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08.11.03 / Das historische Kalenderblatt: 13. November 1933 - Der "Sportpalastskandal" in der Reichshauptstadt Berlin

© Das Ostpreußenblatt / Preußische Allgemeine Zeitung / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 08. November 2003


Das historische Kalenderblatt: 13. November 1933 - Der "Sportpalastskandal" in der Reichshauptstadt Berlin
"Viehhändler- und Zuhältergeschichten"

Der Aufstieg der der NSDAP zumindest nahestehenden Glaubensbewegung Deutsche Christen (GDC) begann nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung". Zum Durchbruch verhalf Adolf Hitler der Protestantenorganisation, als er für den 23. Juli 1933 Kirchenwahlen für den Gesamtbereich der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) festsetzte und am Vorabend der Wahl über den Rundfunk eine mehr als indirekte Wahlempfehlung für die GDC abgab. Die Folge war, daß die Glaubensbewegung wie in der DEK mit Ludwig Müller auch in vielen Landeskirchen eigene Kandidaten als Kirchenführer durchsetzen konnte.

Wie im Staate gab es jedoch auch in der evangelischen Kirche Nationalsozialisten, denen der Austausch von Führungsfiguren nicht genügte. So wie die Männer um SA-Stabschef Ernst Röhm eine über die "nationale Revolution" hinausgehende "zweite Revolution" erstrebten, wollte ein Teil der Deutschen Christen eine über die Veränderung von Verfassung und Ordnung hinausgehende Änderung von Schrift und Bekenntnis.

Besonders stark war diese radikale Strömung innerhalb der GDC im Gau Groß-Berlin. Am 13. November fand hier im Sportpalast eine Gau-tagung statt. 20.000 Teilnehmer hatte diese Großveranstaltung, darunter auch viel GDC-Prominenz. Als erster sprach der Reichsleiter, Bischof Joachim Hossenfelder, der anschließend mit seinem Troß die Versammlungsstätte verließ, um einen anderen Termin wahrzunehmen. Nun nahm als Hauptredner dieses Abends der Berliner Gauobmann Dr. Reinhold Krause das Wort. Das Mitglied der brandenburgischen Provinzialsynode, der preußischen Generalsynode und des preußischen Kirchensenats sowie stellvertretende Mitglied der Nationalsynode forderte nicht weniger als die "Vollendung der Reformation im Dritten Reich". Dazu gehörte seines Erachtens die Ersetzung der lutherischen, reformierten und unierten Kirchen durch "die deutsche Volkskirche". Doch nicht nur die Bekenntnisse, sondern auch die Schrift wurden von ihm massiv in Frage gestellt. So forderte der Studienassessor neben der "Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen" auch die "Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten". Das nicht grundsätzlich abgelehnte Neue Testament sollte immerhin von allen "offenbar entstellten und abergläubischen Berichten" gereinigt und "auf die ganze Sündenbock- und Minderwertigkeitstheologie des Rabbiners Pau- lus" sollte verzichtet werden.

Ähnlich schockierend wie dieser Angriff auf die Heilige Schrift wirkte auf viele Christen außerhalb wie innerhalb der GDC der anschließende große Beifall und das offenkundige Einverständnis der anwesenden GDC-Prominenz sowie die Tatsache, daß eine Resolution im Geiste der vorangegangenen Worte Krauses von der Versammlung mit nur einer Gegenstimme beschlossen wurde. Die oppositionelle Bekennende Kirche schien also recht zu haben mit ihrer Behauptung, mit ihrem Kampf gegen die GDC Schrift und Bekenntnis zu verteidigen.

Viele Mitglieder und ganze Landesverbände trennten sich von der Glaubensbewegung. Reichsleiter Hossenfelder bemühte sich um Schadensbegrenzung, indem er zu Krause auf Distanz ging und ihn maßregelte. Der Gauobmann verlor neben seinem Amt auch seine Mitgliedschaft in der GDC sowie seine Kirchenämter. Diese Maßregelungen führten nun wiederum zu - allerdings nicht ganz so zahlreichen - Austritten auf seiten der ja auch vorhandenen Sympathisanten des von Krause vertretenen radikalen Kurses.

Doch auch durch die vorgenommene Distanzierung von Krause konnte Hossenfelder seinen Kopf nicht retten. Der Reichsleiter konnte zwar zu seiner Verteidigung anführen, daß er während der Rede Krauses gar nicht mehr im Sportpalast war, doch mußte er sich vorhalten lassen, daß zum nationalsozialistischen Führerprinzip, das die GDC übernommen hatte, neben der totalen Macht als Kehrseite der Medaille auch die totale Verantwortung des Führers gehört. Erschwerend kam für Hossenfelder hinzu, daß er selber eher dem radikalen denn dem gemäßigten Flügel zugeordnet wurde und der Reichsbischof Ludwig Müller, der als Schirmherr der GDC ebenfalls in die Kritik geraten war, nun seinerseits seine Haut zu retten versuchte, indem er sich von der Glaubensbewegung im allgemeinen und Hossenfelder im besonderen distanzierte, der sich schließlich zur Adventszeit genötigt sah, auf seine Ämter in GDC und Kirche zu verzichten.

In den Geruch der Schrift- und Bekenntniswidrigkeit geraten, personell ausgeblutet, vom Reichsbischof fallengelassen und ihres Leiters beraubt, sollten sich die Deutschen Christen nicht mehr vom "Sportpalastskandal" erholen. Manuel Ruoff