17.01.2022

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30.08.03 / Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 30. August 2003


Zuhören können / Was der Westen von Mielke gelernt hat 
Der Wochenrückblick mit Hans Heckel

Alle streiten sich um die "DDR-Nostalgie-Shows" im Fernsehen. So naiv dürfe man mit der roten Diktatur nicht umgehen, das sei Verharmlosung, giften die einen. Ihr habt doch gar keine Ahnung, wie schön es da wirklich war, schimpfen die anderen zurück. Sofort wurde (wie üblich) daraus ein Zank über "den Umgang mit unserer Geschichte" an sich, in den wir an dieser Stelle selbstverständlich mit allem gebotenen Ernst einsteigen wollen.

Manche sind richtig beleidigt, wie die Nach- oder Woandersgeborenen mit ihrer Vergangenheit umgehen. Ein Leser schrieb einer Tageszeitung: "Ich war behütet, kannte keine Gewalt und keine Drogen an den Schulen. Ich zahlte für eine Woche Mittagessen 2,70 Mark, und meine Eltern hatten Arbeit." Aus Gründen der Zeitersparnis haben wir nicht mehr recherchiert, ob sich die Heimatfilm-Jugend in den 80er oder den 30er Jahren zugetragen hat. Ist ja auch egal: Genauso war's - auf alle Fälle!

Im TV geht es nun um die DDR, und da war in der Tat einiges gar nicht so schlecht. Als besuchender Westdeutscher konnte man vieles lernen hinterm "Schutzwall". Über Fußball hat man eine Menge erfahren. Fußball war wichtiger als alles andere. Das Thema unterbrach sogar jede noch so brisante politische Debatte, sobald sich jemand an den Nebentisch setzte, der nicht nur besser zuhören konnte als wir westdeutschen Quasselstrippen, sondern damit sogar sein Geld verdiente. "Nähe zum Mitmenschen", einfach mal zuhören können war die Berufung solcher Nebentisch-Sitzer, wie es Stasi-Minister Mielke noch auf seiner bewegenden Abschiedsrede vor der Volkskammer rührend hervorhob. Man unterhielt sogar eigene Heime für Leute, deren Geschichten den Zuhörern besonders zu Herzen gegangen waren.

Arrogante Wessis höhnten damals, wie rückständig die "Zone" sei. Das wissen wir heute besser, denn die Berufszuhörer haben wir heute auch. Selbst politisch wie literarisch gänzlich Unbegabte machen sie zu Helden in den Berichten, die sie zum besseren Überblick über die Volksbefindlichkeit anfertigen. Seit 1990 sind wir Westdeutschen überdies viel mutiger geworden. Früher zuckten wir noch an jedem Wahlabend zusammen: Es könnte sich ja etwas Grundlegendes ändern, fürchteten wir allen Ernstes. Heute haben die Urnengänge längst ihren Schrecken verloren, nachdem uns die Neu-Bundesbürger belehrt hatten: "Ruhig Blut. Egal wie die Zahlen werden, ändern tut sich sowieso nichts." Die wußten das aus Erfahrung, wir mußten es erst lernen.

Das Entscheidende an den Ostalgie-Shows aber bleibt: Sie sind der Beweis, daß die "Innere Einheit" wirklich vollzogen ist. Denn endlich wird Geld mit der DDR verdient, wird sie objektiv bewertet, das heißt danach, wieviel Quote sie bringt. Nehmt doch bloß nicht alles so furchtbar schwer, ist die Botschaft. Wollte nicht auch das Sandmännchen zur Grenztruppe? Na also.

Kanzler Schröder ist das leuchtende Beispiel dieser neuen deutschen Leichtigkeit. Bunt soll das Leben sein, bunt wie die Ergebnisse der Rürup-Kommission, die uns zu drei Problemen gleich neun unterschiedliche Lösungen anbietet und verwirft. So bunt ist auch der Kanzler, meistens. Letzte Woche hat er uns allerdings einen kleinen Schrecken eingejagt. Nachdem er und Silvio Berlusconi sich in der Oper gekonnt verpaßt hatten, ließ er uns wissen, daß es zwischen Deutschland und Italien nie Verstimmungen gegeben habe. Auweia! Wenn das römisch-germanische Gefeixe im Sommer keine "Verstimmung" war, wenn das also ganz normal gewesen sein soll, was geschieht dann, wenn es wirklich mal kracht? Kommt dann Krieg? Nun ist Krieg mit der italienischen Armee nicht gerade das, was die Militärs dieser Welt in blasses Entsetzen verfallen ließe. Andererseits: Peter Struck am Kartentisch einer richtigen Schlacht? Da sind wir mal froh, daß die Alpen so hoch sind.

Und daß es die Europäische Union gibt, die alles friedlich regelt. Die sollte uns sehr lieb sein. Und teuer, doch da hapert es noch. Die EU-Parlamentarier werden bislang so miserabel bezahlt wie ihre Kollegen in den jeweiligen Nationalparlamenten, alle unterschiedlich. Das soll nun behoben werden. Alle wollen künftig das gleiche kriegen. Indes wollte ihnen eine "Expertenkommission" gerade mal lumpige 7.000 Euro monatlich zugestehen (plus Reisespesen und eine Kostenpauschale von 16.000 Euro für Mitarbeiter und dies und das). Das hätte bedeutet, daß ein ungarischer EU-Abgeordneter nicht einmal das zehnfache dessen erhält, was sein Ministerpräsident in Budapest verdient. Wie soll sich so die Strahlkraft der europäischen Idee in den Herzen der Neumitglieder entfalten? Die Straßburger Parlamentarier fanden wie immer eine großzügige Lösung und haben sich - nach mühsamen Verhandlungen mit sich selbst - am Ende zu einem Betrag von 8.671 Euro pro Monat durchgerungen (plus ... siehe oben).

Das Grundgehalt ist besonders für das spätere Ruhegeld wichtig, für dessen Berechnung die Zusatzvergütungen keine Rolle spielen. Um ihre Altersversorgung machen sich ja auch immer mehr Deutsche Sorgen. Allen voran der Kanzler. Der hat sich seine Rente kürzlich ausrechnen lassen und war unzufrieden. Deshalb ließ er andeuten, daß er 2006 nun doch zum dritten Mal kandidieren will. Das ist eine Gemeinheit. Schon 1998 hat er fest versprochen: Nach acht Jahren seid ihr mich los, spätestens, ganz ehrlich! Und nun das. Dabei brauchen wir Schröder gar nicht so lange. Die Union könnte uns mindestens zwanzig Jahre ganz allein regieren. Das müßte sie sogar, wenn alle ihre Konzepte auch drankommen sollen: die von Merkel, die von Koch, die von den mitteldeutschen Ministerpräsidenten, die von Stoiber und die von Seehofer. Da keine der unterschiedlichen Ideen mit den anderen zusammenpaßt, müßte man sie in noch zu regelnder Reihenfolge nacheinander zerreden. So hätten wir zwanzig Jahre Unionsregierung, ohne auf Abwechslung verzichten zu müssen. Schröder kann ja nach Europa gehen, da wird künftig das Geld verdient, und von dort kommen später die dicksten Pensionen.

Wenn nun aber die Politikerpensionen immer fetter werden, wie sollen dann die Renten der Normalbürger noch beglichen werden, fragt sich der verwirrte Steuerzahler. Ganz einfach: gar nicht. Der Vorschlag "Rente mit 67" ist nämlich bloß ein Trick. Die Leute sollen nur länger arbeiten, damit sie nicht zu früh bemerken, daß sie danach in der Suppenküche enden. Indem die Politiker ihnen zudem die Gesundheitsversorgung streichen, stellen sie sicher, daß die armen Idioten zum Widerstandleisten im Rentenalter viel zu klapprig sein werden.

"Schlimmer als einen Sack Flöhe zu hüten! Zeichnung: Götz Wiedenroth

Endlich wird die DDR objektiv bewertet: Danach, ob sie Quote bringt oder nicht