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05.04.03 / Zwei ihrer letzten Verteidiger berichten vom Verlust der Memel-Stadt an die Rote Armee

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 05. April 2003


Der Fall von Tilsit
Zwei ihrer letzten Verteidiger berichten vom Verlust der Memel-Stadt an die Rote Armee

Tilsit wurde im Oktober 1944 zur Frontstadt. Die Zivilbevölkerung mußte die Stadt verlassen. Das Militär übernahm das Kommando. Was geschah in den drei Monaten in Erwartung des sowjetischen Angriffs? Wie vollzog sich die Eroberung der Stadt durch die Sowjetarmee?

Deutscherseits gibt es weder in Militärarchiven noch in der Erinnerungsliteratur hinreichende Angaben. Dem steht eine Fülle russischsprachigen Materials gegenüber, in dem der "Sturm auf Tilsit" als heroisches Ereignis dargestellt wird. Es ist wenig brauchbar, historisch anfechtbar, widersprüchlich, sachlich oft nicht korrekt und beantwortet nicht die Frage, wie es wirklich war.

Kürzlich ist es nun gelungen, zwei Augenzeugen ausfindig zu machen, die als junge Soldaten zur Verteidigung Tilsits eingesetzt waren und als letzte Nachhut die Stadt verließen. Es handelt sich um Bruno Müller, heute wohnhaft in St. Wendel, und Horst Krause, wohnhaft in Eutin. Hans Dzieran befragte sie.

Wie war Tilsit auf die Verteidigung vorbereitet, und wann rück-ten Sie in die Verteidigungsstellung ein?

Bruno Müller: Im Oktober 1944 bezog unser Grenadier-Regiment 1115 eine Abwehrstellung, die sich von der Tilsiter Zellstoffabrik in westliche Richtung erstreckte. Wir gehörten zur 551. Volksgrenadierdivision, die den Abschnitt vom Tilsiter Schloßberg bis nach Kloken am Rußstrom besetzt hielt. Der Russe lag am anderen Ufer. Der breite Fluß stellte für Angreifer ein ernstes Hindernis dar. Darüber hinaus bot er für den Verteidiger ein ausgezeichnetes Schußfeld. Selbst später, als der Strom zuzufrieren begann, hob sich auf der verschneiten Eisfläche jede Bewegung deutlich ab, und die zirka 200 Meter breite und deckungslose Distanz war schwer zu überwinden.

Horst Krause: Die Stellung war von der OT [Organisation Todt] und HJ [Hitlerjugend] angelegt worden. Wir bezogen sie im Oktober 1944 und fanden eine entlang der Uferregion der Memel voll ausgebaute Verteidigungslinie mit Laufgräben, Kampfständen und Bunkern vor. Ich war Unteroffizier und Gruppenführer in der 1. Kompanie, I. Batl. des Grenadier-Regiments 1115. Der Kompaniegefechtsstand befand sich im Keller der Fabrikbesitzervilla im Gelände der Zellstoff-Fabrik. Die rückwärtigen Versorgungsteile - Küche, Kp.Fw.-Trupp, Verbandsplatz - lagen im Raum Weinoten, Hegehof, Bendigsfelde.

Die Gruppen- und Zugbunker waren gut ausgebaut und bestens ausgestattet. Jede Gruppe hatte Licht- und Radioanschluß, da die Stadt noch mit Strom versorgt wurde. Eine Gruppe, die direkt an der Eisenbahnbrücke lag, hatte sogar für einige Zeit eine Bierleitung im Bunker, mit der sie die Biervorräte aus der danebenliegenden Brauerei abzapfte. Die Verteidigungsstellung unseres Regiments reichte vom Schloßberg westlich Ragnit bis nach Skören-Schanzenkrug.

Welche Kampfhandlungen gab es von Oktober 1944 bis Januar 1945?

Bruno Müller: Zur Aufklärung der Absichten des Gegners wurde im November ein Stoßtruppunternehmen angesetzt, zu dem ich mich freiwillig meldete. Es sollte unbedingt ein Gefangener zum Verhör eingebracht werden. Mit 15 Mann setzten wir mit Schlauchbooten über die Memel und arbeiteten uns an die gegnerische Stellung heran. Wir wurden bemerkt, als wir nur wenige Meter vor dem vordersten Graben waren. Ein plötzlicher Feuerstoß verwundete zwei Kameraden so schwer, daß wir das Vorhaben abbrechen mußten. Nun feuerte der Russe aus allen Rohren. Nur mit viel Glück erreichten wir wieder unsere Ausgangsstellung.

Ein weiteres Ereignis gab es Heiligabend. Mitten in unserer kleinen Bunker-Weihnachtsfeier gab es gegen 21 Uhr Alarm. Alles stürzte nach draußen. Im Schein der Leuchtkugel schossen wir einen Trupp von 20 bis 30 Russen zusammen, der über das Eis der zugefrorenen Memel in unsere Stellung einbrechen wollte.

Weiter westlich, bei Preußenhof, mußten im Januar mehrfach des Nachts russische Pioniere verjagt werden, die das Übersetzen von schweren Waffen vorbereiten sollten und die Eisstärke auf der Memel ermittelten.

Ansonsten beschränkte sich der Russe auf Störfeuer seiner schweren Artillerie. Eine Granate schlug durchs Fenster im Wasserturm und tötete unsere Artilleriebeobachter. Auf den Straßen lagen viele 17,2-Zentimeter-Blindgänger herum. Das russische Feuer wurde von einem Beobachter gelenkt, den wir eines Tages in einem Holzhaus in Übermemel ausmachten. Das Haus wurde mit SMG-Feuer [SMG = Schweres Maschinengewehr] in Brand geschossen. Gegenseitige Aufklärungstätigkeit und gelegentliches Störfeuer waren kennzeichnend für die Lage bis in das neue Jahr hinein, ohne daß sich am Frontverlauf etwas änderte.

Horst Krause: Zu einem schweren Feuerüberfall kam es, als in den ersten Januartagen ein Reichsbahnzug in den großen Holzlagerhof der Zellstoff-Fabrik rollte, um Langholz abzutransportieren. Eine russische 17,2-Zentimeter-Batterie nahm das Holzlager unter Beschuß und zog auch unsere Stellung in Mitleidenschaft. Nicht nur die Eisenbahner und das OT-Ladekommando, sondern auch wir hatten Ausfälle an Verwundeten, und wir mußten das irrsinnige Unternehmen mit Androhung von Waffengewalt beenden.

Von Zeit zu Zeit gab es russisches Störfeuer. Die Erwiderung durch unsere Artillerie fiel immer sehr bescheiden aus. Auf zehn Schuß vom Russen wurde ein Schuß von uns genehmigt. Vereinzelt besuchte uns nachts auch ein russischer Doppeldecker und lud seine Schrottladung über unserer Stellung ab.

Ab wann machte sich der Beginn der russischen Offensive bemerkbar, und wie verliefen die letzten Kampfhandlungen in Tilsit?

Horst Krause: In unserem Abschnitt war von einer großangelegten Offensive zunächst nichts zu merken. Allerdings hörten wir in unserem Rücken aus südöstlicher Richtung anschwellenden Gefechtslärm und konnten daraus schließen, daß der Russe die an der Memel liegenden Verbände abschneiden und einkesseln wollte. Den Frontverlauf sah man hinter uns in der Dunkelheit durch Abschußblitze und Leuchtsignale, während sich vor uns die Gefechtstätigkeit in Grenzen hielt. Am 19. Januar um 17 Uhr bekam meine Kompanie den Befehl, sich möglichst lautlos aus der Stellung zu lösen und an der Stolbecker Straße zu sammeln. Hier bekamen wir noch einmal warme und kalte Verpflegung von der Feldküche.

Im Tilsiter Stadtgebiet war die Absetzbewegung bereits im Gange. Unsere Kompanie erhielt durch Melder den Auftrag, den Feind kämpfend so lange aufzuhalten, bis alle Divisionseinheiten aus Tilsit raus waren. Mit Blickrichtung nach Osten sichernd sollten wir dann der Division als Nachhut folgen. Die Absetzbewegung der Division verlief über den Bahnhof teils nach Heinrichswalde, teils über die Reichsstraße 138 nach Sandfelde.

Der Feind drang in den Abendstunden des 19. Januar in die Stadt aus Richtung Birjohlen mit leichten Infanteriekräften ein, mit denen wir uns als Nachhut mehrere kleine Gefechte lieferten. Mit russischen Panzern hatten wir keine Berührung, und Panzergeräusche waren auch nicht zu vernehmen.

Bruno Müller: Am Vormittag des 19. Januar wurde nach einem kurzen Feuerüberfall um 11.30 Uhr unser Abschnitt massiv angegriffen. Die Memel war zugefroren, und die Angreifer hatten große Verluste. Dennoch gelang es einigen, bis zu unserem vorderen Graben vorzudringen und sich darin festzukrallen. Verstärkung über den Fluß bekamen sie nicht, aber ein Heraus- drängen durch Aufrollen des Grabens blieb ohne Erfolg. So lagen wir uns bis zum Dunkelwerden in den Gräben gegenüber und bewarfen uns mit Handgranaten. Der zunehmende Gefechtslärm in unserem Rücken ließ böse Ahnungen aufkommen. War das nun der Beginn des Großangriffs oder nur eine gewaltsame Aufklärung, oder wollte man uns hier am Memelufer möglichst lange binden, um durch einen rückwärtigen Flankenstoß eine großräumige Umklammerung vorzunehmen? Die russische Artillerie hatte ihr Feuer vorverlegt.

Gegen 16 Uhr kam der Befehl, daß sich die Kompanie mit Einbruch der Dunkelheit absetzt. Der Zug, dem ich angehörte, sollte die Stellung noch bis Mitternacht halten. Die Lage war verworren. Offensichtlich war der Russe schon an mehreren Stellen in der Stadt. Wir standen auf verlorenem Posten. Mit noch einem Kameraden setzte ich mich zu zweit ab. Im Schutz der Dunkelheit gelang uns der Ausbruch. Nicht alle hatten das Glück. Teile unserer Division wurden in der Elchniederung bei Sköpen eingeschlossen.

Der sowjetische Panzervorstoß über Hohensalzburg nach Kreuzingen hatte Tilsit militärisch ausmanövriert und die Verteidigung entlang der Memel sinnlos gemacht. Was geschah nach der Räumung?

Bruno Müller: Mit Anbruch des 20. Januar war Tilsit in russischer Hand. Hinter mir lag die Stadt im flackernden Feuerschein. Bei klirrender Kälte gelangte ich noch in derselben Nacht nach Hohenbruch an der Laukne. Auf den Rückzugswegen herrschte Chaos. Die Devise lautete "Rette sich wer kann". Nach zehn Tagen stieß ich im Samland auf unseren Kompanietroß. Von der Kompanie hatte kaum jemand überlebt. Bei den anschließenden Abwehrkämpfen im Samland geriet ich in russische Gefangenschaft.

Horst Krause: Wir zogen uns aus der Stadt in Fliegermarschsicherung zurück. In den Morgenstunden des 20. Januar bekamen wir heftigen Panzerbeschuß aus südlicher Richtung. Die Kompanie erhielt den Auftrag, beiderseits der Straße Groß-Friedrichsdorf- Heinrichswalde hinhaltend zu sichern und Reste eigener Truppen durchzulassen. Hier lagen wir einen Tag und eine Nacht unter freiem Himmel, ohne Schlaf, ohne warme Verpflegung, ohne Unterkünfte. Das eiskalte Wetter führte zu hohen Ausfällen durch Erfrierungen an Händen und Füßen.

Als am 21. Januar mittags hinter uns Sturmgeschütze mit aufgesessener Infanterie anrollten, glaubten wir an Verstärkung und gingen ihnen entgegen. Der weiße Anstrich der Kettenfahrzeuge und die weiße Tarnkleidung der Schützen ließen nicht erkennen, mit wem wir es zu tun hatten. Erst als die aufgesessene Infanterie aus ihren Maschinenpistolen das Feuer eröffnete, merkten wir, daß es Russen waren. Es blieb nur die Gefangenschaft.

Foto: Bruno Müller (links) und Horst Krause (rechts): Als Zeitzeugen können die beiden früheren Wehrmachtssoldaten zeitgeschichtliche Lücken schließen, welche die Geschichtsschreibung bisher offengelassen hat. Fotos (2): privat