18.01.2022

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30.08.03 / Polen und Russen im Dienste der Wehrmacht 

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. August 2003


"Ruki werch - Hände hoch"
Polen und Russen im Dienste der Wehrmacht 
von H.-J. von Leesen

Immer wieder sind es Forschungsergebnisse ausländischer Historiker, die in Deutschland eher beachtet werden, als wenn deutsche Geschichtswissenschaftler sich der Erforschung zeitgeschichtlicher Themen annehmen, die nicht unbedingt in den Rahmen der politischen Korrektheit passen (abgesehen davon, daß beamtete bundesdeutsche Historiker sich kaum an solche Themen wagen).

Einer jener Historiker, die sich immer wieder mit wenig oder kaum beachteten Problemen befassen, ist der Pole mit deutschem Paß, Bogdan Musial, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Warschau. Er war es bekanntlich, der neben dem ungarischen Historiker Ungvary durch seine Aufdeckung handfester Fäl- schungen die Reemtsmasche Wehrmachtausstellung zu Fall brachte.

Er hatte im Februar dieses Jahres in einem Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung die Behauptung relativiert, daß sich die Polen im Zweiten Weltkrieg geschlossen gegen die deutsche Besatzungsmacht gestellt hätten und nicht zur Zusammenarbeit bereit gewesen wären. Am 28. Februar konnte man lesen, daß im Jahre 1940 polnische Politiker der Reichsregierung vorschlugen, eine Kollaborationsregierung im deutsch besetzten Polen zu bilden, unter ihnen ehemalige Minister und ein bekannter Publizist.

Die deutsche Seite ging auf solche Angebote nicht ein, wie sie auch die ihnen gemachten Vorschläge, polnische Truppen aufzustellen, die an deutscher Seite gegen den Bolschewismus kämpfen wollten, ablehnte. Hitler wollte den polnischen Staat zerstören - genauso wie Stalin. Unbeschadet dessen arbeiteten Tausende von Polen im deutschen Besatzungsapparat, in der Verwaltung oder bei der Polizei, und das nicht nur widerwillig und um zu überleben, sondern zum großen Teil mit Eifer. Sie beteiligten sich an der Bekämpfung des Widerstandes und an der Judenverfolgung.

Nun ruft Bogdan Musial in einem langen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen (11. August 2003) in Erinnerung, daß sich die sowjetische Herrschaft in der UdSSR trotz der enormen militärischen Massierung der Roten Armee im Grenzgebiet aufzulösen drohte, als am 22. Juni 1941 die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion einmarschierte. Wie seinerzeit bereits die deutschen Soldaten zu Hause mit Erstaunen berichteten, waren große Teile der Sowjetarmee nicht bereit zu kämpfen. Die Soldaten ergaben sich oder desertierten in großer Zahl.

Musial hat einen Ausschnitt aus seiner Forschungsarbeit der Öffentlichkeit präsentiert. Innerhalb von wenigen Tagen nach dem 22. Juni strömten Zigtausende von Rotarmisten, ohne Widerstand zu leisten, in die deutsche Gefangenschaft. Ganze Divisionen verließen, ohne einen Schuß abgegeben zu haben, ihre Stellungen und flohen entweder ins Hinterland oder ergaben sich der Wehrmacht. Stalin sah in Moskau mit Entsetzen, daß die Völker der Sowjetunion nicht bereit waren, sein System zu verteidigen. 24 Jahre kommunistische Herrschaft hatte genügt, die Soldaten zu bewegen, ihre Waffen wegzuwerfen, und weite Teile der Zivilbevölkerung begrüßten gar die vorrückenden deutschen Truppen als Befreier.

Innerhalb eines halben Jahres befanden sich 3,3 Millionen sowjetische Soldaten in deutscher Kriegsgefangenschaft (nach Joachim Hoffmanns "Stalins Vernichtungskrieg" sogar 3,8 Millionen). Musial zitiert die Meldung eines hohen Parteifunktionärs vom 8. Juli 1941: "Keine der Truppen, die in der Oblast Pinsk stationiert waren oder durch die Oblast durchzogen, hat gegen den Feind gekämpft. Sie zogen ab, nachdem sie des Anrückens des Gegners auf eine Entfernung von 40 bis 60 km gewahr wurden." Allein im zweiten Halbjahr 1941 registrierten die deutschen Auffangstellen etwa eine Million Überläufer aus der Roten Armee. Stalin wählte zwei Wege, um seine Soldaten zum Kämpfen zu veranlassen, von denen Musial den ersten schildert. Er beauftragte den Sicherheitsapparat, den NKWD, mit allen Mitteln der Gewalt die Sowjetsoldaten an der Flucht oder an der Kapitulation zu hindern. Der NKWD sollte die "revolutionäre Ordnung" in der Roten Armee wieder herstellen. "Zu den ersten Maßnahmen gehörte die Verhaftung und Erschießung von hohen Kommandeuren."

Zahlreichen Generälen wurde vorgeworfen, die Verteidigung des Landes desorganisiert und es dem Feind ermöglicht zu haben, die Frontlinien zu durchbrechen. Allein im Oktober 1941 ließ Stalin neun Generäle erschießen. Es wurden Sonderabteilungen des NKWD gegründet, deren Hauptaufgabe so definiert wurde: "Erbarmungslose Abrechnung mit Panikmachern, Feiglingen, Deserteuren, die die Kampfstärke der Roten Armee untergraben und sie in Verruf bringen." Fahnenflüchtige wurden auf der Stelle erschossen. Bei den Divisionen, Korps und Armeen waren Schützeneinheiten und an den Frontabschnitten Schützenbataillone aufzustellen, bestehend aus Mitgliedern des NKWD. Sie sollten Fahnenflüchtige aufgreifen, festgestellte Deserteure vor ein Militärgericht stellen und gegebenenfalls sofort erschießen. Die Angehörigen von Soldaten, die in Gefangenschaft geraten waren, erhielten keine staatliche Unterstützung mehr. Gefangene galten als Deserteure. Hohe Offiziere, die von der Wehrmacht gefangengenommen worden waren, wurden in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Als das alles nichts nützte, wurden in allen Schützendivisionen aus politisch zuverlässigen Soldaten Sperrabteilungen aufgestellt, je Regiment eine Kompanie. Sie hatten mit Gewalt die Soldaten an der Flucht zu hindern und "Anstifter zur Flucht und Panik erbarmungslos zu vernichten". An der Leningrader Front mußten im Süden der Stadt gleich drei Sperrriegel dieser Art aufgebaut werden, um flüchtende Soldaten abzufangen. Dieser widerliche Terror gegen die eigenen Soldaten nahm so extreme Ausmaße an, daß die Wirkung ins Gegenteil umschlug. Es kam vor, daß Soldaten aus Angst vor den eigenen Terrorgruppen zur Wehrmacht überliefen.

Bis Ende Dezember 1941 meldete der Chef der Geheimdienste, Berija, daß seine Organe innerhalb eines halben Jahres 638.112 Soldaten unter dem Verdacht der Fahnenflucht festgenommen hatten. Trotz allem hatten sich laut Musial Tausende sowjetische Soldaten den deutschen Truppen nicht nur ergeben, sondern sich ihnen sogar als Hilfswillige angeschlossen.

"Sie dienten als Gespannfahrer, Ordonanzen, Dolmetscher, sie kämpften aber auch mit der Waffe in der Hand." Weiter der deutsch-polnische Historiker: "Im September 1941 standen der deutschen Wehrmacht etwa vier Millionen sowjetische Soldaten gegenüber. Die Gesamtzahl der kriegsgefangenen, fahnenflüchtigen und versprengten Soldaten war in den ersten sechs Kriegsmonaten (...) größer als die der im September 1941 an der Front eingesetzten Soldaten der Roten Armee." Die zweite Maßnahme Stalins, um seine Soldaten endlich zum Kämpfen zu bewegen, wurde in Musials Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (noch) nicht erwähnt, nämlich die sofortige Ankurbelung einer Greuelpropaganda gegen die Deutschen.

Den Soldaten wurde über Armeezeitungen, Rundfunksendungen, ihre politischen Offiziere eingeredet, die Deutschen würden sowjetische Gefangene zu Tode quälen, sie von Panzern in Stücke reißen lassen, verstümmeln. Frauen und Kinder würden von den Deutschen zu Tode gemartert. So bemühte sich die Sowjetführung, Haß auf die Deutschen zu erzeugen und die Angst vor der Gefangenschaft zu schüren.

Das änderte zunächst nichts daran, daß sich Rotarmisten millionenfach ergaben. Diese in keiner Weise erwarteten Massen waren dann der Grund dafür, daß die deutsche Seite mit der Betreuung, Verpflegung und Unterbringung vor Einbruch des Winters überfordert war, was zum Massensterben der zum Teil völlig erschöpften Gefangenen führte. Daß der Kampf gegen die deutsche Wehrmacht ein "großer vaterländischer Krieg" war, entlarvt sich als Propagandalüge. So empfanden ihn die Sowjetbürger keinesfalls. Nichts da von "Sowjetpatriotismus" und "Massenheroismus".

Nur Angst vor dem bolschewistischen Terrorapparat brachte die Masse der Soldaten dazu, nicht überzulaufen oder fahnenflüchtig zu werden. So schaffte es Stalin, zusammen mit den schlimmen Wetterbedingungen im Winter 1941/42, seine Front zu stabilisieren.

Bilder: Polnische Politiker machten Vorschläge zur Zusammenarbeit

Stalin liess in der ersten Kriegsphase etliche Generäle erschiessen

Hetzpropaganda sollte Rotarmisten vom Desertieren abhalten

Nur spärlich bewacht: Entwaffnete Russen auf dem Weg in die deutsche Kriegsgefangenschaft Foto: Archiv