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21.06.03 / Vor 40 Jahren kehrten Scharnhorst, Blücher, Gneisenau und Yorck zur Neuen Wache zurück<br>

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 21. Juni 2003


Warum Bülow erst später kam
Vor 40 Jahren kehrten Scharnhorst, Blücher, Gneisenau und Yorck zur Neuen Wache zurück
von Heinrich Lange

Am 24. August 2002 wurden in einer kleinen Feierstunde die Denkmäler der Generäle Gerhard von Scharnhorst und Fried-rich Wilhelm Graf Bülow von Dennewitz als "Berlins neuester Stadtschmuck", wie der Stadtentwicklungssenator in seiner Ansprache ausführte, auf der Grünanlage zwischen Staatsoper und Prinzessinnenpalais (Operncafé) enthüllt. Im Mai 1950 waren die beiden Standbilder von ihrem historischen Standort vor der Neuen Wache, dem einstigen Monument der Befreiungskriege gegen Napoleon Bonaparte, entfernt worden. Die Demontage der Reiterfigur des Denk- mals Friedrichs des Großen im Juni 1950, die Sprengung des Schlosses von September bis Dezember 1950 und die Umbenennung der Schloßbrücke in Marx-Engels-Brücke im Mai 1951 folgten. Nach der Gründung der DDR 1949 sollte ihrer wieder und neu aufzubauenden und zu gestaltenden sozialistischen Hauptstadt ihr preußisches Gesicht genommen werden.

Während König Friedrich Wilhelm III. 1816 seinen Hofarchitekten Karl Friedrich Schinkel mit der Planung der Neuen Wache beauftragte, wurde Christian Daniel Rauch, der nach seinem Lehrer Johann Gottfried Schadow bedeutendste preußische Bildhauer des Klassizis- mus, mit dem Entwurf der Generalsstatuen betraut. "Bülows Darstellung ist allgemeiner und schwieriger, macht aber in großen Falten eine hübsche Statue", schrieb Rauch 1816 zu den Entwürfen seiner Vertrauten Caroline v. Humboldt. In Carrara schuf er 1817/18 die Tonmodelle und ließ die Figuren im Groben aus dem Marmorblock herausarbeiten, um sie zur endgültigen Fertigstellung nach Berlin zu schicken, wo sie im Ok- tober 1818 über Hamburg eintrafen.

"Mitten in den Debatten des Ko-stümstreits, in dem sich Historiker und Künstler um Fragen der historischen oder antikischen Bekleidung stritten, stellte Rauch", so Jutta von Simson, die Verfasserin der Werkmonographie des Bildhauers von 1996, "die Feldherren in ihren zeitgenössischen Uniformen dar, über die er die weiten Heeresmäntel in großem Schwung bedeutungsvoll drapierte." Zur Darstellung des am 25. Februar 1816 verstorbenen "Siegers bei Dennewitz" diente Rauch auch ein "nicht völlig ausgearbeiteter Gipskopf nach der Totenmaske Bülows, die ihm der Königsberger Kunstlehrer Knorre zusandte". Bei letzterem handelt es sich um den 1800 aus Berlin als Professor an die Kunstschule in Königsberg berufenen Historien- und Porträtmaler Andreas Knorre, der 1804 auch die Totenmaske Immanuel Kants abgenommen hat.

"Im Gegensatz zum gelehrten Strategen Scharnhorst, den Rauch in nachdenklicher Haltung zeigt", so von Simson, "versinnbildlicht Bülow in selbstbewußter Pose den zur Tat bereiten Feldherrn." Bülow blickt "mit ernstem, energischen Ausdruck zum Scharnhorst hin, der rechts neben der Neuen Wache postiert, als Pendant ihm zugewandt erscheint." Die zeitgenössische Beschreibung in Leopold Freiherr von Zedlitz' "Neuestem Conversations-Handbuch für Berlin und Potsdam" (1834) lautet hingegen recht pathetisch: "Graf Bülow steht, die linke Hand auf sein Schwerdt gestützt, die rechte in die Seite gestemmt, mit frohem Muth und heit'rer Miene, wie es scheint, in sicherer Hoffnung des Sieges vor uns."

Mit dem Wiederaufstellen der Generäle Scharnhorst, Blücher, Gneisenau und Yorck 1963 gegenüber der 1960 zum "Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus" gewordenen Neuen Wache, "jährte sich", so der Leiter der obersten Denkmalschutzbehörde Berlins, Helmut Engel, im Jahre 1997 "immerhin zum 150. Mal die Wiederkehr der Freiheitskriege - die Nationale Volksarmee bedurfte Leitbilder. Am 1. Mai 1962 war die erste Ehrenwache der Nationalen Volksarmee vor dem Gebäude aufgezogen." Zum 150. Jubiläum der Befreiungskriege brachte die DDR auch einen Briefmarkensatz "Nationaler Befreiungskampf 1813" heraus, auf dem von den einst vor und gegenüber der Neuen Wache stehenden Generälen die Porträts Blüchers, Gneisenaus und Scharnhorsts erscheinen.

Bei Reinhard Brühl heißt es in einer Darstellung der Geschichte der Nationalen Volksarmee von 1985: "Zu den Traditionen der NVA gehören die Leistungen der preußischen Militärreformer und Patrioten zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Kampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft ... Als Hemmnis für den nationalen Befreiungskampf aber erwiesen sich die feudal-monarchistische Ordnung Preußens und die ihr entsprechenden sozialen Zustände in seiner Armee. In dieser Situation gaben Vertreter einer fortschrittlich gesinnten Adelsfraktion, patriotische Militärs und Politiker der Befreiung des Volkes von der napoleonischen Fremdherrschaft Vorrang vor der Bewahrung überkommener Zustände ..."

Nach dem "inzwischen zum Ahnherrn der DDR-Armee" (Friedrich Dieckmann) avancierten Heeres- reformer Scharnhorst wurde 1966 sogar die höchste militärische Auszeichnung der DDR, der Scharnhorst-Orden, benannt. Der aus dem heute zu Neustadt am Rübenberge gehörigen Bordenau bei Hannover gebürtige und 1801 in preußische Dienste wechselnde Generalstabs-chef Blüchers war am 28. Juni 1813 in Prag auf der Rückreise von Wien, wo er versucht hatte, Österreich für das Bündnis gegen Napoleon zu gewinnen, an den Folgen der in der Schlacht bei Großgörschen am 2. Mai jenes Jahres erlittenen Verwundung am Fuß verstorben. Daß der "Schöpfer des Volksheeres" aus einfachen bäuerlichen Verhältnissen stammte, konnte der Sache im "Arbeiter- und Bauern-Staat" nur dienlich sein. Der Vereinnahmung des bedeutenden, 1804 geadelten preußischen Militärreformers mußten demzufolge bei der Wiederaufstellung seines Denkmals die Hinweise auf Monarchie und Adel weichen: Der Preußenadler und die Sockelinschrift wurden getilgt und durch den einfachen Namenszug "Scharnhorst" ersetzt.

Das Denkmal des durch seine militärische Laufbahn, Eheschließungen und königlichen Dotationsgüter Grünhoff und Neuhausen bei Königsberg zum echten Wahl-Ostpreußen gewordenen Generals Bülow aber kehrte nicht zurück. Auch auf den Briefmarken von 1963 erscheint sein Porträt nicht. Hier steht neben Scharnhorst der russische General Michail Illarionowitsch Fürst Kutusow (1745-1813), der Oberbefehlshaber bei Austerlitz (1805), Borodino (1812) und der preußisch-russischen Armee im Frühjahr 1813. Sollte das Fehlen des Ostpreußen auf dem Briefmarkensatz und gegenüber der Neuen Wache damit zusammenhängen, daß das nach dem Zweiten Weltkrieg an Rußland gefallene nördliche Ostpreußen mit Königsberg in der DDR bekanntlich ein absolutes Tabuthema war?

Über die bisher nicht näher bekannten Gründe für die Nichtaufstellung des Bülow-Denkmals machte der Arzt und Leutnant a. D. Joachim-Albrecht Graf Bülow von Dennewitz (geb. 1925), ein Ururenkel des berühmten Generals, zuletzt in seinem 2000 in Bonn gehaltenen Vortrag "Die Odyssee der Standbilder vor der Neuen Wache" höchst aufschlußreiche Ausführungen. Peter Bloch, der Direktor der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin, schrieb ihm 1979: "Das Bülow-Denkmal ... wird im Gegensatz zu den anderen preußischen Generälen aus ideologischen Gründen nicht wieder aufgestellt, da Bülow der Koalition mit dem russischen Zaren reserviert gegenüberstand."

Dazu bemerkt der Nachkomme: "Aus meiner Kenntnis der Historie wußte ich aber, diese Aussage kann nicht richtig sein. Denn ich besitze u. a. auch Briefkopien des Zaren an den General Bülow, die sich sehr wohlwollend anhören. Und so kam mir der Verdacht, die sog. ‚Wissenschaftler' der ersten Stunde in der DDR haben den General Friedrich Wilhelm mit seinem Bruder Heinrich Dietrich verwechselt", der "ein bekannter Militärschriftsteller, ein Vorgänger von Clausewitz" war. "Er war sehr von sich eingenommen und der Meinung, wenn er 1806 das Sagen als preußischer General gehabt hätte, wäre es nicht zur Kata-strophe von Jena und Auerstedt gekommen. Heinrich Dietrich schrieb unter anderem eine militärgeschichtliche Abhandlung über den ‚Feldzug von 1805'. Hier kann man haarsträubende Dinge über die russischen Zaren, das russische Volk und die russischen Soldaten nachlesen ... Jedenfalls wurde Heinrich Dietrich auf Verlangen des Zaren an Rußland im Jahre 1806 ausgeliefert ... Und so kam die letzte Nachricht ... aus der Gegend von Riga."

"Jedoch", so Graf Bülow weiter, "ich fand sehr bald heraus, daß die Verwechslung des Generals Fried-rich Wilhelm mit dem Schriftsteller Heinrich Dietrich v. Bülow noch eine andere Ursache hatte ... Theodor Fontane ... muß die Schriften des Heinrich Dietrich v. Bülow sehr gut gekannt haben, denn er legt dem fiktiven Bülow, den er nie mit Vornamen nennt, dafür aber häufig als ‚General' anreden läßt und bezeichnet, in seiner 1883 geschriebenen Novelle ‚Schach von Wuthenow' weitere abfällige Bemerkun-

gen über die Russen und die Zustände in der Allianz in den Mund. Somit war die Verwechslung zwischen den beiden Bülows perfekt, und der Falsche fiel in Ulbrichts Machtbereich in Ungnade ... Der ‚Schach von Wuthenow' behandelt die Ursachen über die katastrophale Niederlage Preußens 1806 und die Stimmung in Volk und Armee." Daß man tatsächlich die beiden Brüder Bülow verwechselt hatte, schrieb dem Ururenkel dann Klaus Bölling, der Ständige Vertreter der Bundesrepublik Deutschland in der DDR. Der Staatssekretär fand "1981 durch seine Mittelsmänner in der DDR" heraus, daß sich die Vermutungen "voll bestätigt" hätten: "Man hat den Irrtum ... die Verwechslung der beiden Bülows inzwischen erkannt. Und der General wäre in der DDR wieder ‚rehabilitiert' worden."

Wolfgang Venohr soll als Autor des Buches "Die roten Preußen" persönlichen Kontakt zum Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker, bekommen und ihm vorgeschlagen haben, "in Würdigung des 175. Jubiläums des Befreiungsjahres von 1813, das Bülow-Standbild wieder aufzustellen." Er teilte Graf Bülow in der Folge mit, daß das Denkmal "wahrscheinlich zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR 1989 wieder aufgestellt würde." Am 15. September 1988 erhielt Venohr ein Schreiben des Ost-Berliner Magistrats, daß "nach aufwendigen Restaurierungen die fünf verdienstvollen Generale der Befrei- ungskriege nach Schinkels Konzeption ‚Unter den Linden' wieder aufgestellt werden". 1991 wurde Graf Bülow vom Regierenden Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen, benachrichtigt, daß "der Senat beabsichtigt, die preußischen Generäle an ihrem ursprünglichen Ort wieder aufzustellen, damit deutsche Geschichte von den Befreiungskriegen bis heute wieder ablesbar wird".

Wegen der Ausstattung der "Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft" mit der vergrößerten Replik der "Mutter mit totem Sohn" von Käthe Kollwitz im Jahre 1993 wurde der Rückführungsplan aber revidiert. Die Kollwitz-Erben erklärten nämlich die Wiederaufstellung der Generäle für unverträglich mit der Mahnmals-Pietà ihrer Großmutter in der Neuen Wache und knüpften ihre Zustimmung zu der Nachbildung der Skulptur an die Bedingung, die Feldherren nicht vor dem Gebäude aufzustellen. Es blieb also fast alles beim alten, damit offenbar der "Gestaltungswille der DDR" sichtbar bleibt, "die Leistung der DDR-Stadtplanung" nicht "zu kurz" kommt, wofür der Kultursenator (PDS) schon als Baustadtrat des Bezirks Mitte plädiert hatte.

So stehen die Generäle Friedrich Wilhelm Graf Bülow v. Dennewitz und Gerhard v. Scharnhorst mit dem Rücken zu den weit hinter ihnen stehenden Kampfgefährten und Oberkommandierenden Blücher, Yorck und Gneisenau. Wie sehr Rauch von einem Blickkontakt zwischen den Generälen ausgegangen ist, zeigt sein Brief an Caroline v. Humboldt nach der Enthüllung der "beiden ersten Feldherren-Denkmäler" am 18. Juni 1822, dem siebten Jahrestag der Schlacht bei Belle Alliance: "bis Mehreres sich dazu gesellen wird ... sehen diese einzigen Beiden sich ziemlich verlegen an." Möge man sich bei der Frage nach dem Ort der Aufstellung der Standbilder Scharnhorsts und Bülows an den Schöpfer des Denkmal-Ensembles halten. Ein Brief von Rauch dokumentiert deren grundlegende Bedeutung in Schinkels Planung der Neuen Wache: "Zu der Wache gehörten im Geiste Schinkels zwei Marmorstatuen auf beiden Seiten mit grünen Bäumen hinter sich so nothwendig, wie das Dach auf seinem Gebäude."

Blick auf die Neue Wache: Im Vordergrund sind die Rückseiten der Denkmäler für die Generäle Gerhard v. Scharnhorst und Friedrich Wilhelm Graf Bülow v. Dennewitz zu sehen Fotos (3): Lange

Standbild des "Siegers bei Dennewitz": "Graf Bülow steht, die linke Hand auf sein Schwerdt gestützt, die rechte in die Seite gestemmt, mit frohem Muth und heit'rer Miene, wie es scheint, in sicherer Hoffnung des Sieges vor uns."

Aus dem Briefmarkensatz "Nationaler Befreiungskampf 1813": Wie Scharnhorst (links) ehrte die DDR auch Blücher und Gneisenau mit einem Postwertzeichen - nicht aber Bülow