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08.11.03 / Trauern und Erinnern - aber wer, wo und wie?

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. November 2003


Hans-Jürgen Mahlitz:
Trauern und Erinnern - aber wer, wo und wie?

Gegen das Vergessen - also für das Erinnern: Wer will nicht gern dieser recht allgemein gehaltenen Forderung zustimmen? Erlittenen Leides zu gedenken, um Opfer zu trauern, das zählt zu den ungeschriebenen Grundrechten des Menschen.

Eigentlich sollte es also ganz einfach sein, die simple Frage "Erinnern oder Vergessen?" zu beantworten. Dennoch kommt es darüber immer wieder zum erbitterten Streit. Schaut man freilich genauer hin, dann erkennt man: Es geht hier gar nicht um das "Ob", sondern um das "Wer", "Wo" und "Wie". Daß diese ohnehin schwierige Diskussion in Deutschland zur Zeit gleich aus zwei Anlässen geführt wird, macht die Sache nicht leichter.

Der erste Anlaß ist das Berliner Holocaust-Mahnmal, das neuerdings als "umstritten" gilt. "Umstritten" ist natürlich nicht der Grundsatz, daß die größte Opfergruppe des Nationalsozialismus das Recht hat, ihrer Leiden zu gedenken, sondern allenfalls die Frage, ob das, was da in der alten und neuen Hauptstadt Deutschlands entsteht, wirklich der Würde der Opfer gerecht wird und auch dem hehren Anspruch, durch Erinnern künftigem Leid entgegenzuwirken.

Für mich persönlich kann ich hier nur mit einem klaren Nein antworten. Auch wenn von noch so vielen Kunstexperten mit noch so geschwollenem Geschwafel diese 2.700 Betonklötze zum Jahrhundertwerk hochgejubelt werden - sie können auch nicht annähernd die emotionale Dichte von Gedenkstätten wie Yad Vashem in Jerusalem vermitteln und wirken letztlich eher wie eine Verhöhnung denn eine Würdigung der Opfer. Viele Berliner Bürger empfinden dieses Betonmonstrum im Herzen ihrer Stadt als Ärgernis. Die Initiatoren hätten eben auch die Gefahr bedenken müssen, daß der Zorn über diese unästhetischen Klötze sich bei einfältigen Gemütern gegen die Nachfahren der Opfer richten könnte. Dazu trägt auch die lächerliche Argumentation bei, mit der jetzt die Firma Degussa von der Mitgestaltung des Mahnmals ausgeschlossen wurde.

Inzwischen fordert der in Tel Aviv geborene, heute in Berlin lebende Schriftsteller Rafael Seligmann, den Bau des Mahnmals einzustellen; er spricht von einer "politischen Korrektheit des Kuratoriums und einer Reihe von Politikern, die auf die Weltmeinung schielen". Auch Mahnmal-Architekt Peter Eisenman distanziert sich (s. Seite 24).

Leider ist zu befürchten, daß die politisch korrekten Initiatoren sich von solch massiver Kritik nicht beeindrucken lassen. Das Mahnmal wird gebaut, und am Ende wird man wohl sagen müssen: gut gemeint, aber miserabel schlecht gemacht.

Weiter ist zu befürchten, daß ein anderes Mahnmal letztlich nicht gebaut wird: das für die deutschen Opfer von Flucht und Vertreibung. Hier steht, anders als beim Holocaust-Mahnmal, nicht vorrangig das "Wie" und das "Wo", sondern das "Wer" in Frage. Denn alle Argumente, die von den Gegnern des BdV-Projekts vorgetragen werden, zum Beispiel gegen Berlin als Standort, sind vorgeschoben - in Wahrheit soll diesen Menschen das Grundrecht des Erinnerns vorenthalten werden. Und war-um? Vielleicht darum: Wenn die Opfer öffentlich wahrnehmbar werden, könnte ja jemand auf die Idee kommen, auch nach den Tätern zu fragen ...