19.01.2022

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07.06.03 / In der Heimat der Seele

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 07. Juni 2003


In der Heimat der Seele
von Günter Schiwy

Pfingsten gilt seit jeher als Stiefkind im christlichen Kirchenjahreskalender. Mit der Ausgießung des Heiligen Geistes tut sich die Menschheit schwer. Viele unserer Mitbewohner wissen damit nichts anzufangen. Deshalb fahren sie in die Natur und genießen die beiden freien Tage als Frühlingserlebnis der Erholung.

Wer hat heute noch Sinn für dieses Pfingstfest? Es löst in den Menschen nur Beklommenheit aus. Was heißt hier "Geist"? Und dann auch noch Heiliger Geist! "Komm, hör damit auf" ist die ständige Antwort. Die Zeiten heute sind eben andere geworden! Für die naiven Ansichten der damaligen Zeit haben die Leute heute nur noch ein stilles Lächeln, nur noch ein fragwürdiges Kopfschütteln.

Nach ihren Vorstellungen hat der Heilige Geist ausgedient, weil er eine Erscheinungsweise Gottes und damit der christlichen Kirche ist. In dieser Welt gibt es viele Arten von Geist. Jeder weiß, was man unter dem Geist versteht, wenn man von dem Teamgeist in der Firma oder bei der Fußballmannschaft spricht. Es gibt allerdings auch einen Ungeist von Banditen, die mordend durch die Lande ziehen und Unheil schaffen, also sogenannten Unfrieden stiften.

Der Heilige Geist ist ein Gottesgeschenk, der sich dem Menschen nähert, so daß er hinhören, sich ihm öffnen muß. Pfingsten ist das Fest, an dem sich der christliche Geist erneuert, den Menschen anspricht, ihm ans Herz geht, seine Sinnlichkeit berührt.

In der biblischen Pfingstgeschichte heißt es, daß der Heilige Geist mit einem Brausen vom Himmel zur Erde kam. Folglich hat uns Menschen der Heilige Geist ergriffen! Natürlich kann man das nicht beweisen, aber es erweist sich. Erzwingen können wir es nicht, aber erbitten, daß Gott seinen Geist ausgießt, damit wir vor den Schwerkräften des Lebens wie Resignation, Egoismus, Trägheit und Streit verschont bleiben. Es gibt doch viele Menschen unter uns, die angesteckt sind von der Sehnsucht nach mehr Miteinander, nach liebevollem Umgehen und Verständnis, nach einer lebensvolleren und ehrlichmeinenden Gesellschaft, nach Zusammenhalt, Solidarität, Wahrheit, Güte und mehr Menschlichkeit!

Pfingsten ist das Fest des Heiligen Geistes! Deshalb beginnt die Seele zu arbeiten. Es ist nicht allein ein Ereignis für Träumer! O nein! Es ist auch ein Ereignis für Wanderer, für Wanderer, wie ich einer bin, der nirgends ein Zuhause hat. Neulich fragte mich jemand "Wo ist dein Zuhause? Wo ist deine Heimat?" Ich gab ihm zur Antwort: "Ich habe kein Zuhause mehr! Ich weiß in der Tat nicht, wo meine Heimat ist! Meine Seele ist zerrissen und drückt sich vor dem Begriff Heimat. Warum das so ist und nicht anders? Ich weiß es einfach nicht! Fragen Sie mich etwas Einfacheres!" Da fragte mich der Fremde: "Wollen Sie ewig heimatlos in dieser Welt umherirren und ewig als Heimatloser gelten? Wollen Sie das wirklich?" - "Nein, das will ich - weiß Gott - nicht!" Die nächste Frage lautete: "Sie müssen doch ein Heimatgefühl haben! Wo haben Sie denn Ihre Heimatlieder gesungen? Wo hat Ihnen Ihre Mutter das Beten beigebracht? Jeder Mensch muß eine Heimat haben! Ihre Seele ist doch nicht heimatlos? Träumen Sie nicht? Wo liegen die Wurzeln Ihrer Sehnsucht?"

Jetzt war ich plötzlich zu Hause! Ich fand meine Heimatgewißheit wieder - und die hieß ganz einfach: Masuren! Dort, wo die Gräber meiner Vorfahren liegen. Ich - ewiger Wanderer zwischen mehreren Welten - habe also doch ein Zuhause. Trotz meiner Pilgerreise gibt es einen Heimweg, nach dem sich die Seele ewig sehnt! Es kommen Tage des Trübsals, des Herzleidens, der Sehnsucht, der Trauer, das will uns das Herz brechen. Doch gleichzeitig ist da eine Tröstung! Deshalb glaube ich an Pfingsten, an meine Mutter und an meine Heimat. Es ist ein seliges Heimgehen in die behütete Kindheit, in die Heimat des ländlichen Dorfes, aber auch gleichzeitig in die Heimat der Seele, der brandenden Woge, die unser Leben trägt!

Nach dem uns widerfahrenen Leid brauchen wir Vertriebenen eine Heimat, einen rettenden Anker, der uns nicht treiben läßt, sondern der uns sagt, wohin es geht, wo wir einen festen Haltepunkt haben. Mein Ankerplatz ist und bleibt meine Heimat Masuren! Es braucht die Ordnung und den Geist, damit ich nicht in die Irre, in die Dunkelheit gehe. Das ist mein Herzenswunsch zu Pfingsten, dem Fest und Werk des Heiligen Geistes!