11.08.2022

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07.06.03 / Erkenntnisse aus der Anschlagswelle der letzten Wochen

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Juni 2003


Die Hydra des Terrors
Erkenntnisse aus der Anschlagswelle der letzten Wochen
von Jürgen Liminski

Die Hydra des Terrors hat viele Köpfe. Nach dem Schlag des Irak-Kriegs sind ihr, wie die Attentate der letzten Wochen zeigen, blitzartig neue Häupter nachgewachsen. Die Geheimdienste suchen nach organisatorischen Verbindungen und werden auch die eine oder andere finden. Zum Beispiel, daß viele Hamas-Terroristen in Lagern der Al Quaida in Afghanistan ausgebildet worden waren. Oder daß die Hisbollah im Libanon in den rechtlosen Räumen dieses Landes, etwa in der Bekaa-Hochebene, nicht nur Drogen anbaut, sondern die Ausbildungsrolle übernommen hat. Aber es wäre zu weit gegriffen, hinter allen Anschlägen einen einzigen Paten oder terroristischen Mastermind zu vermuten, der weltweit die Drähte zieht. Es gibt keine feste organisatorische Struktur.

Aber es gibt einen geistigen Zusammenhang zwischen den Selbstmordattentaten. Von Casablanca über Jerusalem bis Riad ist das Denken in den Köpfen der Hydra gleich. Es ist das Denken der radikalen Islamisten, es beherrscht die Terrorszene. Unerheblich, welche Terror-Organisation gerade hinter einem Anschlag steckt, der Kampf gegen die Feinde Allahs verbindet sie alle. Es ist die religiöse Komponente des Terrors, der Glaube, durch diese Attentate als Märtyrer in das Paradies zu gelangen, wo Dutzende von Jungfrauen auf den Krieger Allahs warten, der die Islamisten weltweit verbindet, gehören sie nun zur Hamas, zur Al Quaida oder einer anderen Organisation. Selbstmord als Waffe steht nur auf dem Programm derjenigen, die mit der grünen Fahne des Propheten in den Krieg ziehen. Man sollte sie nicht mit dem Islam gleichsetzen, weder in Nahost noch in Nordafrika. Aber es gibt sie überall. Der Ungeist des Fanatismus hat keine Grenzen, und was er anfaßt, ist, wie Reinhold Schneider schrieb, für lange Zeit vergiftet.

Die Anschläge in Casablanca und Riad innerhalb weniger Tage zeigen die Handschrift der Al Quaida. "Man muß mindestens vier Ziele zugleich treffen, damit die Regierung des jeweiligen Landes weiß, daß wir es ernst meinen", ist in der "Enzyklopädie des Heiligen Kriegs", einem Handbuch des Terrors auf arabisch, zu lesen. Es wurde zu Beginn des Afghanistan-Kriegs von einem Überläufer der Taliban mitgebracht. So ist es geschehen, und die westlichen Sicherheitsdienste zweifeln nicht daran, daß den jüngsten Anschlägen bald weitere folgen werden. In dem Handbuch des Heiligen Kriegs werden auch die Länder genannt, in denen die "Krieger des Heiligen Kriegs" zuschlagen sollen. An erster Stelle stehen die USA, es folgen Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Rußland. Aber auch die mit diesen Ländern verbündeten arabischen Staaten stehen auf der Liste des Terrors, und hier sind vor allem Saudi-Arabien, Kuweit, Marokko, Jordanien, Tunesien und Ägypten im Visier. In diesen Ländern ist es für die Terroristen einfacher als in Europa oder Amerika. Die Zahl der fanatischen Anhänger ist größer, die Wachsamkeit schwächer, die Umgebung vertrauter, die Destabilisierung des Regimes leichter.

Zu den ersten in der Enzyklopädie des Heiligen Kriegs genannten Zielen mit Symbolgehalt zählen der Eiffelturm in Paris, Big Ben in London, der Kölner Dom, die Brücke Verrazano in New York, die Golden-Gate-Brücke in San Francisco. Daß die Terroristen nun mit dem Symbolgehalt jüdischer Einrichtungen oder von Restaurants zufrieden sind, die irgendwie mit den Alliierten des Irak-Kriegs zu tun haben (etwa La Casa des Espana in Casablanca) zeigt immerhin zweierlei. Erstens: Sie sind bei allem Fanatismus zu geschwächt für große Ziele, aber immer noch operationsfähig. Amerikas Schläge zeigen Wirkung, vernichtend sind sie noch nicht. Und deshalb gilt auch für die Europäer zweitens: Der Krieg gegen die Hydra des Terrors ist noch lange nicht zu Ende. Man kann Strukturen vernichten und potentielle Mörder festnehmen, das Denken bleibt frei, auch für Terroristen. Deshalb ist der Denkansatz, Demokratie und Aufklärung in den gefährdeten Raum zu tragen, richtig - bei aller Illusion, die damit verbunden sein mag.

Erfreulicherweise scheinen auch einige Europäer zur Einsicht zu gelangen, daß wir uns im Krieg befinden. Das Treffen der fünf Innenminister von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien im spanischen Jerez de la Frontera zeigt, daß man die Zeichen der Zeit erkennt. Offen werden Zusammenhänge zwischen dem islamistischen Terror und den Einschleuserbanden diskutiert, das Mare Nostrum, der Mittelmeerraum, ist als gemeinsame Gefahrenzone ausgemacht. Der Irak-Krieg zeigt Nachwirkung. Man hat die Hydra erkannt. Diese Erkenntnis wird das Denken der freien Welt hoffentlich stärker beeinflussen als bisher - es wäre ein großer Schritt zur Überwindung des transatlantischen Grabens. Ein notwendiger Schritt, denn die Hydra reckt ihre Köpfe an beiden Ufern.

Das zeigt sich auch an den Terrorwarnungen der letzten Tage. Sowohl in den USA als auch in Europa nahm man das Tonband sehr ernst, das der Stellvertreter Osama bin Ladens, der Ägypter Aiman al Zawahiri, über den Sender Al Dschasira verbreitete. Die Sicherheitsmaßnahmen wurden erneut verschärft.

Wenn Zawahiri oder bin Laden selbst sich zu Wort melden, dann ist Gefahr im Verzuge. Zawahiri ist der Chefideologe des Heiligen Kriegs und für die ganz großen Anschläge zuständig. Er trat bisher selten an die Öffentlichkeit. In Washington sieht man das als Indiz dafür, daß Osama bin Laden "außer Gefecht" ist. Aber ganz gleich, welcher Kopf gerade bei Al Quaida denkt und plant, der Inhalt ist der gleiche: Tod den Ungläubigen, wo und wie immer man es anstellt.

Riad: Bewohner vor den bei dem Terroranschlag vom 13. Mai zerstörten Wohnblocks, in denen zumeist Ausländer lebten. Die Selbstmordanschläge in Saudi-Arabien haben 34 Menschen das Leben gekostet. Foto: dpa