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21.06.03 / Die ostpreußische Familie

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. Juni 2003


Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
Ruth Geede

Lewe Landslied und Freunde unserer Ostpreußischen Familie,

immer freue ich mich, wenn ich von einem glücklichen Wiederfinden nach einem halben Jahrhundert und länger berichten kann. Und so habe ich sofort "ja" gesagt, als Sabine Gehrcke, geb. Laser, fragte, ob sie über solch ein Ereignis schreiben sollte. Jetzt habe ich ihren Bericht in den Händen, und ich finde, er ist ein schöner Einstieg in unsere heutige Kolumne.

Wie viele Familien mußten wir auch im Februar 1945 unsere Heimat verlassen und verloren somit viele Quednauer Nachbarn und Bekannte aus den Augen. Ich war damals acht Jahre alt. Noch heute mache ich mir immer Gedanken - jetzt allein, früher mit meiner Mutter -, was aus diesen Menschen geworden sein könnte. Vor zwei Jahren las ich im Ostpreußenblatt, daß eine Frau Skirka ehemalige Quednauer suchte. Ich setzte mich mit ihr in Verbindung, und zu meiner großen Freude besaß sie Informationen über den Verbleib unserer Nachbarsfamilie Zwalinna. Zusammen mit meinem Bruder und unseren Ehepartnern sahen wir uns vor einem Jahr in Leipzig wieder. Es trafen sich die Familien Schwertfeger, Zwalinna, Nabakowski, Laser und Frau Skirka, geb. Gabusch, nach 56 Jahren endlich wieder und hatten sich eine Menge zu erzählen. Auch nach dem Treffen blieben die Verbindungen bestehen. Gerne würde ich noch erfahren, was aus den anderen Nachbarn aus der Laser-, Wiesen- und Ringstraße geworden ist. (Sabine Gehrcke, Falkenhorst 33 in 22159 Hamburg.)

Auch Brigitte von Kalben aus Kanada verbindet in ihrem Brief Dank und Wunsch. Dank dafür, daß sie durch unsere Ostpreußische Familie ihre ehemalige Klassenkameradin Doris Fuhlert sowie Schülerinnen anderer Klassen der Königsberger Herbartschule und Bekannte aus der Heimat gefunden hat. Sie steht mit ihnen im Briefwechsel, und demnächst soll es auch ein Wiedersehen geben.

Ihre neue Frage klingt eigentlich ganz einfach, aber sie konnte sie selber bisher trotz vieler Bemühungen nicht lösen. Es geht um den Namen des Schiffes, mit dem sie als Zwölfjährige aus Königsberg flüchtete. Das war am 25. Januar 1945, und daß sie noch aus Königsberg herauskam, verdankt sie einer Mitbewohnerin. Diese, Frau Klose, war nach der Ausbombung mit ihrem vierjährigen Töchterchen Marianne und ihrer Mutter, Frau Rimasch, in das Haus gezogen. Frau von Kalbens Mutter und Frau Klose hatten sich angefreundet. Frau Klose besorgte einen Schein für das Schiff, mit dem sie zusammen vom Hafenbecken I aus die Flucht über See antraten. Es handelte sich um einen Frachter, denn die Flüchtlinge waren in Ladeluken eingepfercht. Mit an Bord war auch eine Lehrerfamilie Braun, Vater, Mutter und Tochter. Sie kamen sicher nach Swinemünde, dankbar, daß die Flucht geglückt war. Es könnte sein, daß sich noch andere Flüchtlinge, die mit an Bord waren, an den Namen des Schiffes erinnern, vielleicht sogar die namentlich genannten Familien. Frau von Kalben würde sich sehr freuen. Ihre Anschrift: 361 East Avenue, West Hill, ON, M1C 2W5, Canada, Tel. (0416) 281-8806.

Damit haben wir eine gute Überleitung zu neuen Suchfragen. Unser Landsmann Heinz Schlagenhauf aus Kannen, Kreis Angerapp, möchte seinen Lebensweg chronologisch aufzeichnen und benötigt deshalb Angaben über eine Familie aus Königsberg. Als 18jähriger lag er bei Kriegsende in einem Lazarett in Berlin-Britz. Als er Anfang Mai 1945 entlassen wurde, wohnte er zuerst bei seiner Tante in Berlin-Rudow, Betunienweg 102, schloß sich aber dann einer Königsberger Familie an, die wie er zurück in die Heimat wollte. Am 24. oder 25. Mai fuhren sie zusammen mit polnischen Zivilarbeitern in Richtung Osten. Der Zug wurde in Neu-Benschen angehalten, und alle deutschen Männer wurden von den Sowjets herausgeholt. Als ehemaliger Wehrmachtsangehöriger wurde Heinz Schlagenhauf gefangengenommen und nach Sibirien gebracht, wo er 1949 nach vier Jahren Kriegsgefangenschaft entlassen wurde. Nun möchte er wissen, was aus der Königsbergerin und ihren beiden damals acht und 14 Jahre alten Töchtern geworden ist. Sie waren nach Berlin geflüchtet und wohnten in einer Nebenstraße des Betunienweges in Berlin-Rudow. Außer Heinz hatte sich ihnen ein etwa 14jähriger Junge angeschlossen. Namen und Daten kann Herr Schlagenhauf leider nicht nennen. Als einzige Orientierung gilt also das Datum der Zugfahrt und die Trennung in Neu-Benschen. Die gesuchte Familie dürfte auch nicht nach Königsberg zurückgekehrt sein. Vielleicht erinnert sich noch jemand an diesen Vorfall? (Heinz Schlagenhauf, Langer Acker 32 in 23738 Lensahn/Holstein.)

In jenen furchtbaren Tagen sind auch Anna und Lenchen Scherkus aus dem memelländischen Jonikaten nach Rußland verschleppt worden. Die Schwestern wurden in Insterburg getrennt, von Lenchen fehlt seitdem jede Spur. Anna verstarb im Lager Krasnewotsk, wie ihre Lagergefährtin und Freundin Hilde Drest der Familie Scherkus in einem Brief mitteilte. Sie wurde zusammen mit 40 weiteren Verstorbenen beerdigt. Von den 4.000 Lager-

insassen blieben 240 am Leben, darunter auch Hilde Drest. Diese wird nun von der Familie Scherkus gesucht, die erst jetzt dazu kommt, alles aufzuarbeiten. Hilde Drest erwähnt in ihrem Schreiben auch eine Mitgefangene, Frau Behnert, die damals schon der Familie Scherkus über Annas Tod berichtet haben soll oder dies wollte. Auch diese Frau wird gesucht. Den Wunsch übermittelt uns Egon Janz aus Worpswede, der einige Jahre mit Anna Scherkus die Volksschule in Jonikaten besuchte. (Zuschriften an Familie Scherkus, Neustadt 12 in 07366 Pottiga.)

Zu dem Thema "Internierungslager", das so viele Menschen noch heute beschäftigt, hat auch Günther Montkowski ein Anliegen. Er schreibt: "Über die genaue Lage aller Massengräber aus der Zeit der Internierungslager in Pr. Eylau wurde mir bisher wenig bekannt. Es könnten aber noch Angehörige des damaligen Leichenkommandos oder deren Nachkommen leben und Auskunft geben. Mein Anliegen ist es, dieser Kriegsopfer nicht nur zu gedenken, sondern auch den Garnisonskommandanten in Bagrationowsk in seinem Bemühen um eine würdige Gedenkstätte zu unterstützen." (Günther Montkowski, Neubrandenburger Chaussee 1 D in 17217 Penzlin.)

"Wo bist Du, Nettiener Schulkamerad?" Diese Frage stellt Gerhard Hehnstädt aus Wardow an unseren großen Leserkreis, von dem er anscheinend bisher nichts wußte, bis ihn Kurt Tümmers aus Rastatt auf uns aufmerksam machte, nachdem die Suche bisher vergeblich verlaufen ist. Also versuchen wir es, obgleich es leider eine Schwierigkeit gibt: Herr Hehnstädt weiß nicht mehr den Namen dieses Schulkameraden. Aber er schildert so viele Einzelheiten, daß der Gesuchte - wenn er diese Zeilen lesen sollte - unschwer erkennen kann, daß er gemeint ist. Lassen wir Herrn Hehnstädt also seinen Schulkameraden direkt ansprechen:

Wir besuchten bis 1940 gemeinsam die Georgentaler Schule, dann ging ich auf die Knabenmittelschule in der Luisenstraße in Insterburg. Im Juli 1944 waren wir mit etwa 1.000 gleichaltrigen Jungen zum Spatendienst 20 Kilometer südlich von Willkowischken in Litauen, um Panzergräben zu bauen. Dir gelang die Flucht bis Berlin, allerdings ohne Angehörige. Als junger Soldat hast Du dann an den Kämpfen um Berlin teilgenommen. Nach Kriegs-ende hast Du Dich im Sommer 1945 nach Ostpreußen auf den Weg gemacht, um Deine Angehörigen zu suchen, denn bei Deiner Tante hast Du vergebens auf sie gewartet. In Nettienen waren sie aber auch nicht. Da wolltest Du nach Willkowischken, wo wir die Panzergräben gebaut hatten. Du warst damals von einer litauischen Bauernfamilie so freundlich aufgenommen worden, zu dieser wolltest Du nun. Auf dem Weg dorthin kamst Du im September 1945 durch Bergetal von Georgenburg aus Richtung Breitenstein, wo wir - meine Mutter, mein Bruder und ich - unter Russen lebten, nachdem unsere Flucht im Januar mißglückt war. Ich arbeitete gerade im Garten, als ich Dich müde und verstaubt die Straße entlang kommen sah. Die Wiedersehensfreude war groß. Es gab aber kein Halten, Du wolltest weiter. Und noch einmal habe ich Dich wiedergesehen. Das war im Sommer 1947, als ich nach Litauen ging, um Kunstgegenstände zu verkaufen. Ich suchte Dich in dem 20 Kilometer südlich von Willkowischken gelegenen Ort, aber das Gehöft der litauischen Familie war abgebrannt. Ich fand Dich schließlich auf einem anderen Hof. Die Überraschung war groß. Als wir uns trennten, versprach ich, im Herbst wiederzukommen, aber im November durften wir in die damalige Ostzone ausreisen. Und Du - bist Du wirklich in Litauen geblieben?

Das ist jetzt die Frage. Wenn der Nettiener in Litauen geblieben ist, dürfte er schwerlich diese Zeilen lesen. Aber vielleicht stellen andere Landsleute die Verbindung her, und es kommt ein erneutes ungewöhnliches Wiederfinden auf diese Weise zustande? Hoffen wir mit Gerhard Hehnstädt! (Dorfstraße 25 in 18299 Wardow, Telefon 0 38 45-93 28 30.)

Eure Ruth Geede