11.08.2022

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24.05.03 / Als die rote Flagge brannte / Reaktionen westlicher Zeitungen und deutscher Politiker auf den 17. Juni 1953

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Mai 2003


Als die rote Flagge brannte
Reaktionen westlicher Zeitungen und deutscher Politiker auf den 17. Juni 1953
von Rebecca Bellano

Wir gehören als freies, stolzes Volk zur freien Welt, wir bekennen uns zur freien Welt und werden nicht ruhen und nicht rasten, bis wir unser Ziel erreicht haben, zu dieser freien Welt aus eigenem Entschluß, aus eigener Kraft, aus eigenem Willen zu gehören. Der 17. Juni 1953 ist, das ist unsere gemeinsame Überzeugung, das größte Ereignis der Geschichte, das wir seit langem erlebt haben." Mit diesen hoffnungsfrohen Worten gedachte der damalige Regierende Bürgermeister von West-Berlin, Ernst Reuter, wenige Wochen nach dem Aufstand den Opfern und ihren Idealen.

"Niemand kann sagen, ob es uns heute oder morgen oder übermorgen zum Ziele führen wird, aber das wissen wir: Dieser elementar-wuchtige Aufstand unseres Volkes, dieser Marsch der deutschen Arbeiter, diese revolutionierende, entflammende Wirkung der deutschen Jugend unter dem totalitären System, dies alles hat die Welt aufgerüttelt, und die Bahn ist frei gemacht für eine bessere Zukunft. ... Wir Deutsche verlangen nichts anderes als jedes andere Volk dieser Erde, unser Recht, unsere Freiheit, unsere Einheit. Wir haben sie in unserem Herzen geschaffen, aus unserem Willen heraus wird diese Flamme überspringen auf die ganze Welt, und der 17. Juni wird in die Geschichte unseres Landes eingehen als der große Tag der nationalen Erhebung unseres Landes, der Erhebung, in der wir alle uns die Hände gereicht haben, um das Ziel zu finden, das nicht nur uns, sondern auch der ganzen Welt den Frieden geben kann. Denn ohne deutsche Einheit und ohne deutsche Freiheit kein Friede in der Welt!" Die Forderungen und die Zuversicht, die in den Worten Ernst Reuters liegen, sind mit einer solchen Leidenschaft vorgetragen, daß sie auch heute noch berühren.

Das Ostpreußenblatt kommentierte das Geschehen zum 17. Juni 1953 ähnlich glühend. Der damalige Chefredakteur Martin Kakies ging in der Ausgabe vom 25. Juni 1953 auf die in der sowjetisch besetzten Zone herrschende Tyrannei ein, in der die mitteldeutschen Landsleute wie Sklaven für den Staat schuften mußten. Eine Besserung ihrer Lage schien nicht absehbar.

"Aber dann kam dieser Tag, da trieb die leibliche Not ein paar Bauarbeiter auf die Straße, Hunderte schlossen sich an, und dann waren es Tausende und Zehntausende. Sie kamen manchmal von weit her, aus den Vororten, in zerlumpten Kleidern und mit ausgemergelten, zersorgten Gesichtern, manche waren barfuß und sie waren viele Stunden im Regen marschiert. Lebende Zeugen der Segnungen, die der Bolschewismus dem deutschen Arbeiter gebracht hat, zogen sie gen Westberlin, als könne ihnen von dort Hilfe kommen. Sie hatten keinen Plan, und sie waren ohne Führung. Auf ihrem Weg verbrannten sie die Bilder der Götzen, von denen sie geknechtet wurden und die sie noch anbeten sollten. Sie zertraten die Zeichen des Terrors und warfen mit Steinen nach Panzern und riefen: ,Wir wollen keine Sklaven sein!' Sie haben Frauen und Kinder, und sie hängen an ihrem Leben genau so wie der satteste Bürger, aber sie achteten nicht der Gefahr für Leib und Leben. Auch die schwerste Not und die grausamste Unterdrückung hatten ihren Mut nicht lähmen können. ..."

Den heutigen Leser mag die bildhafte Sprache ziemlich verwundern, doch sie zeugt auch davon, was die Menschen damals empfunden haben: Selbst die brutale Zerschlagung des Arbeiteraufstandes konnte den Glauben an eine Änderung der als unhaltbar empfundenen Teilung Deutschlands nicht trüben.

"Es mag nun scheinen, als habe diese Erhebung der deutschen Arbeiter mit einer Niederlage geendet. In Wahrheit ist sie ein Sieg. Zum ersten Mal hat sich in einem von den Sowjets beherrschten Land die geknechtete Bevölkerung in einem Aufstand von gewaltigen Ausmaßen gegen ihre Peiniger erhoben, zum erstenmal stürmte sie die Gefängnisse und befreite die Opfer, zum erstenmal hat sie die Propaganda von dem zufriedenen Glück der Werktätigen sichtbar als Lüge entlarvt, zum erstenmal hat sie unter einer totalen Diktatur den unzerstörbaren Glauben an die Freiheit in der Welt hinausgerufen, zum erstenmal auch zwangen sie Moskau, vielen Zehntausenden der eigenen Soldaten das Schauspiel eines Arbeiteraufstandes zu bieten. Dieser Marsch der deutschen Arbeiter aus der Stalinallee kann für Moskau genau so das Ende seines Vordringens nach Westen und den Zwang zur Umkehr bedeuten, wie im letzten Krieg es Stalingrad war für das deutsche Herr auf dem Weg nach Osten. Die Erhebung ist nicht mehr auszulöschen und ihre Wirkung wird gewaltig sein." Martin Kakies sah den 17. Juni 1953 auch als ein Zeichen für die Heimat der Vertriebenen, denn für ihn war Ost-Berlin nur ein Anfang. Wenn die DDR fiele, wäre es auch in die Heimat nicht mehr weit.

Daß die DDR noch lange nicht fallen würde, wollte damals keiner auch nur ansatzweise annehmen. Nicht nur Westdeutschland besang euphorisch den Aufstand der DDR-Arbeiter. Der gesamte Westen stimmte zuversichtlich in das Loblied auf die Tatkraft der mitteldeutschen Arbeiter ein.

"Als in der Stalinallee in Berlin zum erstenmal in der Sowjetzone sich Tausende von Bauarbeitern zu einer machtvollen Demonstration zusammenfanden, geschah etwas geschichtlich außerordentlich Bedeutsames", war im Amsterdamer Telegraaf zu lesen. "Der spontane Ausbruch der wahren Volksstimme kann von der anderen Seite nach dem, was inzwischen passierte, auch mit stärkster Gegenpropaganda nicht mehr übertönt werden. Hier hat ein Volk gesprochen und seine wahre Meinung gezeigt." Aber schon am Ende des Artikels relativierte der Amsterdamer Telegraaf seine positive Grundhaltung. "Doch heute hat ein unbewaffnetes Volk keine Chance, noch einmal eine verhaßte Bastille wie in Frankreich 1789 zu stürmen. Gegen Panzer und modernste Waffen ist hier nicht anzukommen."

Die Neue Zürcher Zeitung betrachtete die gesamten Geschehnisse durchaus nüchterner, schließt aber auch auf eine positive Entwick-lung in Mitteldeutschland. "Bei den Demonstrationen handelt es sich durchweg um disziplinierte Aktionen. Die Menschen sind nicht gekommen, um zu randalieren, sie handeln aus der inneren Not der Unterdrückten heraus. Die Bevölkerung will das ihr aufgezwungene Joch nicht länger tragen, sondern verlangt Freiheit und ein menschenwürdiges Dasein. ... Die Arbeiterschaft Berlins hat der Welt die Brüchigkeit der kommunistischen Zwangsherrschaft deutlich gemacht."

"Vom Standpunkt der Sowjets kommt die Berliner Revolte in einem äußerst peinlichen Moment. Zu einer Zeit, in der sie ihren Einfluß in ihrer Zone im Hintergrund halten und erneut die Forderung auf Zurückziehung aller Besatzungstruppen aus Deutschland ermutigen, sind sie gezwungen, vor den Augen der Welt ihre Truppen einzusetzen, um öffentliche Bekundungen des deutschen Wunsches nach Einheit und Freiheit zu unter- drücken. Wenn es in naher Zukunft zu einer Viermächtekonferenz kommen sollte, würden die Sowjets aus einer Position der Schwäche heraus verhandeln." Die Londoner Times beurteilte interessanterweise den 17. Juni aus Sicht der Sowjetunion. Sie beleuchtet nicht nur einseitig den Freiheitskampf der Mitteldeutschen, sondern weist auch darauf hin, wie die bloßgestellte Sowjet-union reagieren könnte. "Es gibt nur zwei Wege, auf denen die sowjetischen und die mitteldeutschen Behörden die neue Situation bewältigen können. Der eine besteht in viel drastischeren Konzessionen als bisher an die Bevölkerung, der andere in Gewaltmaßnahmen. Wahrscheinlich wird der zweite Kurs eingeschlagen. Er könnte von der Opferung der führenden Mitglieder der gegenwärtigen Ostzonenregierung begleitet sein."

Aber schon die New Yorker Herold Tribune ist wieder weniger pessimistisch. Sie triumphiert enthusiastisch über den unvermuteten Gegenschlag, den die Sowjetunion hinnehmen mußte, und nur unter Anwendung von Gewalt niederschlagen konnte. "Es läßt sich nicht mehr wegdiskutieren, daß zum erstenmal im weiten, von Schweigen erfüllten Bereich des sowjetischen Imperiums durch einen spontanen Aufstand die roten Flaggen zerrissen, die Bilder Stalins verbrannt worden sind. Damit ist endlich ein Schwertstreich für die Freiheit getan worden. Die Sowjets sehen sich ihrer ersten wirklichen Massenrebellion gegenüber. Die Erben Lenins und Stalins müssen jetzt mit der gleichen Empörung, Ablehnung und sozialen Unzufriedenheit kämpfen, die sie einst so geschickt ausnutzten, um das zaristische Rußland an sich zu reißen. Die sowjetische Politik wird sich nach diesen Ereignissen ändern müssen, wir wissen nicht, ob zum Guten oder Bösen, doch der Ostberliner Aufstand hat mit einem Schlag der nach Stalins Tod betriebenen Propaganda die halbe Wirkung genommen. Es ist kaum übertrieben, wenn man sagt, daß auf den Straßen Ostberlins eine neue Epoche der Weltgeschichte angebrochen ist."

Daß dem nicht so war, mußte die westliche Welt voller Ernüchterung hinnehmen. Die Sowjetunion hatte es geschafft, die Menschen in ihrem Machtbereich so weit einzuschüchtern, daß es bis zum Ungarnaufstand 1956 keiner mehr wagte, für seine Freiheit einzustehen. Doch diese noch viel blutigere Niederschlagung ließ jede Hoffnung auf eine baldige Wiedervereinigung ersterben. Nur in Westdeutschland klammerte man sich zumindest in öffentlichen Bekundungen noch an die Möglichkeit, wieder die Einheit zu erlangen.

Am 17. Juni 1962 äußerte sich Konrad Adenauer vor über 100.000 West-Berlinern vor dem Schöneberger Rathaus verständnislos: "Mit Entsetzen fragt man sich, warum das alles geschehen muß. Warum man gerade in unserer Zeit, in der Millionen und aber Millionen bis dahin kolonialer Völker ihre Freiheit bekommen haben, in der sich auch Sowjetrußland zum Selbstbestimmungsrecht der Völker bekannt hat, etwas Derartiges geschehen kann und warum es von der Welt geduldet wird. Ich meine, die ganze Welt müßte sich mit Empörung und Abscheu gegen derartige Methoden wenden, wie sie von deutschen Kommunisten in der Sowjetzone, gestützt durch die Macht der Sowjetunion, angewandt werden. Vergeblich fragt man sich, was das Ganze denn für einen Sinn und einen Zweck haben soll. Ob denn wirklich Sowjetrußland, das hinter den kommunistischen Machthabern der Sowjetzone steht, glaubt, mit solchen Methoden etwas zu erreichen für den Frieden in der Welt, den ja auch die Sowjetunion zu ihrer Entwicklung dringend braucht. ... Das deutsche Volk bekennt sich an diesem Tage zur Freiheit und zur Einheit, und das ist wahrhaftig das vornehmste Ziel, das sich ein Volk setzen kann. ..., denn stärker als brutale Gewalt ist immer der Geist. Dem Geist gehört die Zukunft, nicht der brutalen Gewalt."

Im Rückblick scheint es fast, als ob die Opfer des 17. Juni 1953 umsonst gewesen wären. Die deutsche Einheit ließ noch Jahrzehnte auf sich warten, und die mitteldeutsche Regierung überwachte nach diesem Aufstand ihre Untertanen noch gnadenloser, um jegliche Opposition schon im Keim zu ersticken. Doch diese Annahme ist zu einseitig. "Dem Geist gehört die Zukunft, nicht der brutalen Gewalt", sagte Adenauer. Genau dieser Geist, der die Menschen seit dem 17. Juni 1953 durchflutete, hielt die Hoffnung auf eine Wende wach. Die gesamte westliche Welt konnte für einen Augenblick wieder vertrauensvoll in die Zukunft blicken.

"Diese Reaktionen geben bis heute einen Eindruck davon, mit welcher Wucht damals das Geschehen am 17. Juni Deutschland bewegt und erschüttert hat", erklärte Johannes Rau am 2. Mai diesen Jahres anläßlich eines Geschichtewettbewerbs zum Arbeiteraufstand 1953. "Binnen Stunden stürzten Millionen Menschen wie vom Himmel in die Hölle: erst die ungläubige, aber desto freudigere Hoffnung, das Ende der Teilung Deutschlands sei zum Greifen nah - dann der Stoß hinab in schwärzeste Enttäuschung und Niedergeschlagenheit. ...

Fast überall in der DDR versammelten sich damals spontan ungezählte Bürger, allen voran die Bauleute und die Industriearbeiter:

- Sie protestierten zuallererst gegen die weitere Erhöhung der ohnehin schon drückenden Produktionsnormen und Arbeitslasten,

- Sie forderten bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen

- und sie forderten freie Wahlen, den Rücktritt des SED-Regimes und das Ende der Teilung Deutschlands. In diesem Sinne war der 17. Juni gewiß ein Tag der deutschen Einheit und ein bis dahin beispielloses Bekenntnis zu Freiheit und Demokratie.

Er markierte aber auch einen Zeitpunkt, von dem an die Deutschen in Ost und West sich auseinander zu leben begannen. Die Unterdrückung des Aufstandes zeigte aller Welt, daß die Sowjet-union die DDR nicht freigeben wollte und der Westen das nolens volens hinnahm. Für die Menschen in Ostdeutschland blieb nur die Alternative, entweder aus der DDR zu fliehen - und das taten auch weiterhin Jahr für Jahr Hunderttausende - oder sich in ihr einzurichten und sie vielleicht allmählich zum Besseren zu verändern. Den Westdeutschen blieb, Briefe und Pakete ,nach drüben' zu schicken und dort Besuche zu machen, aber immer öfter ging ihr Blick nur noch nach Westen und gingen ihre Reisen in alle Welt, nur nicht nach Ostdeutschland. ...

Heute liegt die Not der Teilung hinter uns, und der neue Tag der deutschen Einheit, der 3. Oktober, ist ein Tag heller Freude und tiefer Dankbarkeit dafür, daß die Deutschen die Einheit in Freiheit friedlich und mit weltweiter Zustimmung wiedererlangt haben. Das nimmt aber dem 17. Juni nichts von seiner Bedeutung." 

Zu allem bereit: Voller Entsetzen mußten die demonstrierenden Arbeiter feststellen, daß die sowjetische Besatzungsmacht nicht davor zurückschreckte, Panzer gegen sie einzusetzen. Foto: keystone

Brennende rote Flagge: Die Aufständischen verbrannten Symbole der Sowjetherrschaft. Foto: keystone