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26.04.03 / Für Fernost eine "Pax Sinica" / In Asien lehnen die meisten Staaten das Vorgehen der USA im Irak ab

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. April 2003


Für Fernost eine "Pax Sinica"
In Asien lehnen die meisten Staaten das Vorgehen der USA im Irak ab
von Albrecht Rothacher

Zwischen Indien und Japan ist in allen Umfragen die öffentliche Ablehnung der anglo-amerikanischen Invasion im Irak groß. Eine Massendemonstration in Jakarta allein hatte 200.000 Teilnehmer. Die offiziellen Parteinahmen spiegeln die Empörung der Bevölkerung jedoch nur begrenzt. Aus Gründen des "nationalen Interesses" haben sich viele Regierungen, darunter Japan, Korea, Taiwan, die Philippinen und Singapur, deren Verteidigung vom US-Militärschutz abhängt, zumindest verbal in die US-Unterstützerkoalition eingereiht, nachdem Washington Loyalität angemahnt hatte.

Am lautesten ist die Ablehnung des Kriegs in Indonesien und in Malaysien, dessen Regierungschef Mohammad Mahathir den USA Staatsterrorismus und eine größere Kriegslust als dem Dritten Reich vorwarf. Als unerschrockener Hauptkritiker des US-Angriffskriegs hat Mahathir in Washington als "asiatischer Chirac" nachhaltige Verstimmungen ausgelöst, die ihm jedoch in der Region und im eigenen Land gegen die islamistische Opposition nur nützen.

Mohammad Mahatir, dessen Haltung im Parlament von Kuala Lumpur nicht nur von seinen Malayen, sondern auch von den Vertretern der Inder und Chinesen einstimmig gebilligt wurde, warf den USA die Zerstörung des internationalen Rechtssystems der friedlichen Konfliktlösung vor.

Die Mordkommandos, die der CIA auf die irakische Staatsführung angesetzt habe, entsprächen klassischem Staatsterrorismus. Jede in Washington mißliebig gewordenene Regierung müsse nun fürchten, zum nächsten Opfer der amerikanischen Politik zu werden. In der Tat: der Iran, Pakistan, China und Nordkorea haben alle gute Aussichten. Besonders nervte in Washington, daß Mahatir, der auch als Chef der Blockfreien amtiert, die Opfer des World Trade Center und der Bomben von Bali mit den "Kollateralschäden", den Ziviltoten der US- Bomben auf Afghanistan und den Irak, gleichsetzte.

Islamische Gruppen in Südostasien haben zum Boykott von Hollywoodfilmen, von US-Schnellimbißketten und US-Markenartikeln wie Nike, Coca-Cola, Mars und Disney, aufgerufen, um die Amerikaner dort zu treffen, wo es ihnen wirklich wehtut: am Geldbeutel. Ob diese Strategie im markenverliebten Asien wirkt, bleibt abzuwarten. Auch öffentliche Demonstrationen, selbst in den sonst zum Krawall neigenden Ländern wie Indonesien, den Phi-lippinen und Korea, blieben bislang sämtlich friedlich. Nach dem Austrocknen diverser terroristisch-islamistischer Sümpfe nach den Bomben von Bali blieben auch die vielfach befürchteten Terroranschläge bislang aus. Die asiatischen Medien berichten weitgehend ausgewogen, ohne der allzu offenkundigen Kriegspropaganda von CNN, Fox-TV und der Murdoch-Presse aufzusitzen. Zu offensichtlich blieben der Blitzkrieg, der Jubel der Iraker für ihre Befreier, der Aufstand von Basra und die Massenvernichtungswaffen der Iraker aus. Schon rufen Zeitungen das Schicksal der ersten Irakexpedition der Briten, die im April 1916 im Kessel von Kut kapitulieren mußten, in Erinnerung. Schon damals hatte der englische Kommandeur, Generalmajor Sir Townshend, den von Freiherr von der Goltz-Pascha befehligten türkischen Feind unterschätzt. 38.500 Mann mußten auf britischer Seite damals seinen Leichtsinn mit dem Leben bezahlen. Als Folge eines langen und möglicherweise sich ausweitenden Kriegs macht sich Asien auf die wahrscheinlichen Wirtschaftsschäden gefaßt: den Zusammenbruch des Ferntourismus, etlicher Fluglinien und Hotelketten, so als sei die in China ausgebrochene Lungenseuche "SARS" nicht Hiobsbotschaft genug, den Wegfall der mittelöstlichen Exportmärkte, die explodierenden Ölpreise und das Abwürgen des zarten Weltkonjunkturpflänzchens.

Die Stimmen der Kriegsbefürworter werden daher schwächer. Von Japan bis Singapur beeilt man sich darzustellen, diese Parteinahme entspreche nur den nationalen Sicherheitsinteressen, die eine Verstimmung des zunehmend unbe- rechenbaren und unheimlichen "Partners" in Washington nicht zuließen. Taiwan, Korea und Singapur brauchen den US-Schutz gegen eine mögliche Invasion, Japan die Verteidigungsgarantien der USA gegen chinesische und nordkoreanische Atomwaffen.

Dabei ist man in Tokio und in Seoul in größter Sorge vor einem amerikanischen Präventivschlag auf Nordkorea, dessen während Jahrzehnten hochgerüstetes Millionenheer große Teile Nordostasiens, einschließlich Seouls, auch nach einem US-Schlag noch in Schutt und Asche legen könnte. Nordkoreas stalinistischer Diktator, der "liebe Führer-Genosse" Kim Song-il, ist aus Angst vor einem US-Angriff schon seit 50 Tagen abgetaucht und in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen worden. Weil die USA direkte Verhandlungen mit Nordkorea nach wie vor blockieren, sucht Seoul, dessen politische Führung von den USA gründlich entfremdet ist, nunmehr diskret ein Bündnis mit früheren Rivalen in der Region wie Japan, China und Rußland zu bewerkstelligen. Auch auf den Philippinen sind der Krieg und das Militärbündnis mit den USA unpopulär. Doch Präsidentin Gloria Arroyo benötigt die Unterstützung der USA, um angesichts der Inkompetenz des eigenen Militärs die wieder aufgeflammten kommunistischen und muslimischen Aufstände in der Provinz unter Kontrolle zu bringen. Auch Australiens konservativer Premier Howard braucht den aktiven Segen der USA für eine regionale Sheriff-Rolle Australiens, die nötig wird, sollte, wie wahrscheinlich, das benachbarte indonesische Inselreich weiter in Anarchie und Stammeskonflikten versinken. Das kommunistische China spielt klar auf Zeit. Es ist, ebenso wie die Regionalmacht Indien, deutlich gegen den Krieg der USA, tut aber alles, um nicht zur Unzeit ins Fadenkreuz der Bushiten zu kommen, die in China einen Machtri- valen in Asien sehen. Peking versucht deshalb, Washington nicht unnötig zu reizen, solange die stark wachsenden eigenen Kräfte für die Bezwingung Taiwans und eine regionale He- gemonialrolle noch nicht ausreichen.

Es verbessert diskret seine Beziehungen mit Frankreich, Deutschland und Rußland und versucht die antiamerikanischen Vorbehalte der Asiaten für eine vermehrte regionale Wirtschafts- und Sicherheitszusammenarbeit zu nutzen. Gleichzeitig hat es seine Armee in Alarm- bereitschaft versetzt, um Unruhestiftern im Innern, d. h. hauptsächlich den zum Separatismus neigenden islamischen Uiguren in der strategischen Provinz Xinkiang, den Garaus zu machen.

Eine fernöstliche "Pax Sinica" läßt grüßen. Geburtshelfer ist hier ein einfältiger Wiedertäufer aus Texas, dessen Lieblingsspielzeug die Kettensäge ist.

Asien: Wie hier in Malaysia demonstrierten im ganzen Fernen Osten Menschen gegen das Vorgehen der US-Amerikaner im Irak. Friedensliebe ist ein Beweggrund dafür. Der andere ist sicher die Angst vor weltweiter Hegemonie der Amerikaner im Sinne der "Pax Americana". Foto: dpa