19.01.2022

Preußische Allgemeine Zeitung Zeitung für Deutschland · Das Ostpreußenblatt · Pommersche Zeitung

Suchen und finden
07.06.03 / Preussische Anekdoten

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Juni 2003


Preussische Anekdoten
Gesammelt von Uwe Greve

"Das Preußentum ist wie eine neue wollene Jacke. Im Anfang juckt sie unausstehlich, später findet man, daß sie recht warm und nützlich ist und besonders bei schlechtem Wetter einen unentbehrlichen Schutz verleiht." Ernst Moritz Arndt

Gesund oder unsterblich

Theodor Fontane (1819 bis 1898) fühlte sich in seiner Lyrik und seiner Prosa, soweit sie nicht Kriegsschilderungen seiner Zeit waren, stets dem Originellen, mehr aber noch dem Schönen verpflichtet, insbe-sondere was die Sprache anging.

Das gilt auch für seinen ergreifenden Roman "Cécile" (1887). Er erzählt die Geschichte eines ebenso armen wie schönen Mädchens, das mit einem Oberst verheiratet ist, aber einen früheren Lebensabschnitt nicht überwinden kann, weil um ihretwillen ein Mann im Duell umkam. Sie wählt schließlich den Freitod.

Wenig bekannt ist, daß die Charaktereigenschaften der Cécile identisch sind mit denen einer jungen Frau, um die sich Theodor Fontane sowie der Arzt und Politiker Rudolph Virchow (1821 bis 1902) für kurze Zeit gleichzeitig bewarben. Beide sollen sich in dieser pikanten Frage einmal miteinander ausgesprochen haben, wobei Virchow schnippisch gegenüber dem Dichter bemerkte: "Wenn die gemeinsam Angebetete Ihre faden Romane liest und erkrankt, so werde ich sie wieder gesund machen." Fontane entgegnete: "Und wenn sie an Ihrer Medizin stirbt, werde ich sie unsterblich machen." In "Cécile" hat der Erzähler der jungen Frau in der Tat ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Wilhelm I. und der "Baedeker" von Berlin

Karl Baedeker war der erste Verleger in Deutschland, der sich auf Reiseführer spezialisierte. 1827 gründete er seinen Verlag in Koblenz. 1872 verlegte er ihn nach Leipzig. Sein erstes eigentliches Reisehandbuch war 1832 der Band "Rheinreise von Mainz bis Köln".

Welche Bedeutung Baedekers Veröffentlichung ein halbes Jahrhundert später hatte, geht aus einer Begebenheit hervor, die ein Diener des deutschen Kaisers Wilhelm I. (1797 bis 1888) erzählte. Der Monarch fühlte sich nicht recht wohl und konsultierte seine Ärzte. Sie verordneten ihm gerade körperliche und geistige Ruhe, als unten die Wachparade unter Hurra-Rufen der Menge vorbeizog. Der Kaiser stand in erstaunlicher Geschwindigkeit auf und eilte zum Fenster. Besorgt machten ihn die Ärzte darauf aufmerksam, daß er sich jede Hektik vom Leibe halten müsse. Wilhelm I. antwortete heiter: "Lassen Sie mich nur. An's Fenster muß ich jeden Mittag, denn im Baedeker steht, daß man mich um diese Zeit von der Straße aus sehen kann."

Schicksalsergeben

Johann Gottfried Schadow (1764 bis 1850) war der bedeutendste Bildhauer und Graphiker des Klassizismus in Deutschland. Von ihm stammt das Viergespann mit Viktoria auf dem Brandenburger Tor, das 1794 aufgestellt wurde. Sein Schüler Christian Daniel Rauch (1777 bis 1857), der unter anderem den Sarkophag der Königin Luise im Mausoleum Berlin-Charlottenburg schuf, stand ihm jedoch in seinem meisterhaften Können in nichts nach. Schadow war ein äußerst lauterer Charakter. Frei von Eitelkeit, Arroganz und Neid verfolgte er den Aufstieg Rauchs als neuen Stern am preußischen Künstlerhimmel, der seine eigene Schöpferkraft für Jahre in den Schatten stellte. Nur ein einziges Mal, als dem jungen Genius Rauch die Schaffung des Reiterdenkmals "Friedrichs des Großen" anvertraut wurde, um das sich einst Schadow glühend bemüht hatte, überkam den Älteren die Wehmut. Seinem Freund Theodor Fontane gegenüber machte er seinem Herzen Luft und äußerte in ergebener Resignation: "Ja, da ist nischt zu machen - mein Ruhm is in Rauch uffjejangen!"

Dank an den General

Die Schauspielerin Adele Sandrock (1864 bis 1937) spielte im Alter zumeist die Rolle der komischen Alten im Film und wurde damit als volkstümliches Original deutschlandweit berühmt. In jüngeren Jahren spielte sie aber oft dämonische Frauenrollen auf den Berliner Bühnen. Diesem Rollenfach oder aber natürlicher Veranlagung mag ihre tiefe, leicht kratzige Stimme zuzuschreiben sein. Sie hatte ein großes Herz für Hilfsbedürftige, und als sie eines Vormittags über den Kurfürstendamm bummelte, sah sie dort einen blinden Bettler sitzen. Von Mitleid erfaßt, ging sie auf ihn zu und drückte ihm ein Geldstück in die Hand mit den Worten: "Hier hast du zehn Pfennig, mein Sohn!" Hocherfreut antwortete der Blinde: "Danke, Herr General!"

Schwer vermittelbar

Das Urbild der Berliner schlechthin war Madame du Titre. 1748 als neuntes Kind des reichen Bauern Benjamin George in Berlin geboren, besaß sie ein exzellentes Mundwerk, durchschlagenden Witz und viel unfreiwillige Komik. Sie hatte eine lebhafte Art, keine Scheu vor hochgestellten Persönlichkeiten, war ein wenig eitel und störte sich nicht an ihrer niederen Herkunft. Mit diesem unverwüstlichen Selbstvertrauen hatte sie sich den reichen du Titre aus der höheren Berliner Gesellschaft als Ehemann geangelt und sogar König Friedrich Wilhelm III. zum Freund gewonnen. Kaum einer konnte sich ihrem herzlichen Redefluß entziehen. Als sie eines Morgens den königlichen Freund auf dem Wege zum Mausoleum traf, fiel ihr ein, daß es gerade der Sterbetag der Königin Luise war. Mit ein paar tröstenden Worten wollte sie Friedrich Wilhelm ihr Mitgefühl bekunden und sagte zum Schluß: "Ach ja, Majestäteken, et is schon schlimm for Ihnen, wer nimmt ooch heute noch ‚nen Witwer mit sieben Kinderkens!"

Die unblutige März-Revolution

Friedrich Heinrich Ernst Graf von Wrangel (1784 bis 1877), preußischer Generalfeldmarschall, schlug 1848 die März-Revolution in Berlin ohne Blutvergießen nieder. Eine Bürgerwehr unter dem Kommando des Major a. D. Rimpler war aufmarschiert und hatte das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, in dem die Abgeordneten der "Zweiten Kammer" des Königs tagten, umstellt. Alsbald gesellte sich eine große Zahl Bewaffneter dazu. Wilde Reden wurden geschwungen, wütende Schwüre getan. Es schien, als wären schwere Zusammenstöße unvermeidbar. Denn jetzt rückte Wrangel mit seinen Gardegrenadieren heran und ließ die Gewehre zusammensetzen. Er selbst nahm auf einem herbeigeschafften Lehnstuhl auf dem Gendarmenmarkt Platz. Aufgeregt kam der Major a. D. Rimpler herbeigestürzt: "Exzellenz, ich bin entschlossen, die Freiheit des Volkes und die Würde der Nationalversammlung zu schützen. Wir werden nur der Gewalt weichen." Beschwichtigend meinte daraufhin Wrangel: "Is jut, mein Sohn. Die Jewalt is jetzt da. Ick bin die Jewalt."