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08.11.03 / Einseitige Wahrnehmung deutscher Geschichte führt zum Werteverlust 

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. November 2003


Um des Kaisers Bart
Einseitige Wahrnehmung deutscher Geschichte führt zum Werteverlust 
von Carl Gustaf Ströhm

Eine seinerzeit als konservativ und national eingestufte, inzwischen aber weit in die linkslastige Beliebigkeit abgeschwommene deutsche Tageszeitung brachte neulich eine Betrachtung über das Sozialistengesetz der Ära Bismarck.

Nun kann man über das Bismarck-Reich sowie über die Beziehungen zwischen dem ersten Reichskanzler und der Sozialdemokratie durchaus verschiedener Meinung sein. Was aber an besagtem Aufsatz auffiel, war der flapsige bis rüde Ton, mit dem das Thema abgehandelt wurde. Über ein auf Kaiser Wilhelm I. 1878 verübtes Attentat hieß es da: "Es ist dem langbärtigen Wilhelm I. nicht viel passiert. Dem schnurrbärtigen Reichskanzler Bismarck boten die Anschläge jedoch den Anlaß, nach einer wilden Kampagne gegen die Sozialdemokraten das Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie parlamentarisch durchzupeitschen." An anderer Stelle des zitierten Aufsatzes hieß es über die SPD, daß ihr am Ende des Kaiserreichs die Macht im Staat zufiel, "weil die wilhelminischen Eliten sich aus der Verantwortung für Krieg und Niederlage stahlen".

Einigermaßen erstaunlich ist die - gelinde gesagt - selektive Wahrnehmung von Geschichte, die hier zu-tage tritt. Das Hervorheben von Wilhelms Voll- und Bismarcks Schnurrbart dient nicht der Information, sondern ist ein billiger Gag, um Vorurteile herauszukitzeln. Genauso könnte man über den "fettleibigen" Kohl oder den "kurz gewachsenen Schröder" jede Menge geschmackloser Späße machen. Was aber heißt hier der Begriff "parlamentarisch durchpeitschen"?

Das damalige Deutsche Reich hatte ein nach dem allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrecht gewähltes Parlament. Das heißt: der Reichskanzler, ob schnurrbärtig oder nicht, war auf parlamentarische Mehrheiten und die Zustimmung des Monarchen angewiesen.

Zum andern muß die Nervosität breiter Kreise - auch und gerade des liberalen Bürgertums - über anscheinend revolutionäre "Umtriebe" der damaligen Sozialdemokratie aus der Zeit verstanden werden. Es war die Ära der Attentate - in Rußland fiel wenige Jahre später Zar Alexander II. einem Attentat der Organisation "Volkswille" (Narodnaja Wolja) zum Opfer - einer Gruppe, die man auch nach heutigen Maßstäben als terroristisch bezeichnen würde. In jenen Jahren gab es immer wieder mißlungene oder auch gelungene Anschläge gegen gekrönte Häupter: gegen den österreichischen Kaiser Franz Josef, gegen die Kaiserin Elisabeth, gegen russische Großfürsten. Es war eine unruhige Zeit im Umbruch - und die Nervosität sollte daher verständlich sein. Hier zeigt sich, wie leicht man zu atmosphärischen Fehleinschätzungen gelangt, wenn man die Dinge oberflächlich aus heutiger Warte abhandelt (und die beteiligten Personen dementsprechend abkanzelt).

Noch deutlicher wird das bei der Behauptung, am Ende des Kaiserreichs hätten sich die wilhelminischen Eliten "aus der Verantwortung für Krieg und Niederlage" gestohlen. Dieser Satz impliziert zunächst, daß für den Ersten Weltkrieg die (nicht näher spezifizierten) wilhelminischen Eliten Schuld tragen. Das aber wäre zumindest eine nähere Untersuchung wert - und man müßte schon Roß und Reiter beim Namen nennen (was hier nicht geschieht). Zum andern aber: wenn man die damalige deutsche Heeresleitung oder weite Teile des Offizierskorps und der heimkehrenden Fronttruppen nimmt, so haben sie sich keineswegs "davongestohlen", sondern sich der sozialdemokratischen Regierung unter Friedrich Ebert und Gustav Noske (dem ersten Reichswehrminister aus den Reihen der SPD) zur Verfügung gestellt. Die Mehrheitssozialdemokraten wurden damals von einer relativ kleinen, aber höchst aktiven und rücksichtslos agierenden Gruppe von Linksextremisten bedrängt. Im Bündnis zwischen Heer (später: Reichswehr) und gemäßigter Sozialdemokratie wurden kommunistische (spartakistische) Aufstände in Berlin und Sachsen niedergeschlagen. Bekannt wurde der Ausruf des alten Sozialdemokraten Noske: "Einer muß der Bluthund sein" - womit dieser aufrechte Mann meinte, daß man ihm die Schuld dafür anlasten würde, wenn die Reichswehr das Feuer auf die "Spartakisten" eröffnete. Dieses Zusammengehen von "wilhelminischen Eliten" und Sozialdemokratie rettete Deutschland davor, schon 1919 eine "Räterepublik" (das heißt: Sowjetrepublik) zu werden. Gewiß, auch hier kann man getrost die kritische Sonde ansetzen - aber Tatsache bleibt, daß die vielzitierte "Weimarer Republik" ohne die Mitwirkung sogenannter "wilhelminischer Eliten" niemals zustande gekommen und das Reich womöglich in Chaos und Blut versunken wäre.

Daß dann durch die Weltwirtschaftskrise, die drückenden Reparationslasten, die zutiefst demütigenden Bestimmungen des Ver- sailler Vertrags alles anders kam und Hitler an die Macht gelangte, steht auf einem anderen Blatt und war aus der Perspektive der frühen zwanziger Jahre nicht vorauszusehen. Immerhin haben die wilhelminischen Eliten - bis hinauf zum Reichspräsidenten Hindenburg - an Hitler und seinen Rabauken keinen Gefallen gefunden. Als sie dann mit ihm koalierten, geschah das mit der Absicht, ihn möglichst kleinzuhalten. Wenn diese Leute keine Ahnung von totalitären Methoden und von Demagogie hatten, so kann man nur die Gegenfrage stellen: Wer hatte das damals schon? Natürlich könnte man fragen: Lohnt sich überhaupt eine solche Auseinandersetzung mit solch verkürzten und verzerrten historischen Darstellungen? Der besagte Aufsatz ist ja kein Einzelfall: Tagtäglich prasseln auf den deutschen "Normalverbraucher" Darstellungen nieder, die nur ein Ziel zu kennen scheinen: die deutsche Vergangenheit "madig" zu machen, historische Persönlichkeiten zu demontieren und womöglich lächerlich zu machen (siehe Bismarcks Schnurrbart u. a.). Dieser Kahlschlag in den Köpfen hat nur einen Zweck: die ganze deutsche und vor allem preußische Geschichte als einzige Vorbereitung auf die "zwölf Jahre" darzustellen. Wer das in Frage stellt, läuft Gefahr, als Revisionist abgestempelt zu werden. Bei den "normalen" Menschen - also jenen, die keine Berufspolitiker oder Medienherrscher sind - rufen solche Versuche, besonders wenn sie in dereinst "bürgerlichen" Zeitungen unternommen werden, ein Gefühl der Frustration, des Ekels - und im Resultat des Abschaltens und Nichtlesens hervor. Da wendet sich der Gast mit Grausen. Bei ausländischen Beobachtern aber weckt solches Verhalten Befremden und Unverständnis.

Um von dieser Entwertung aller Werte, von diesem Ausschütten des Kindes mit dem Bade wieder loszukommen, bedarf es gemeinschaftlicher Anstrengungen. Hier sind besonders die Unionsparteien auf- gerufen, aber auch die traditionelle klassische Sozialdemokratie. Was immer man über Schröder und seine Unpopularität sagen mag, er hat es bisher verstanden, die radikalen Kräfte am linken Rand irgendwie im Zaum zu halten. Natürlich mit oft bedenklichen taktischen Konzessionen, aber immerhin. Die Union aber - hier kann man ihrem stellvertretenden Fraktionschef Merz nur recht geben - muß aufhören, die bessere SPD sein zu wollen. Sie muß, so spät es schon sein mag, den Versuch wagen, eine deutlich sichtbare Politik der Wahrung deutscher Interessen zu verwirklichen.

Geschieht das nicht, wird sich jenseits aller Renten- und Krankenkassendiskussionen der Schrei nach einer Sinngebung für alles das ausbreiten, was um uns geschieht. Es wäre fatal, wollte man die Befriedung dieser unbewußten Sehnsüchte anderen, womöglich gefährlichen Kräften überlassen.

Die Eliten stahlen sich nach dem Krieg angeblich aus der Verantwortung

"Die Union muss aufhören, die bessere SPD sein zu wollen"

Berlin 1919: Straßenkämpfe am Brandenburger Tor. Freikorps und Soldaten der Reichswehr kämpfen den Aufstand der Spartakisten nieder. Sie verhinderten eine kommunistische Räterepublik in Deutschland. Foto: Ullstein