auf verschiedenen Bäumen, Sträuchern, Büschen. Wir sehen sie zumeist an Bach- und Flußläufen, in Ufernähe und sumpfigem Gelände. Da ihre biegsamen Zweige sich besonders gut zum Körbeflechten eignen, werden viele Weidenbäume alle paar Jahre zur Winterzeit ihrer langen Ruten beraubt. Sie treiben bald mit der Kraft des steigenden Saftes wieder gehörig aus und stehen unbelaubt wie struwwelpetrige Gestalten gespenstisch im Nebel, der sich im Herbst, Winter und Frühling oft über der Küstenlandschaft und den Tälern ausbreitet. Nur der gewaltige Stamm mit der tief rissigen, grauen Rinde verrät, daß diese "Kopfweide" schon sehr alt ist.

Die Botaniker benennen rund 160 Weidenarten, die sich nur schwer voneinander unterscheiden lassen, weil sie alle leicht Bastarde bilden. Die das Licht liebenden Weiden haben sich die gemäßigte Zone der nördlichen Halbkugel erobert. Die Weidenflora in Grönland und Spitzbergen besteht allerdings nur aus niedrigen, nur wenige Zentimeter hohen Sträuchlein. Als Überreste der Eiszeit finden wir die polaren Weiden (Sálix reticuláta, Sálix silesiaca, Sálix retúsa) noch auf einigen Hochmooren des Riesengebirges, des Harzes und in den Alpen.

In Deutschland wachsen etwa 30 verschiedene Weidenarten, die zwischen Anfang März und Mitte Mai blühen. Kätzchen der männlichen Weiden pudern überreich nahrhafte gelbe Pollen über ihre Besucher. Gold- und Schmarotzerwespen sind gierig der leuchtenden Einladung gefolgt. Zitronenfalter, Kleine Füchse und Trauermäntel, die den Winter über in schützenden Verstecken, in Baumritzen und hohlen Stämmen, ausharrten, gaukeln im Sonnenschein von Blüte zu Blüte, um sich zu stärken. Aber der eiweißreiche, mehlige Blütenstaub macht sie durstig. Die weise Schöpfung bietet in den grünlichen, etwas kürzeren, dafür aber dicken Kätzchen der weiblichen Weide köstlichen Nektar an. Aus jeder Blüte ragt ein zartfädiges Büschelchen und "kassiert" bei der Begrüßung einige Pollen, die gewiß auch noch am Pelz der fleißigen Bienen hängen.

Nach dem Verblühen läßt die Weide ihre Kätzchen fallen. Aber ihre winzigen Samen trage zarte, seidige Flügel, mit denen sie auf dem Wind reiten, bis sie irgendwo landen und vielleicht wurzeln können. Unsere weit verbreiteten Salweiden pflanzen sich zumeist durch ihre Samen fort. Die meisten anderen Weidenarten lassen sich leichter durch Steck-linge vermehren.

In katholischen Gegenden war es jahrhundertelang guter Brauch, daß die "Palmstecken", zumeist um Palmarum geschnittene Weidenruten, zu Ostern als "Palmbuschen" geschmückt und vom Pfarrer gesegnet, später um Felder getragen und eingepflanzt wurden. Solche Stecklinge schlugen leicht Wurzeln. Aber durch die vom Wind getragenen Samen bastardisieren die früh- und spätblühenden Salixarten leicht.

Als Heilpflanze, aus deren Rinde Salicylsäure, Ausgangsstoff des wirksamen Aspirins, gewonnen wurde, hatte die Weide eine große Bedeutung, bis man die Salicylsäure auch im Labor herstellen konnte. Wie das wirksame Salicin der Weidenrinde hilft das Medikament Aspirin bei fieberhaften Erkrankungen, Kopfschmerzen und Schmerzen durch Entzündungen und rheumatischen Erkrankungen. Die in der Apotheke erhältliche Arznei kann bei längerer Einnahme jedoch den Magen belasten.

Als altes, aber immer noch wirksames Hausmittel gilt der Weidenrinden-Tee bei fieberhaften Erkrankungen mit Kopfschmerzen. Man reicht ihn auch bei Magen- und Darmbeschwerden, bei Rheuma und Gicht, um Harnsäure aus dem Körper auszuscheiden. Rezept: 1 Teelöffel fein geschnittene Weidenrinde wird mit 1/4 Liter Wasser langsam zum Kochen gebracht, nach 5 Minuten abgeseiht. Täglich 2 Tassen davon zu trinken gilt als rechtes Maß, bei dem Nebenwirkungen nicht zu befürchten sind. Nur für Schwangere, so heißt es, ist dieser Tee verboten. Anne Bahrs

Weidenkätzchen:Wichtige erste Nahrung für Bienen im Frühjahr Foto: Bahrs