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26.04.03 / Masuren: Deutsche Kulturarbeit

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. April 2003


Masuren: Deutsche Kulturarbeit
"Ostpreußens vergessener Süden" - Eine kritische Betrachtung des Buches "Masuren" durch W. Wagner

Über das bereits 2001 im renommierten Siedler-Verlag erschienene Buch zur Geschichte Masurens, das im Ostpreußenblatt bereits kurz besprochen wurde, sollte, da es in mehreren Auflagen gedruckt worden ist, weiter diskutiert werden, damit dies nicht das letzte Wort zu Masuren bleibt.

Die Feuilletons lobten das Buch. Fachliche Kritik tut also umsomehr not. Der Autor, Andreas Kossert, schreibt, als habe es die Geschichte Masurens gelöst aus den Griffen des deutschen und polnischen Nationalismus gegeben. Es scheint, als sei es nunmehr unserer jungen Generation vorbehalten, die Geschichte jenes Landes gerecht zu betrachten.

Zunächst einmal wäre es ein spannender Ansatz, die Geschichte der südlichen Kreise Ostpreußens aus der Sicht der über Jahrhunderte überwiegend polnischsprachigen Bevölkerung - deren Fürsprecher Kossert sein will - zu schreiben. Andreas Kosserts Buch weist einige Ideengänge und Kenntnisse auf, die zu vertiefen wären und die unser Bild über die Vielschichtigkeit der Geschichte Ostpreußens sicherlich erweitern könnten.

Doch dem Leser wird nicht die Schönheit und Höhe masurischer Kultur in diesem Buch dargestellt, geschweige denn wird er sie in diesem Buch vertieft finden. Kosserts Hauptanliegen ist nicht die Darstellung des gemeinsamen, über Jahrhunderte friedlichen Zusammenlebens, die gegenseitige Bereicherung der verschiedenen Kulturen. Die Überbetonung liegt eindeutig bei den Konflikten des 19. und 20. Jahrhunderts. Hauptthema ist die Germanisierung der polnischsprachigen Bevölkerung Masurens. Diese kann durchaus zum wissenschaftlichen Thema gemacht werden; doch Kosserts Buch will die gesamte Geschichte Masurens erfassen, es wird gelobt als die Geschichte Masurens, und da stellt sich die Frage, ob das Übergewicht dieses Themas allen Bevölkerungsgruppen gerecht wird, ob dies wirklich das Prägende der masurischen Geschichte war. Es stellt sich beim Lesen überhaupt immer wieder die Frage, ob es möglich ist, die südlichen Kreise aus der Historie ganz Ostpreußens herauszulösen, ohne zu Fehlurteilen zu kommen.

In weiten Teilen ist das Buch eine Beschreibung ostpreußischer Geschichte, gespickt mit Hinweisen auf die polnischsprachige Bevölkerung und durchzogen von einer negativen Grundhaltung. Wir allen wissen um Not, Leid, Krieg und Unterdrückung innerhalb der Geschichte der Menschheit, dies war auch in Masuren nicht anders. Daher kommt all den preußischen Reformen und den landwirtschaftlichen Modernisierungen eine so große Bedeutung zu, denn diese versuchten Not zu lindern. Kosserts Aufgabe wäre es gewesen, den Anteil der polnischen Bevölkerung daran aufzuzeigen. Dies fehlt! Statt dessen kommen Überschriften wie "Mit dem Eisenbahnstrang kommt die Germanisierung".

Kosserts negative Beurteilung beginnt mit dem Deutschen Orden und der Lage der Pruzzen, die fast immer eine untergeordnete Stellung einnahmen. (Kossert, Seite 26.) Dies ist falsch! In den ersten Jahrhunderten bis 1466 stellten die Pruzzen auch die Adelsschicht des Landes. Bedeutende pruzzische Familien wie "Lehndorffs", "Finck von Finckenstein" oder die "von der Trencks" sind Beispiele und Beweis genug, daß die Pruzzen bis in höchste Stellungen des Staates aufsteigen konnten - man vergleiche das mit Ureinwohnern anderer Kolonialreiche bis heute!

Auch hinsichtlich der folgenden Jahrhunderte überwiegt bei Kossert ein abwertender Schreibstil. Das Ringen um Reformen, das Suchen nach Lösungen um all die zu meisternden Schwierigkeiten im preußischen Staat sind Kossert kaum eine Würdigung wert - alles wird aus heutiger Sicht betrachtet, und nicht aus den damaligen Gegebenheiten heraus.

Kaiser Wilhelm II., der Erste Weltkrieg, die NS-Zeit und der Zweite Weltkrieg werden daher mit unerträglichen Klischees bedient. Kossert kommt kaum ein Vergleich zu den Verhältnissen der Deutschen in Westpreußen und ihrer Unterdrük-kung durch den polnischen Staat in den Sinn; diese Betrachtung fehlt besonders zum Verständnis der deutschen Politik in den 20er und 30er Jahren und zum Polenfeldzug von 1939. Deutsche Widerstände, zum Beispiel gegen die Ortsnamensumbenennung 1983, werden nicht genannt. Neuere Forschungen auch zur Vertreibung kennt der Autor nicht.

Kosserts Blick auf die Vertriebenenverbände, die heute die wichtigste Brücke zu den Vertreiberstaaten sind, ist unsensibel und einseitig.

Geht es Kossert wirklich um die polnischsprachigen Masuren als Bindeglied zwischen Deutschland und Polen? Wenn ja, warum müssen dann die kulturellen Leistungen der Deutschen abgewertet werden? Wird Kossert den polnischen Masuren überhaupt gerecht, vor allem denen, die ohne Germanisierungsdruck aus freier Entscheidung sich auch sprachlich zur deutschen Kultur bekannten? Vielleicht lassen sich diese Fragen nur im Vergleich mit anderen Provinzen und Ländern erklären - auch dies fehlt bei Kossert. Vielleicht lassen sich diese Fragen auch nur klären, wenn man die Höhe und Faszination deutscher Kulturarbeit im 19. Jahrhundert darstellt. Geschichte ist nicht nur negativ. Auch Beispiele für ein gutes Zusammenleben gäbe es genug: Für das 20. Jahrhundert mit all seinen Krisen wäre gerade der Wiederaufbau im und nach dem Ersten Weltkrieg für das Buch ein wirklich großartiges Thema gewesen, um jenes Zusammenleben in Masuren, um jenes Zusammengehören von Masuren zu Deutschland zu schildern. Die deutsche Architektenschaft hatte die Idee, aus Ostpreußen ein Gesamtkunstwerk zu machen; dies ist in Ansätzen und teilweise weit dar-über hinaus auch in Masuren gelungen - warum ist dieser positive Gedanke Kossert keine Darstellung wert? Statt dessen wird durch Zitate von Ernst Wiechert (S. 336) der Eindruck erweckt, die Masuren seien nach dem Ersten Weltkrieg vom deutschen Staat alleine gelassen worden. Kossert widerlegt dies einige Seiten später selbst, warum jedoch zunächst die negative Darstellung?

Wenn das Buch eine masurische Geschichte aller Bevölkerungsteile sein soll, so wird Kossert dem nicht gerecht. Die Anstrengungen und Leistungen einer deutschen, bürgerlichen Gutsbesitzerschicht im 19. Jahrhundert, die mit aller Kraft ein unterentwickeltes Land zu einem modernen Agrarland machte, sind für Kossert kein Thema. Wie wichtig diese Aufbauarbeit war, zeigen die Hungersnöte auch im 19. Jahrhundert. Kossert wird auch jenen Masuren nicht gerecht, die die deutsche der polnischen Sprache vorzogen. Nach und nach gingen auch ohne gewalttätige Germanisierung viele ehemals polnischsprachige Bevölkerungsteile im Deutschtum auf, auch sie haben ein Recht, nicht nur unter dem Gesichtspunkt ihrer "bedauernswerten Germanisierung" betrachtet zu werden; dies zwängt Geschichte, die sich immer durch viele Ursachen und Wege gestaltet, in eine einseitige Betrachtungsweise. Das Problem der Sprachaufgabe läßt sich nicht auf einige Jahrzehnte der Germanisierungspolitik reduzieren. Heute sind mehrere tausend Sprachen vom Verschwinden bedroht, auch einige in Europa. Masuren war nun einmal nicht die fortschrittlichste Gegend in Preußen, und wer aufsteigen wollte, wer nach Königsberg oder Berlin ging, der mußte deutsch sprechen. Sprachaufgabe ist bis heute leider auch eine Frage des gesellschaftlichen Fortkommens.

Aber auch den polnischsprachigen Masuren wird Kossert kaum gerecht, wenn er sie nur als Gegenpol oder Opfer des deutschen oder polnischen Staates sieht. Es war weitgehend eine genügsame und schlichte, arbeitsame Bevölkerungsschicht, aus der wenige herausragende Kulturleistungen hervorgingen - auch Kossert schildert sie so. Dies ist nicht abwertend gemeint, denn wir wissen in Zeiten von Umwelt- und Kulturzerstörung gerade dies einfache, nicht fortschrittsgläubige Leben der Masuren zu würdigen. Ein großer deutscher Dichter, Ernst Wiechert, ist gerade deshalb bis heute so lesenswert, weil er uns aufzeigt, wie reich Preußen ideell, wie reich Deutschland auch in diesen abgeschiedenen "kulturlosen" Dörfern Masurens war. Kosserts Arbeit vermag diesen Reichtum nicht zu zeigen.

Mit diesem Buch von Andreas Kossert ist die masurische Geschichte nicht geschrieben, es reiht sich nur erneut ein Buch in die Reihe verengter Geschichtsbetrachtung ein. Schade nur, daß dies von jemandem erfolgt, der ganz anderes vor hatte und der durch seine Auswertung auch polnischer Quellen ganz anderes hätte leisten können. Hätte er sich etwas von seiner Angst vor der positiven Beurteilung unserer deutschen Kultur freigemacht, und hätte er auch einmal Vergleiche gezogen, zum Beispiel zur Landeskultur des polnischen Masowiens, vielleicht wäre es dann ein ausgewogenes Buch geworden. Warten wir also ab, wer als nächstes ein Buch zur Geschichte Masurens schreiben wird.

Steinsort: Das Schloß liegt im Norden der großen masurischen Seenplatte, im Süden Ostpreußens. Der Ort und das Schloß waren seit dem 16. Jahrhundert im Besitz der Grafen von Lehndorff, die aus der Gegend von Königsberg stammten. Nach dem Krieg war es Sitz der Verwaltung einer landwirtschaflichen Genossenschaft. Foto: Lehndorff

Andreas Kossert: "Masuren. Ostpreußens vergessener Süden." Siedler-Verlag 2001, Berlin, gebunden, 433 Seiten, 28 Euro. Erhältlich über den Preußischen Mediendienst (PMD).