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08.11.03 / Ein gutes Stück Arbeit

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. November 2003


Ein gutes Stück Arbeit
Von Gerhard Hahn

Das Getreide war unter Dach und Fach. Anzeichen des nahenden Herbstes waren spürbar. Über dem Nariensee lagen erste Frühnebel. Der Hitze des Hochsommers folgten die milden Septembertage, die vielen Ostpreußen als die schönste Zeit des Jahres galten.

Auf dem Lande allerdings war noch ein "gutes Stück Arbeit" zu bewältigen: die Hackfruchternte. Eine schwere, kraftzehrende Arbeit überwiegend von Frauen verrichtet, die von früh bis zum Abend in gebückter Haltung die Kartoffeln (auch Schucken genannt) je nach der Gegend - entweder mit der "Kartoffelforke" oder auch mit einer Hacke aus der Erde holten. Die Arbeit wurde leichter, als dann die erste Kartoffelmaschine, bespannt mit zwei Pferden, die Knollen aus der Erde warf, die dann nur aufgelesen werden mußten. Wir Kinder mußten als die "Großen" (so ab 13 Jahren) mit aufs Feld und das "Los" schaffen, denn die Maschine war schnell herum und kam dann von hinten!

Die vollen Körbe waren schwer, sie mußten oftmals auf die ho-hen Wagen ausgekippt werden, manchmal aber auch in Säcke. Als gewisse Belohnung zogen wir dann nach der Ernte über die Felder. Aufgespießt auf einer Weidenrute flog dann durch kräftigen Schwung, wie von einer Schleuder angetrieben, die Kartoffel hoch in den Himmel - ein toller Anblick! Allerdings war das nicht so ganz im Sinne des Bauern, denn die Kartoffeln sollte ja anderen Zwecken zugeführt werden.

Wenn der Bauer unsere Arbeit kontrollierte und noch eine kleine Kartoffel aus der Erde schiel-te, schubste er sie mit der Stiefelspitze ans Tageslicht und sagte dann: "So e kleenes Nucks'che is ooch e Schuck"! Dieser oft gehörte Satz wurde von uns dann auch ein wenig umgedichtet.

Jeden Abend spürte man schmerzhaft - vor allem im Rücken -, was man tagsüber getan hatte. Wenn gegen Abend die untergehende Sonne den Nariensee und die ihn umgebende Landschaft in ein warmes, fast unwirklich scheinendes gelbes Licht tauchte, ging im Oberland wiederum ein arbeitsreicher Tag dem Ende zu. Trotz der atemberaubenden Romantik freuten wir uns auf das kräftige Abendbrot - meistens Bratkartoffeln mit Speck und Rührei und Klunkermus mit Keilchen. Übrigens, der Franzose Felix saß mit an unserem Tisch.

Gerhard Hahn: Kartoffelernte im Oberland (Öl, 2002)