05.03.2024

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08.11.03 / Wirklich eine Wahnsinnsfrau

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. November 2003


Wirklich eine Wahnsinnsfrau
von Gabriele Lins

Er reagierte verstimmt, als sie zu ihm sagte, es sei an der Zeit, endlich mal an ein Kind zu denken, sie sei schließlich keine zwanzig mehr; sich umdrehen und das Kissen über die Ohren ziehen war eins.

Am anderen Morgen wurde dieses Thema nicht mehr erwähnt. Eine flüchtige Handbewegung und schon war er aus der Tür. Mit quietschenden Reifen fuhr er aus der Garage, obwohl er gut in der Zeit lag, aber die Vorstellung, so ein immerzu quäkendes Bündel im Haus zu haben, saß ihm im Nacken. Seine Frau stand heute nicht im Vorgarten, um ihm nachzuwinken. Weiber, dachte er noch, vergiß es einfach, Jan!

Auf der Zufahrtsstraße zur Autobahn mußte er halten. Auch das noch. Die Ampeln waren kaputt, und nichts ging mehr. Und so etwas an einem Montag morgen! Die Leute strömten nur so über den Zebrastreifen, die Menschenschlangen nahmen kein Ende.

Jetzt wurden seine Augen groß. Junge, Junge, die Frau, die da über die Straße stöckelt - wow, eine Wucht! Dieser elegante Gang, die Figur, die Kleidung, das lockige braune Haar, alles stimmt und paßt zusammen. Und die Beine - sagenhaft! Eine Wahnsinnsfrau! Da kommt man glatt ins Schwärmen. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor. Es war wohl die Frisur, seine Frau trug ihr Haar doch auch so ähnlich.

Auch die anderen Männer guckten, das konnte er sehen. Er hörte sogar, daß ihr ein junger Spund nachpfiff. Sie drehte sich kurz um, lächelte - und er erstarrte. Das kann doch nicht wahr sein! Das ist doch nicht ...?

Natürlich, diese Bewegung, wie sie den Kopf zurückwarf und sich die Locken aus dem Gesicht strich, war wie in ihn eingebrannt. Diese Schöne dort war seine eigene Frau. Plötzlich wurde es ihm bewußt, wie blind er bisher gewesen war. Wann hatte er Elise zuletzt so richtig angesehen, ihr gar ein Kompliment gemacht? Die Vorstellung schmerzte, daß andere Männer es durch- aus sahen, wie jung und hübsch seine Frau noch war.

Was wußte er von ihr? Wo ging sie jetzt hin? Da brauchte doch nur so ein Esel mit ein paar Blumen und noch blumigeren Worten zu kommen ... Und hatte Elise nicht recht mit ihrem Kinderwunsch? Sollte sein geräumiges Haus denn immer leer und still bleiben? Auf einmal sah er im Geist eine große Schaukel in seinem Garten stehen, auch ein Sandkasten war da und eine Wippe. Er hörte Kindergeschrei und vor allem das Lachen seiner Frau. Und er stand tatsächlich mitten drin in diesem Familienglück und warf gerade seinen Jüngsten in die Luft, der übermütig kreischte. Aber all das geschah ja nicht bei ihm, sondern drüben bei seinem Nachbarn, der anscheinend klüger war als er.

Es war nur natürlich, daß er Elise abends einen Rosenstrauß mitbrachte und sie endlich mal wieder zum Essen beim Italiener einlud. Im Restaurant gestand er ihr, er wisse wohl, daß er manchmal ein wenig ungerecht sei. "Und das Kind sollst du natürlich haben", sagte er in seiner selbstherrlichen Art, als sei dies eine ganz alltägliche Sache, die man so nebenher erledigt.

Sie nickte, sagte aber nicht viel, eigentlich gar nichts, und er fühlte, daß jahrelange lieblose Worte und Handlungen nicht so schnell wegzuwischen waren. Aber er würde es schon hinkriegen, ein Kerl wie er!

"Bist du nun zufrieden, mein Schatz?" fragte er, und seine Zunge war schon ein wenig schwer vom Wein und von seinem Edelmut. Lächelnd kramte sie in ihrer Handtasche und hielt ihm dann ein merkwürdiges Foto unter die Nase. "Ultraschall", sagte sie, "darauf kannst du es deutlich sehen: wir bekommen einen kleinen Jungen."