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26.04.03 / Fragen, was Europa ist

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. April 2003


Fragen, was Europa ist
von Jürgen Liminski

Die enormen Süd-Erweiterungs-Nettozahlungen hatten in Südeuropa das Geldmengenwachstum derartig beschleunigt, daß die Inflation dort zeitweise auf fünf Prozent stieg. Euro-Schwäche und Mini-Wachs-tum wurden in Euro-Land weniger über deutsche oder französische Defizite ausgelöst, sondern vielmehr über die limitüberschreitende Inflation der Südeuropäer, die Brüssel wiederum mit überhöhten Nettozahlungen begünstigt hatte. In Brüssel löste die überzogene Inflation der Südeuropäer nur harmlose, substantiell völlig bedeutungslose Mahnungen und "blaue Briefe" aus. Das gilt auch und besonders für die Iren, die uns deshalb über drei Jahre hinweg über vier Prozent Inflation bescherten und damit niedrigere Zinsen blockierten.

Von derartigen Problemen frei konnte der US-amerikanische Notenbankchef Alan Greenspan innerhalb eines Jahres die Zinsen von sechs auf 1,25 Prozent senken. Mit diesem phantastisch niedrigen Zinsniveau konnten die Vereinigten Staaten das konjunkturelle Tief im Jahre 2001 mit 0,3 Prozent Wachstum überraschend schnell überwinden. Trotz des 11. Septembers, trotz Terrorismus und Irak-Konflikt schafften die Amerikaner bereits 2002 wieder ein reales Wachstum von 2,4 Prozent. Danach hätten sich die Mitglieder der Euro-Gemeinschaft alle zehn Finger abgeleckt - Hans Eichel vielleicht sogar noch alle Fußzehen, wenn er so weit runter kommen würde. Mehr noch als sein Kanzler und Parteivorsitzender Gerhard Schröder war nämlich er es gewesen, der bis zur Wahl stets der Bevölkerung ein nur 1,4 Prozent betragendes Wirtschaftswachstum als das höchste der deutschen Gefühle präsentiert hatte. Diesen Erfolgsmeldungen hatte die Union ziemlich rat- und tatenlos gegenübergestanden.

Greenspans niedrige Zinsen kurbelten in den USA die Bauwirtschaft an als Ersatz für die abgetauchte New Economy. Das begünstigte Beschäftigung und Wachstum. In der Bundesrepublik hingegen gab es für die Bauwirtschaft in Ost und West sowie für Infrastrukturinvestitionen keine Impulse. Statt dessen gab es hohe Haushaltsdefizite, weil die Haushalte unter hohen Schuldzinsen infolge ausgebliebener EZB-Zinssenkungen zu leiden hatten. Bereits ein Prozent niedrigere Zinsen entlastet alle öffentlichen Haushalte um rund 15 Milliarden Euro pro Jahr, und zwei Prozent niedrigere Zinsen gar um 30 Milliarden Euro. Deutschland wie Frankreich hätten dann ihre Haushaltsdefizit-Obergrenzen kaum überschritten, aber gewiß beim Wachs- tum etwas zugelegt.

Warum eigentlich hat Romano Prodi die überhöhten EU-Nettozahlungen an die Südeuropäer nicht einfach halbiert, um damit deren Inflation wenigstens abzubremsen? Eigentlich die einfachste und wirkungsvollste Maßnahme, die ja als Rechenaufgabe zur Zinsrechnung von manchem Hauptschul-Siebentkläßler gelöst wird. Jedenfalls könnte die Halbierung der Nettozahlungen an Brüssel in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und Großbritannien zusätzliches Wachs-

tum auslösen, ohne deshalb bei Iren, Griechen, Portugiesen und Spaniern deren Wachstum zu drosseln, wenn denn das vorhandene "dumme" Instrumentarium wenigstens halbwegs vernünftig und sinnvoll eingesetzt würde. Daß trotzdem nichts passiert, läßt den Schluß zu, daß das, was sich in Brüssel wirtschaftspolitisch abspielt, nicht nur Unfähigkeit - gepaart mit Korruption - ist, sondern schlichtweg Mißmanagement par excellence. Daran sind allerdings nicht nur die EU-Kommissare beteiligt, sondern alle 15 EU-Staats- und Regierungschefs kraft ihrer Richtlinienkompetenz. n

Es ist schon Tradition: Zu Ostern und zu Weihnachten wird die religiöse Befindlichkeit der Deutschen per Umfrage beleuchtet. Und die Ergebnisse ähneln sich seit Jahren. Die Zahl der Kirchenbesucher stagniert oder sinkt. Aber das ist nur ein Drittel der Wahrheit. Die anderen zwei Drittel sind auch alt und bekannt, wenn auch schwieriger zu ermitteln.

Die Bundesrepublik ist seit der Vereinigung mit dem von kirchenfeindlichen Diktaturen geistig verwüsteten "Ostteil" atheistischer geworden. Der ungleiche Kulturkampf über mehr als ein halbes Jahrhundert hat tiefe Spuren hinterlassen.

Aber nicht der Atheismus ist das Problem. Der französische Schriftsteller George Bernanos beschrieb es im "Tagebuch eines Landpfarrers" vor mehr 70 Jahren so: "Das Unglück dieser Welt, der Jammer unserer Zeit ist nicht, daß es so viele ungläubige Menschen gibt, sondern daß wir Gläubige so mittelmäßige Christen sind."

Der Befund des Bernanos hat seine neuzeitlichen Formen. Er spiegelt sich im Akzeptanz-Verlust der Kirchen als Lebenssinn stiftende Institutionen, im Aufschwung von Sekten und Esoterik, in der Individualisierung der Sinn-Horizonte, ja in der Aufgabe von Sinn, der über das Leben hinausweist, überhaupt. All das läßt sich empirisch nachweisen. Es ist unter dem Strich der Verlust der Sinnsuche und damit der persönlichen Suche nach Gott.

Wer keine persönliche Erfahrung macht, kein persönliches Verhältnis zu Gott entwickelt - in der Stille, im inneren Gespräch, also im Gebet -, dessen Transzendenzbezüge verdunsten. Karl Rahner hat das kurz nach dem letzten Konzil geradezu prophetisch gesagt: "Der Fromme von morgen" werde einer sein, der Gott "persönlich erfahren hat, oder er wird nicht mehr sein".

Hier nun hört die Empirie auf und stößt die Demoskopie an ihre Grenzen. Es mögen weniger sein, die in die Kirchen gehen, aber vielleicht brennt ihnen, wie es in der österlichen Passage mit den Jüngern von Emmaus heißt, "das Herz, als er mit ihnen redete", obwohl sie ihn nicht erkannten, gleichwohl aber suchten. Schließlich findet der Akt des Glaubens ja auch im Herzen, "der Entscheidungsmitte des Menschen", statt, gestützt freilich durch Verstand und, wie die Kirchen lehren, auch durch Gnade.

Es glauben weniger, aber die dafür tiefer. Das wäre das zweite Drittel der Wahrheit. Das läßt sich zumindest in manchen Ländern Europas sagen, von Amerika sowieso. In Frankreich, der Heimat Bernanos', ist der geistliche Aufschwung nicht mehr zu übersehen. Auch in Italien, Irland, den Niederlanden oder Spanien sind Schwund und gleichzeitige Vertiefung des Glaubens zu beobachten. Etwa im Aufschwung geistlicher Bewegungen oder der Teilnahme an den Weltjugendtreffen mit dem Papst.

Dennoch gilt die Bemerkung Heideggers, wonach das Christentum der Neuzeit seine kulturprägende Macht eingebüßt habe. Man mag achselzuckend darüber hinweggehen und das als Phänomen der Postmoderne einstufen. Aber hier beginnt das dritte Drittel. Die Religiosität oder ihr Fehlen ist auch eine Frage der Identität, des Selbstverständnisses einer Gemeinschaft. Thomas Mann sprach in diesem Sinn vom "instinktunsicher gewordenen Erdteil Europa" und Arnold Gehlen von der "gewaltlosen Lenkbarkeit" der Menschen, denen eben dieser Sinn für die eigene Identität abhanden gekommen ist. Wenn Europa noch einmal eine Rolle spielen will in der Welt, dann reicht es nicht, auf die Statistiken mit den großen Potentialen zu verweisen. Optionen sind noch keine Weltpolitik. Die Politiker sollten zuerst einmal fragen, was Europa ist und wohin es soll. Da wäre die Besinnung auf die eigene (christlich-jüdisch-hellenistische) Kultur schon ein Gewinn. Aber das ist mit Blick auf das politische Personal in Deutschland wohl der schwierigste Teil der Wahrheit.