19.01.2022

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26.04.03 / Auf zwei Rädern quer durchs Land / Mit dem Rad auf der alten Reichsstraße 1 von Deutschlands Westgrenze nach Königsberg

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 26. April 2003


Auf zwei Rädern quer durchs Land
Mit dem Rad auf der alten Reichsstraße 1 von Deutschlands Westgrenze nach Königsberg

Die fast vergessene alte Reichsstraße 1 beginnt am deutsch-niederländischen Grenzübergang bei Aachen, führt durch das Brandenburger Tor in Berlin und endet am früheren Königsberger Schloß. 1.338 harte Kilometer liegen zwischen Start und Ziel. Eine Einreise in die Russische Föderation ist nur über eine Einladung und die dazugehörige unleserliche amtliche Milizbescheinigung möglich, und erst dann kann man das Visum auf verworrenen Botschaftswegen beantragen. Daß man das Verkehrsmittel, das "Rennrad", vorher angibt, besagt noch nicht, daß man damit über die Grenze kommt, und ruhige Nerven sind bis zu diesem Grenzzaun wichtig.

Die Jugendherbergen Soest nach 219 Kilometern, Braunschweig nach 224 Kilometern, Berlin-Wannsee nach 243 Kilometern, ein polnisches Hotel in Deutsch Krone nach 282 Kilometern mitten in der Nacht, Dirschau nach 202 Kilometern und schließlich Königsberg nach 168 Kilometern sind die wenigen Etappenorte, und es ist fast keine Minute zu viel eingeplant. Trotzdem, Spaß muß sein, der Schloßpark von Sanssouci mit seinen deutschen kaiserlichen Bauten, ein Höhepunkt, schließlich ein Besuch auf dem Zehlendorfer Friedhof (Willy Brandt, Ernst Reuter, Hildegard Knef) und ein Blick in der Stubenrauchstraße auf Marlene Dietrichs letzte Ruhestätte.

"Berlin is eene dicke Wolke und ik mitten drin." Der Spruch ist Wahrheit, und man stellt es auf dem Rennrad fest. Trotz zermürbenden Verkehrs wird die Spur auf der alten Reichsstraße gehalten. Der alte Reichstag, das neue Kanzleramt, unser lange Zeit versperrtes Brandenburger Tor, und schließlich geht es durch die alte Stalinallee in Richtung Polen. Nun wird es einsam, auch für den Magen, denn Verpflegungsstellen und Schlafstätten liegen hier für den Langstreckenfahrer zu weit auseinander. Man lebt vom Eingemachten, und das macht ab jetzt den Pfiff dieser Tour aus. Die schmalen Reifen drücken sich in den weichen Asphalt, man klebt, jedoch ein Regen in ölgetränkten Pfützen wäre auch nicht besser. Essen, Schlafen, Fahren, trotzdem ist es herrlich zwischen diesen alten dicken Bäumen, welche vor über 50 Jahren manchen Flüchtlingsstrom gesehen haben.

Für jeden Ort gibt es einen deutschen und polnischen Namen, der eine auf dem Schild, der andere in Gedanken. Wo ist die Zeit geblieben? Marienburg, die größte deutsche Ordensburg auf europäischem Boden aus dem Jahre 1274, unweit von Danzig. Das Kopfsteinpflaster der Straßen zerrüttet den Rahmen und kratzt an den Nerven. Elbing, in der Vergangenheit zweitgrößter Seehafen Ostpreußens, oder Frauenburg - hier an Frischem Haff und der Nehrung hatte der Astronom Nikolaus Kopernikus als Domherr sein längstes Domizil, hier seine Kathedrale, einer der bedeutendsten Bauten der Backsteingotik.

Die Natur rückt nun an die zweite Stelle, denn es sind nur noch gut 100 Kilometer bis zur innerostpreußischen Grenze bei Braunsberg. Die Grenze bleibt verschlossen, "Njet, ein Fahrrad ist kein Verkehrsmittel", so der Kommentar der Soldaten. Jetzt ist nur noch eine Stunde Zeit am sehr frühen Morgen für den geplanten Rettungsanker auf der alten unkrautüberwucherten preußischen Normalspurschiene von Braunsberg nach Heiligenbeil. Sollte alles scheitern, und ist alle Mühe umsonst? Nur einmal in 24 Stunden, genau 10 Uhr, ist es möglich. Mit Euro, Händen, Füßen und unter Mißachtung normaler Höflichkeit gegen Beamte und Soldaten gelingt schließlich die halbstündige Bahnfahrt im Schrittempo, unter der ständigen Beobachtung der russischen Soldaten, zwischen elektrischen Drähten und Zäunen in den Herrschaftsbereich des russischen Bären.

"Das Dornröschenland", willkommen in der Vergangenheit, in einer Welt zwischen gestern und heute, zwischen Erinnerung und Gegenwart, mit für den Laien unleserlichen kyrillischen Buchstaben. Die letzten 70 Kilometer schwanken zwischen Kampf mit den russischen Straßen und der Suche nach dem alten Preußen. Das Theaterstück heißt alte Heimat und wird ausschließlich von Russen inszeniert. So war Deutschland vor mehr als 50 Jahren.

Doch das Erschrecken ist nah. Das alte Königsberg ist verschwunden. Wer in der Pregelmetropole das alte Königsberg sucht, landet in einer Ebene aus Beton, nur weniges ist erhalten. Der mit deutscher Hilfe zum Teil fast fertigrenovierte Königsberger Dom ist das Ziel, und die Treppe ein stilles Siegerpodest für die Fahrt mit dem treuen Gefährt auf der Reichsstraße 1 und damit Lohn genug.

Am Samstag in aller Frühe eine schnelle Stippvisite ins 40 Kilometer entfernte Rauschen, das alte deutsche Ostseebad an der Bernsteinküste mit seinen alten Villen, Wäldern und Storchennestern. Zurück in Königsberg, bis zur Abreise sind es noch gut 24 Stunden. Die Schuhe qualmen, da muß man durch, nur nicht ermatten, denn schlafen kann man später. Das Bernsteinmuseum, die alte Börse, General Laschs Verteidigungsbunker, alles wird dankbar mit Freuden, aber auch mit gemischten Gefühlen besichtigt.

Schließlich am Sonntag die Abreise und das Ende dieses denkwürdigen Abenteuers. Alle 24 Stunden fährt seit 1993, mit fünfmaligem Umsteigen, wieder ein Zug in Richtung Westen. Das Rad wird im Bahnhof demontiert und findet seinen Platz in der mitgenommenen Tasche, zwischen Bernstein, einem Sowjetstern, einer russischen Fahne, Butterbroten und gutem russischen Büchsenbier. Heim geht es, und der Zug verläßt auf dem alten Gleis der europäischen Normalspur den riesigen, alten, menschenleeren Königsberger Bahnhof. Nach sechs Tagen Radfahrt und 23 Stunden Bahnfahrt ist die Tour von der Rur zum Haff und zurück nun zu Ende. Eckhard Siegert