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24.05.03 / Vor 60 Jahren: Kriegswende auf See / Der Abbruch der Atlantikschlacht bewirkte mit dem Verlust Afrikas die Wende im Zweiten Weltkrieg

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 24. Mai 2003


Vor 60 Jahren: Kriegswende auf See
Der Abbruch der Atlantikschlacht bewirkte mit dem Verlust Afrikas die Wende im Zweiten Weltkrieg
von Heinz Magenheimer

Mit der Einschließung der deutschen 6. Armee am 22./23. November 1942 nahm die Tragödie am Südflügel der Ostfront ihren Anfang, die schließlich mit der Kapitulation der letzten Teile am 2. Februar 1943 endete. Daß diese Niederlage nicht in eine strategische Katastrophe ersten Ranges mündete, lag an verschiedenen Ursachen: das Ausharren der Soldaten im Kessel von Stalingrad - so grausam sich der Endkampf auch gestaltete - band sieben sowjetische Armeen Wochen hindurch, die ansonsten an anderen Stellen zum Einsatz gekommen wären; der gelungene Rückzug der Heeresgruppe A bewahrte diese davor, südlich des unteren Don von der Hauptfront abgeschnitten zu werden; das geschickte Operieren Mansteins mit den wenigen intakten Verbänden erlaubte einen Gegenangriff, der zur Festigung des Südflügels der Ostfront führte; schließlich beging die sowjetische Führung schwere operative Fehler. Dennoch blieb der sowjetische Sieg bei Stalingrad das Symbol für die unumkehrbare Kriegswende schlechthin. Doch bei aller Anerkennung des Umschwungs an der Ostfront reicht der Sieg bei Stalingrad nicht aus, um eine endgültige Kriegswende zu begründen.

Noch stand keineswegs fest, ob die Gesamtfront nicht doch so weit stabilisiert werden konnte, daß sie künftigen schweren Angriffen standhielt. Immerhin brachte die schon am 13. Januar befohlene Ausschöpfung von Personalreserven (Freimachen von Beschäftigten, Heranziehen von Frauen und Zwangsarbeitern für die Rüstung) das Ostheer auf seine bisherige Höchststärke von 3,14 Millionen Mann. Die Gesamtwehrmacht samt Waffen-SS stieg personell im Frühsommer auf 9,5 Millionen Mann und bis Anfang September sogar auf 9,82 Millionen Mann. Die Operationen Mansteins zerstörten die sowjetischen Hoffnungen auf einen überragenden Sieg. Die Räumung bedrohter Abschnitte im Norden und in der Mitte der Ostfront erbrachte eine Einsparung von 30 Divisionen. Dazu kam die laufende Zuführung von gepanzerten Gefechtsfahrzeugen, so daß die Ostfront Anfang Juli 1943 wieder über 3.700 Panzer und Sturmgeschütze verfügte, mehr als am 22. Juni 1941. Politisch gesehen hatte die Auffindung von über 4.000 Leichen von polnischen Offizieren bei Katyn im April 1943 zu einem schweren Zerwürfnis zwischen Stalin und den Westalliierten geführt, das die Unlust des sowjetischen Diktators schürte, die Hauptlast des Kampfes gegen die Achsenmächte zu tragen.

Im ersten Halbjahr 1943 traten jedoch Ereignisse ein, die erst zur Kriegswende entscheidend beitrugen. Zunächst ging es um das Schicksal der deutsch-italienischen Panzerarmee unter Generalfeldmarschall Rommel, die sich im November 1942 auf dem Rückzug nach Libyen befand. Die Rettung oder der Verlust dieser wertvollen Kräfte würde weitreichende Folgen für die Verteidigung Siziliens und Italiens, aber auch für den Fortbestand des "Achsen"-Bündnisses haben. Die Landung von acht alliierten Divisionen unter General Eisenhower in Algerien und Marokko am 7./8. November enthielt die Drohung, der Armee Rommels in den Rücken zu fallen und Nordafrika zum Sprungbrett für Angriffe gegen Süd- und Südosteuropa zu machen. Damit wäre in absehbarer Zeit eine neue, kräftezehrende Front entstanden. Sollte man nun eine Überführung von Rommels Armee nach Italien betreiben oder würde es gelingen, einen Brückenkopf in Tunesien zu behaupten?

Doch nun machte sich die heillose Überspannung der Wehrmacht bemerkbar. Da auf dem Südflügel der Ostfront jedes Transportflugzeug für die Versorgung der 6. Armee benötigt wurde, mußte die Luftflotte 2 fünf Transportgruppen nach Südrußland abgeben, aber gleichzeitig die im Entstehen begriffene 5. Panzerarmee in Tunesien unterstützen. Die Versorgung über See drohte nämlich zusammenzubrechen. Kaum hatte man die Front gegen die Alliierten in Tunesien Ende Januar einigermaßen gefestigt, gaben sich Kesselring, der Oberbefehlshaber Süd und zunächst auch Rommel der Hoffnung hin, durch Angriffe die Front der Alliierten in Richtung Bône und Constantine von Südosten her aufzurollen. Auch Mussolini und Hitler hegten den Gedanken einer wuchtigen Offensive. Doch diese Lagebeurteilung ging weit an der Realität vorbei. Nach dem mißglückten Angriff Rommels an der Mareth-Front am 6. März drängte sich die schleunige Evakuierung der gesamten "Heeresgruppe Afrika" geradezu auf. Rommel trat in Rom am 9. März für eine solche Lösung ein, wurde jedoch abberufen. Die deutsch-italienischen Verbände erlagen am 13. Mai der alliierten Übermacht, wobei 130.000 Deutsche und 120.000 Italiener in Gefangenschaft gerieten. Auch die Luftwaffe hatte einen entsetzlichen Aderlaß erlitten: in der Zeit vom 1. November 1942 bis zum 1. Mai 1943 gingen über 2.400 Flugzeuge verloren. Diese Niederlage stand geostrategisch dem Zusammenbruch an Don und Wolga keineswegs nach. Sie wäre nur dann vertretbar gewesen, wenn die deutsche Führung den Zeitgewinn für ein siegreiches Unternehmen an der Ostfront genutzt hätte.

Aber noch lebte aus der Sicht der obersten Führung die Chance, wenigstens auf dem Atlantik den Tonnagekrieg gegen die britischen und amerikanischen Transporter zu gewinnen. Da die Überwasserflotte nach dem Verlust der "Bismarck" und der Rückführung der Schlachtkreuzer "Scharnhorst" und "Gneisenau" von Brest in Heimathäfen im Februar 1942 für den Kampf im Atlantik praktisch ausfiel, lastete der Zufuhrkrieg auf den U-Booten. Auf den ersten Blick bestand durchaus Anlaß zur Hoffnung, da das Jahr 1942 bisher nicht gekannte Erfolge gegen den Schiffsverkehr der Alliierten erbracht hatte. Immerhin waren die Versenkungen auf 5,86 Millionen Bruttoregistertonnen (BRT) Schiffsraum, darunter allein 5,2 Millionen BRT im Atlantik gegenüber nur 2,1 Millionen BRT im Jahre 1941, gestiegen. Welche Gefahr die U-Boot-Rudel für den Gegner darstellten, geht aus den Beschlüssen der Konferenz von Casablanca hervor. Man beschloß, dem Kampf gegen die U-Boote und deren Einrichtungen die höchste Priorität einzuräumen. Erst danach wollte man den Kampf gegen die deutsche Jägerwaffe aufnehmen. Die Atlantikschlacht entschied nämlich nicht nur über die Versorgung der britischen Insel, sondern auch über den Aufbau einer alliierten Streitmacht in England.

Doch die großen Versenkungserfolge im Jahre 1942 täuschten, da die Schiffsneubauten der Amerikaner und Engländer die Verluste mehr als ausglichen. Die USA und Großbritannien stellten 1942 über 7 Millionen BRT neue Schiffe her, was auch von der Seekriegsleitung ziemlich zutreffend festgestellt wurde. Um die Oberhand zu behalten, hätte die berechnete Menge an Versenkungen monatlich mindestens 700.000 BRT, 1943 sogar 860.000 BRT betragen müssen. Dies hätte jedoch eine sprunghafte Steigerung der bisherigen deutschen Erfolge erfordert.

So kühn sich auch die nächtlichen Überwasserangriffe der U-Boote mit ihrer Rudeltaktik gestalteten, litt die U-Bootflotte an der Luftaufklärung und mußte gegen die verbesserten Abwehrmittel der Alliierten ankämpfen, die zum Schutz der Geleitzüge eingesetzt wurden. Dazu zählte das Ortungsgerät Huff-Duff, das vor allem auf Begleitschiffen verwendet wurde, das neue Radargerät H2S, genannt "Rotterdam-Gerät", das den Überwachungsflugzeugen Angriffe auch bei schlechter Sicht ermöglichte, und ein neuer Salvenwerfer für Wasserbomben. Schließlich wirkte sich der Einbruch in den deutschen Funkschlüssel ab Mitte 1941 derart aus, daß die daraus gewonnenen Erkenntnisse ("ULTRA") über die Aufstellung der U-Boote oft zur Umleitung und damit Rettung von Geleitzügen führten.

Als Anfang März 1943 schließlich 400 U-Boote im Dienst standen, von denen 70 Boote im Atlantik operierten, schien Großadmiral Dönitz auch nach späteren Aussagen von Kriegsgegnern seinem Ziel nahe zu sein. In der bisher größten Geleitzugsschlacht erzielten die U-Boote Mitte März einen Versenkungserfolg von 21 Schiffen mit 141.000 BRT, doch dann errang die U-Boot-Bekämpfung einen entscheidenden Sieg: Im Mai gehen 41 Boote bei nur geringen Erfolgen verloren, eine Verlustquote, die Dönitz nicht mehr hinnehmen kann. Er bricht am 24. Mai die Atlantikschlacht ab und befiehlt, in weniger gefährdete Seegebiete auszuweichen. Damit beginnt der aufopferungsvolle Kampf der U-Boote ohne Aussicht auf große Erfolge. Erst der Abbruch der Atlantikschlacht bewirkte - wenn auch wenig spektakulär - zusammen mit dem Verlust Nordafrikas und angesichts der Rückzüge an der Ostfront die offenkundige Kriegswende 1942/43.

Karl Dönitz: Der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine bricht am 24. Mai 1943 die Atlantikschlacht ab