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07.06.03 / "Tugendwächter Islam" / Peter Scholl-Latour befürwortet intensiven Kontakt mit der arabischen Welt

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Juni 2003


"Tugendwächter Islam"
Peter Scholl-Latour befürwortet intensiven Kontakt mit der arabischen Welt

Herr Scholl-Latour, die USA haben den Krieg im Irak gewonnen. Jetzt hört man immer wieder von Attentaten und Anschlägen aus dem Untergrund. Ist das der Beginn der "Super-Intifada", vor der Sie gewarnt haben?

Scholl-Latour: Das könnte der Beginn sein, jedoch ist dies noch nicht der gesamte Widerstand. Es sind zur Zeit vor allem Sunniten und können auch Überreste des Saddam-Regimes sein. Die Schiiten haben ihren bewaffneten Aufstand noch nicht begonnen. Sie hoffen noch, legal an die Macht zu kommen. Doch wenn sie ferngehalten werden, könnte der wirkliche Widerstand beginnen.

Bakar al Hakim hat den USA mit verheerenden Anschlägen gedroht. Denken Sie, die Schiiten werden sich mit einer Regierungsbeteiligung zufriedengeben, oder gibt es da eine Verbindung zu den Schiiten des Iran, die einen Gottesstaat errichtet haben und die islamische Revolution im Irak unterstützen könnten?

Scholl-Latour: Das ist das Seltsame an der amerikanischen Politik, daß sie im Moment fast alles tut, um die Schiiten in den bewaffneten Widerstand zu treiben. Von einem wirklichen demokratischen Prozeß kann in Bagdad nicht die Rede sein - und ist offensichtlich auch nicht beabsichtigt, da dies zwangsläufig zu einer Dominanz der Schiiten im Staat führen wird. Sie machen 65 Prozent der Bevölkerung aus. Die Konfrontation der USA mit dem Iran ist eine Vorwegnahme der Konfrontation mit den Schiiten des Irak. Die USA wollen offensichtlich jeden "Anflug" eines islamischen Gottesstaates im Irak verhindern. Hinzu kommt der Konflikt, den die USA über Israel im Libanon mit der schiitischen Hisbollah ins Auge gefaßt haben.

Wenn die USA im Irak den Gottesstaat verhindern wollen, welches System ist dort überhaupt praktikabel?

Scholl-Latour: Um den Frieden zu gewährleisten, würde ich die Schi-iten mit einbeziehen. Es muß sich nicht wie im Iran entwickeln. Chamenei wurde auch gegen den Willen der Geistlichkeit im Iran gewählt. Auch ist es nicht notwendig, im Irak einen Artikel 5 wie in der Verfassung des Iran vorzusehen, wo die Rolle des "verborgenen Iman" beschrieben ist, der den Gottesstaat festschreibt und die Herrschaft einer Geistlichkeit für den Irak vorsähe. Hakim will nach eigener Äußerung die Sunniten religiös achten und auch die Christen schützen. Sicherlich werden der Staat und das System stark religiöse Züge tragen. Das entspricht auch dem Volkswillen. Darüber hinaus sollte man warten, bis sich die Situation abkühlt. Daß die Konservativen im Iran wieder die Oberhand gewonnen haben, müssen sich die USA selbst zuschreiben, da sie Teheran in die Achse des Bösen eingereiht haben.

Ihrer Ansicht nach solle man warten, bis sich die Situation beruhigt hat. Aber das Ziel der USA ist offensichtlich progressiver. CIA-Kreise beabsichtigten die Demokratisierung des gesamten arabischen Raumes?

Scholl-Latour: Die USA hatten nach dem ersten Golf-Krieg in Kuwait die Möglichkeit, ein demokratisches System zu installieren und haben es nicht getan. Zudem muß man bedenken, daß andere Kulturen und Kulturvölker auch in anderen politischen Strukturen leben wollen. Die idiotische Idee eines demokratischen Domino-Effektes hat sich jetzt bereits widerlegt.

Was steckt denn hinter dem massiven Vorgehen der USA im Nahen Osten?

Scholl-Latour: Es ist offen zugegeben worden, daß der Krieg gegen Saddam Hussein und den Irak der Stabilisierung der Region dienen sollte und auch der Stabilisierung des Friedensprozesses in Israel und mit den Palästinensern. Ziel der amerikanischen Politik ist es zweifelsohne, die Anerkennung des Staates Israels durchzusetzen.

Und der neuerliche Vorschlag von Ariel Sharon, innerhalb von fünf Jahren einen Palästinenserstaat zuzulassen?

Scholl-Latour: Womit will Sharon denn diesen Staat machen? Es sind doch nur noch kleine Gebietsfetzen übrig. Zudem sind die jüdischen Siedler in der Westbank so fest etabliert, daß ein Palästinenserstaat hier gar nicht mehr zu realisieren ist.

Welche Konsequenz hat dieser "Kampf gegen den Islam" der USA für Europa und Deutschland, insbesondere wenn man an die hier lebenden islamischen Türken und ihre islamisch-fundamentalistischen Organisationen denkt?

Scholl-Latour: Die Verfassungsschützer in Deutschland sind hier oft voreilig und auch ignorant. "Milli Görez" zum Beispiel ist zwar eine streng islamische Organisation, aber sie hat keinen terroristischen Zweig und lehnt Gewalt sogar ab. Sie sind da sehr disziplinierte Leute. Die religiösen Verbände der Türken in Deutschland sind eher dafür verantwortlich, daß gerade unter jungen Türken weniger Kriminalität entsteht. Sie sind eher Tugendwächter. Die Türkei selbst ist wieder auf einem Weg der Reislamisierung. Der Erfolg Erdogans ist hierfür der Beweis. Wir müssen in diesem Sinne ein positives Verhältnis zum Islam und dem islamischen Umfeld entwickeln. Dies betrifft auch Nordafrika. Es muß sich eine Kontaktkultur mit dem Islam entwickeln. Die Iraner zum Beispiel erwarten nichts anderes als einen positiven Dialog mit Europa. Hier hält sich insbesondere die deutsche Regierung und Kanzler Schröder mit Rücksicht auf die USA und Israel zurück.

Welche Rolle können die Europäer und insbesondere Frankreich und Deutschland für eine solche Entwicklung denn spielen? Von seiten Israels und aus den USA wird Europa immer eine undifferenzierte proarabische Haltung vorgeworfen.

Scholl-Latour: Die Bundesrepublik hat sich immer fair verhalten. Sie haben Israel massiv und auch den Palästinensern geholfen. Deutschland hat im Vergleich wesentlich mehr für die Palästinenser getan als die Regime der arabischen Welt. Auch in bezug auf Afrika, insbesondere Algerien, muß Europa weiter eine Rolle spielen. Frankreich ist hier nicht nur gefordert, mit den herrschenden Generälen zu kooperieren. Langfristig kann man solche Länder nur mit der Knute befrieden. Das heißt jedoch keine grundsätzliche Konfrontation mit dem Islam an sich. Wir müssen ein gesundes Verhältnis zu der arabischen Welt und dem Islam finden. Die Regierung ist da noch ignorant und die Opposition in Teilen viel schlimmer.

 

(Das Gespräch mit Scholl-Latour führte Karl-Peter Gerigk)

Peter Scholl-Latour: Der erfahrene Kriegsberichterstatter und Journalist will die Schiiten im Irak, die eine islamische Revolution propagieren, an der Regierung des Landes unmittelbar beteiligen. So könne ein Gottesstaat nach iranischem Vorbild verhindert werden. Foto: keystone